Berlin - Als Journalist muss man auf der Hut sein, die Augen immer geöffnet halten, neugierig bleiben und im Überblick behalten, was gerade angesagt ist. Andererseits will man ja auch nicht zum Berufsjugendlichen mutieren, denn das ist vor allem: peinlich. Wer die Waage halten will, und das versucht der Autor dieser Zeilen, seitdem er sein 35. Lebensjahr erreicht hat, der sollte an diesen heißen Sommerabenden das Café Tinto besuchen. 

Denn das Café Tinto ist ein Laden, den es so nicht noch einmal geben kann: ein Treff der Cool Kids in Berlin, der 20- bis 25-Jährigen, die sich allabendlich in Horden vor dieser Mischung aus Späti, Bäckerei und Snackbar treffen, um bei günstigem Bier den Tag ausklingen zu lassen und sich über das auszutauschen, was gerade „so geht“. (Vorsicht: Jugendsprache in Anführungszeichen zu zitieren, ist das erste Anzeichen für Berufsjugendlichkeit.) Jedenfalls, worauf dieser Text hinauswill: Das Café Tinto am Mehringdamm, wo die Autos so chaotisch vorbeirauschen und sich kreuzen, als wäre man in einer echten Großstadt wie New York, ist ein Geheimort geworden, der Berlin zu dem verwandelt, was Berlin irgendwann einmal sein könnte: eine Metropole.

Für den Hunger und den Durst

Wenn die Sonne untergeht, kommen sie in Horden, die jungen Leute aus dem Gleisdreieckpark und den restlichen Parks der Stadt, um sich bei billigem Bier in den Rausch zu trinken. Ich persönliche gehe dort hin, um einfach nur den Leuten zuzuschauen, ihn zuzuhören oder mich von den vorbeilaufenden Menschen inspirieren zu lassen. Wenn man vor dem Café Tinto sitzt, kann man erleben, wie aus einem harmlosen Abend um 20 Uhr nach und nach eine kleine Orgie wird. Ich garantiere Ihnen: Sie werden etwas erleben! Ab 22 Uhr sieht man meistens einen jungen Mann mit einer tragbaren Musik-Box umherspazieren, der für laute Beats sorgt.

Viktoriia Vanina
Sahika and Henriette am Café Tinto in Berlin-Kreuzberg

Die Stühle an den runden Tischen sind schnell besetzt, so dass im Laufe des Abends sich eine Menschentraube vor dem Lokal bildet. Je mehr Flaschenbier getrunken wird, desto ausgelassener wird die Atmosphäre. Wenn einen der Hunger befällt, kann man im Backshop (zugegeben: relativ schlechte) Teigtaschen bestellen. Aber das ist ja das Schöne am Café Tinto: Man kommt nicht wegen des Essens, nicht wegen des Biers, sondern wegen der  niedrigen Preise und der elektrisierenden Atmosphäre. Ich persönlich habe das Café Tinto in mein Herz geschlossen. Es ist eines meiner Lieblingsorte in Berlin. Probieren Sie es aus!

Wertung: 4 von 5 Punkten

Café Tinto, Mehringdamm, 10961 Berlin, die Öffnungszeiten sind unklar, der Autor hat das Café Tinto noch nie geschlossen gesehen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.