Schorfheide/Landkreis Barnim - Fast jedes mittelgroße Dorf in Brandenburg hat es: ein Schloss, oft mehr ein Herrenhaus denn ein wirkliches Schloss. Zu DDR-Zeiten wurden diese Güter und Anwesen getreu dem sozialistischen Gemeinsinn als Kinderheim, Ferienstätte des FDGB, als Behördensitz oder Jugendwerkhof genutzt. Aufwendungen für Renovierungen im Inneren oder Äußeren waren meist kläglich, was aber den Vorteil hatte, dass wenig zerstört werden konnte. Nach dem Mauerfall fanden sich selten Interessenten für diese großen, aber renovierungs- und kostenintensiven Anwesen, die Brandenburger Schlösser und Herrenhäuser verfielen, manche wurden zu Hotels oder Museen umgebaut, ein paar gingen nach 1990 in Privatbesitz über.

In Finowfurt im Landkreis Barnim bietet das Schlossgut einen ziemlich kläglichen Anblick: An der Vorderseite wurde der gesamte Stuck abgeschlagen, die ehemalige Eingangstreppe wurde mit DDR-Betonfertigelementen ausgebessert. An der Hinterseite ist der Stuck zwar noch weitgehend erhalten, doch aus dem gläsernen Wintergarten wachsen Bäume und Unkraut, in den geräumigen Zimmern hängen Tapeten teilweise von den Wänden herunter, das einst schöne Parkett wellt sich. Um das Bild komplett zu machen, schlängelt sich eine aluminiumfarbene Röhre aus dem Schlossgut kommend auf meterhohen Stelzen durch den Park: Das sei die Versorgung mit Fernwärme zu DDR-Zeiten gewesen, sagt der neue Schlossherr schmunzelnd ob der landschaftsruinierenden Scheußlichkeit. Wer traut sich, solch eine Ruine mit Millionenaufwand zu einem Öko-Hotel aufzumöbeln? Und das nahe der polnischen Grenze, die bislang weder für Luxus noch für Naherholung für die gestressten Großstädter bekannt war.

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Finowfurt braucht dringend Belebung, und für die will der neue Schlossherr Marc Lorenz sorgen. Der 56-Jährige wird das „Schlossgut Finowfurt“ mit dem Investor Uwe Tietz, 73, betreiben. Tietz ist schon seit 1992 im Bausektor tätig und Geschäftsführer einer Schweizer Immobiliengesellschaft. Lorenz arbeitet seit vielen Jahren im Hotelgewerbe, er hat Erfahrung mit internationalen Ketten und kleinen Boutique-Hotels rund um die Welt. Zuletzt war er im Hygge Hotel Lulu Guldsmeden in Berlin tätig und weiß daher, was die Kundschaft 2021 von Hotels und Urlauben erwartet: Entspannung, Ruhe, wenig Trubel nach anderthalb Jahren Pandemie.

Sibylle Fendt
Wildromantisch: Die Rückseite des Schlossguts offenbart eine Idee davon wie prächtig das Haus einmal war.

Tietz und ein Partner kauften das Gut 2014 und ließen sich zwei Jahre Zeit mit einem ausgefeilten Bebauungsplan, der 2017 genehmigt wurde.

2020 kam Marc Lorenz dazu und ein neuer Masterplan wurde entwickelt. Rund 25 Millionen Euro sollen nun in das Schlossgut Finowfurt investiert werden, und dann soll das Anwesen als „naturnahes Eco-Resort“ Gäste anziehen: Die Anlage soll die natürlich gewachsene Umgebung, zum Beispiel das kleine Wäldchen auf dem Gelände und den Kanal, der an das Grundstück grenzt, miteinbeziehen. Parkplätze für Autos werden nicht auf dem Gelände, sondern in der Nähe sein.

Ein Vorteil für die Renovierung sei es, sagt Tietz, dass das Haus nicht unter Denkmalschutz steht. So können verfallene Anbauten abgerissen werden und die Neugestaltung wird vereinfacht. Ein kastenförmiger Anbau aus DDR-Zeiten wird abgerissen, die Scheune wird aber erhalten und zum Veranstaltungssaal umgebaut. Die Ställe werden zu Apartment-Anlagen.

Der Finowkanal ist Deutschlands älteste künstliche Wasserstraße

Bei einem Rundgang durch das Haus mit seinen rund 800 Quadratmetern Fläche fällt auf, dass fast in jedem Raum eine andere gut erhaltene DDR-Deckenleuchte baumelt. Die zeugen wohl noch von der letzten Nutzung durch die KAP Lichterfelde, einen staatlichen Tierzuchtbetrieb, der Ställe für 600 Kühe unterhielt und zur LPG Typ III Finowtal gehörte. Zuvor hatte die Reichsfeuerwehr das Haus genutzt. Nach dem Ende der DDR wurden dann die Fenster mit Blechplatten vernagelt, Warnschilder wurden angebracht, und der Schlosspark verwilderte, sodass er jetzt eher einem Wald gleicht.

Nebenan sprossen die Wucherungen des Kapitalismus rücksichtslos aus dem märkischen Sandboden: kastenförmige Baumärkte, Supermärkte und Hamburgerrestaurants.

Erbaut wurde das Schlossgut um das Jahr 1860 herum, genau weiß man es nicht mehr. Dann kam die Familie von Arnim, die das Anwesen 1916 erwarb und es erweiterte. Die von Arnims sind in Brandenburg keine Unbekannten, auf sie sind Schlösser wie Schloss Muskau, Schloss Wiepersdorf, Schloss Boitzenburg, Gut Suckow und viele andere zurückzuführen.

Der ungeforstete Wald im Schlosspark wird demnächst zurückgestutzt, die alte Ulme mit vier Stämmen direkt vor dem Wintergarten soll natürlich bleiben, beteuert Lorenz. Am hinteren Ende des Parks fließt der Finowkanal. „Dort wird das Hotel einen eigenen Bootssteg errichten und den Gästen die Möglichkeit geben, Boote zu nutzen“, sagt Lorenz. Der Finowkanal ist Deutschlands älteste künstliche Wasserstraße, erbaut 1609 im Auftrag des Kurfürsten Joachim Friedrich Wilhelm in Handarbeit in nur vier Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er für den verstärkten Schiffsverkehr zu klein, deshalb ließ Kaiser Wilhelm II. den Oder-Havel-Kanal bauen, der weitgehend parallel verläuft. So schläft der Finowkanal heute einen Dornröschenschlaf und bietet sich für Wassertourismus an. Er wurde in den 90er-Jahren umfangreich saniert und seltene Pflanzen und Tiere siedelten sich hier an. Die „Treidelwege“ an den Ufern, an denen früher Pferde die Kähne zogen, sind heute für Radler umfunktioniert.

Um die örtliche Bevölkerung miteinzubeziehen, veranstalten die Eigentümer an einigen Wochenenden „Treidelmärkte“ auf dem Schlossgelände. Wegen der Beschränkungen durften immer nur 100 Personen gleichzeitig eingelassen werden, aber die Schlange am Schlosstor bewies, dass das Interesse da ist. Es gab Stände mit Bio-Bratwurst, Bio-Bier und anderen Spezialitäten, und Künstler stellten in den morbiden Räumen Kunstobjekte aus, die damit einen Instagram-tauglichen Hintergrund hatten.

Sibylle Fendt
Marc Lorenz (links) und sein Geschäftspartner Uwe Tietz wollen der Gegend neues Leben einhauchen.

Die Räume im Hauptgebäude, die im Moment noch ziemlich muffig riechen, sollen als Hotelzimmer gestaltet werden. Ihre Größe ist bereits so dimensioniert, dass auch anspruchsvolle Gäste genug Platz haben werden. Lorenz und seinem Partner schwebt eine Klientel vor, die durchaus bereit ist, mehr Geld für ihren Aufenthalt auszugeben, wenn die Bio-Bilanz stimmt. Überhaupt soll auf Natürliches gesetzt werden, Wohnen in relativem Einklang mit der Natur, es soll die unvermeidlichen Yoga-Kurse geben und natürlich feines Essen aus biologischem Anbau.

Die ehemaligen Stallungen im Eingangsbereich sollen zu Apartments mit Hotelservice ausgebaut werden, damit zielt man auf Gäste, die etwas länger bleiben wollen. Ähnlich arbeitet das Coconat-Resort in Klein Glien, das sich als Kombination für Arbeit und Freizeit für Digitalarbeiter sieht und sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen kann. Die Renovierung in Finowfurt soll natürlich so ökologisch wie möglich vor sich gehen, „unter Berücksichtigung ressourcenschonender und energiesparender Baubiologie“, wie es etwas blumig heißt.

2023 soll das Projekt an den Start gehen

Ähnlich anspruchsvolle Hotels sucht man in der Gegend um Eberswalde bisher vergeblich, die meisten Herbergen hier sind in der recht bescheidenen Zwei-Sterne-Kategorie angesiedelt. Natürlich wird in Finowfurt auch ein Well-Being-Bereich nicht fehlen. „Spa“ möchte es Lorenz lieber nicht nennen, weil der Fokus auf naturnahe Angebote wie Meditation, Yoga und Ayurveda gelegt werden soll. „Ayurvedische Medizin und Ernährung sollen auch eine Rolle spielen, damit wollen wir Firmen die Möglichkeit geben, ‚Corporate Wellness‘ anzubieten“, erläutert Lorenz das Konzept. Auch Lagerfeuerstelle und Sauna werden nicht fehlen.

Für Veranstaltungen, Seminare, Workshops und Co-Working für Anwohner wird die alte Scheune des Schlossgutes hergerichtet, sie wird einmal für mehr als 100 Personen Platz bieten.

Übernächstes Jahr soll das Projekt an den Start gehen, bis dahin ist noch viel zu tun. Wer jetzt schon mal die Anlage inspizieren möchte, sollte sich den Treidelmarkt am 7. August auf dem Schlossgelände vormerken.

www.schlossgut-finowfurt.de


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