Berlin - „Carto“, das ist der indogermanische Ausdruck für „Schutz“. Man findet ihn im slawischen Wort grad für „Burg“ wieder, auch im englischen yard für „Hof“, im skandinavischen gaard für „Gehöft“ – und im deutschen „Garten“.

Der Garten war einmal der Schutz vor der Wildnis. Die kleine Scholle, die der Mensch der Natur abtrotzen konnte, bevor er den Pflug erfand und Ackerbau betreiben konnte. Der letzte Vorposten der Zivilisation. Gleich hinterm Zaun, gleich hinter der Hecke begannen Feindesland, Chaos und Ödnis. Dort lauerten die Gefahr, die Willkür des Seins und das große Nichts.

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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So war es, als der Mensch sesshaft wurde. Und so ist es heute noch. Nur die Wildnis hat sich mancherorts verändert: Sie hat sich als Zivilisation getarnt, aber nicht sehr geschickt. In diesem Fall nennt man sie „Berlin“.

Drei Männer, Tagesziel 270 Kubikmeter Müll

Hinter den Zäunen und Hecken der Gartenkolonie „Glück im Winkel“ liegt es, dieses Berlin. Eine Stadt, die sich rasend bewegt und doch nie bei sich ankommt. Dort ergießt sich der Verkehr über die A100 wie ein endloser Strom aus Blech. An den Ufern entsteht die „Schöneberger Linse“, ein Neubaugebiet aus Bürokomplexen, achtlos hingeworfen, als hätte ein kindischer Gott mit einem Mal die Lust am Spiel mit seinen Bauklötzen verloren. Überall ragen Kräne empor, die immer neue Klötze hinstellen, wo doch kaum noch Platz ist. Auch der Klotz von Möbel Höffner steht herum – „Höffi“, wie die Kolonisten vom „Glück im Winkel“ verniedlichend sagen. Vielleicht sagen sie es nur, damit es nicht mehr so bedrohlich klingt. Von der Kolonie aus gesehen versinkt die Sonne abends nicht am Horizont, sondern hinterm Möbelhaus.

Da draußen, jenseits der Zäune und Hecken, in dieser wilden Zivilisation namens Berlin, hat Michael Techert 33 Jahre lang als Müllwerker bei der BSR gearbeitet. Friedenau und Schöneberg waren sein Revier. Er kannte jeden Hauseingang, jeden Hinterhof, jeden Keller, jede Ratte, jede Tonne, jede Hinterlassenschaft. Anfangs war er mit vier Kollegen in einer Schicht, Tagesziel 50 Kubikmeter Müll. Am Ende waren sie nur noch zu dritt, Tagesziel 270 Kubikmeter. Mit 58 musste er den Beruf aufgeben: Sein linkes Knie war kaputt. Er, der nicht nur den Lastwagen fuhr, sondern immer auch mit anpackte, war zu oft aus dem Führerhaus auf den harten Asphalt gesprungen. „Mein Körper wollte nicht mehr“, sagt er. Jetzt hat er eine Prothese und 18 Prozent weniger Rente.

Florian Reimann

An diesem Dienstagvormittag Mitte Mai sitzt Michael Techert, inzwischen 72, unter dem Vordach seiner Laube im Tulpenweg 65 und trinkt schwarzen Filterkaffee. Im Hintergrund läuft leise Radio „RS2 – Mein Supermix“. Auch die Autobahn rauscht, aber die höre er längst schon nicht mehr, so Techert. Seine Dackelhündin Polly, zwei, liegt neben ihm auf dem Sitzpolster und döst. „Glück“, sagt Techert, „das bedeutet für mich, dass ich endlich keinen Müll mehr sehen muss.“

Während an der Stadt da draußen immer weiter gebaut wird, ohne dass sie je ihre endgültige Form findet, ist Michael Techerts Garten ein Werk, das längst abgeschlossen ist. Die Arbeit besteht darin, diesen Zustand zu bewahren. Kein Halm soll wachsen, wo er nicht hingehört.

Florian Reimann
Kleingartenkolonie „Glück im Winkel“ in Berlin-Schöneberg

Auf den 257 Quadratmetern, die die Parzelle umfasst, herrscht etwas, für das „Ordnung“ gar kein Ausdruck ist: Es ist die Disziplin der Dinge. Hier scheint alles geradezu alphabetisch geordnet: Apfelbaum, Birnbaum, Oleander, Rosen, Stiefmütterchen. Der Rasen ist so kurz wie Techerts Haar – beide wurden gestern erst geschnitten. Die Erdbeeren und den Salat hat er in Hochbeeten angepflanzt. Das Erdreich, sagt er, sei zu sehr belastet, wegen des Kerosins, das die Piloten früher im Anflug auf Tempelhof hier abgelassen hätten. Im kleinen Teich quakt etwas schüchtern ein echter Frosch, vier unechte geben acht, dass er auch ja nicht über die Stränge schlägt. Am Rand der Beete sind zwei von Pollys Vorgängerinnen bestattet. Drei Gartenzwerge bilden das Trauerspalier. Sie schauen drein, als ahnten sie, dass sie sich nie wieder bewegen dürfen.

1975 hat Michael Techert seine Parzelle im Tulpenweg erworben. Da war er 25, ein junger Familienvater, der einen Ausgleich zu seiner Sisyphosarbeit suchte: die Tonnen von Berlin zu leeren, die sich sogleich wieder füllten. Doch das „Glück im Winkel“ war damals von der Auslöschung bedroht: Die Bundesbahn plante, einen Güterbahnhof auf dem Südgelände zu errichten. Er solle nicht zu viel Zeit und Geld in seine Laube investieren, riet ihm der 1. Vorsitzende. In zwei, drei Jahren würden die Bagger kommen und alles plattmachen.

Florian Reimann
Der Gartenzwerg darf nicht fehlen. Kleingartenkolonie „Glück im Winkel“ in Berlin-Schöneberg

Na gut, dachte sich Michael Techert, kein Glück ist von Dauer. Er zahlte einen kleinen Abschlag, zog mit Frau und Tochter in den Tulpenweg 65 und genoss jede Stunde, in der er keinen Müll sehen musste. Die Laube richtete er zunächst nur provisorisch her. Ein bisschen Ordnung ist immerhin besser als gar keine.

Es grünt vom Priesterweg bis zum Insulaner

Die Bagger kamen nie. In der Vereinschronik liest es sich so, als hätten die Kolonisten mit dem Mute der Verzweiflung den Feind selbst in die Flucht geschlagen. „Gartenfreund Günther Schulz und Gattin haben Plakate geschrieben, die bei Umzügen gezeigt wurde“, heißt es da – und schließlich: „Wir hatten Erfolg mit unseren Aktionen.“ Ob nun wegen des couragierten Einsatzes von Gartenfreund Günther Schulz und Gattin oder nicht: Die Bundesbahn ließ ihre Pläne fallen. 2009 konnte die Kolonie ihr hundertjähriges Bestehen feiern.

108 Parzellen gibt es hier. Mit den benachbarten Kolonien, die „Bergfrieden“ heißen, „Wiedervereinigung“ oder „Neue Zeit“, schließt sich „Glück im Winkel“ zum größten Areal dieser Art in Europa zusammen. Es erstreckt sich vom Priesterweg bis zum Insulaner. Die öffentliche Debatte darüber, ob die Kleingärten nicht irgendwann neuem Wohnraum weichen müssten, der in Berlin so knapp sei, verfolgt Techert mit Argwohn. „Wir sind die grüne Lunge der Stadt“, sagt er. „Die können uns doch nicht einfach wegmachen.“ Bis 2030 läuft der Pachtvertrag noch.

Im Laufe der Zeit hat Techert sich im Verein hochgedient, vom Gartenfachberater zum Leiter des Vergnügungsausschusses, zuständig für die Ausrichtung von Grillfesten und Weihnachtsfeiern, dann zum 2. und schließlich zum 1. Vorsitzenden. Dieses Amt bekleidet er seit nunmehr 20 Jahren. Kurz ließ er es ruhen, nach dem Tod seiner Frau 2015. Dann kam er zurück, weil kein anderer die Verantwortung übernehmen wollte. „Jetzt bin ich wieder der Kasper für alle“, sagt er.

Florian Reimann
Nationalstolz in der Kleingartenkolonie „Glück im Winkel“

Sein Kassenprüfer starb im letzten Winter unerwartet an einer verschleppten Grippe, seither schlägt Techert sich selbst mit den Abrechnungen herum. Tippt in seinem kleinen Büro im Vereinsheim Zahlenkolonnen in den greisen PC, heftet Belege ab. Und natürlich hilft er bei anfallenden Reparaturen, am Zaun, an der Dachrinne, am Wasserhahn. Hilft auch bei der Aufklärung von Einbrüchen, die sich in letzter Zeit häufen – immer wieder suchen Landstreicher Obdach in den Lauben. Unlängst wurde einer Dame die Handtasche entwendet.

Zuweilen muss Techert Pächter ermahnen, die es mit dem Stutzen der Hecken und dem Harken der Wege nicht allzu genau nehmen. Muss zwischen den Generationen vermitteln, der älteren, die es gern rechtwinklig und akkurat hat, und der jüngeren, die der Natur ihren Lauf lässt. „Die stellen da ’ne Hopseburg für die Kleenen hin – und fertig“, sagt Techert. „Aber jeder, wie er will.“ Er hat sich offenbar daran gewöhnt, dass nicht jeder so will wie er. Nur dass es im Verein nicht mehr so gesellig zugeht wie früher, das bedauert er sehr. „Da gab’s noch Buletten für alle. Heute ist jeder für sich. Schade.“

Florian Reimann
Ein Fan der Kleingartenkunst in Berlin-Schöneberg

Auf seinem täglichen Kontrollgang durch die Kolonie bleibt er an besonders gepflegten Parzellen stehen und blickt auf die gestutzten Rasenflächen wie ein Romantiker aufs Meer. Auf die wildwüchsigen schaut er nur aus dem Augenwinkel und winkt stumm ab, mit der gütigen Resignation des ehemaligen Müllwerkers und langjährigen Kolonievorsitzenden, der das Chaos dann doch zu akzeptieren gelernt hat. „Aber das Unkraut hier auf dem Gehweg“, sagt er und scharrt mit dem Fuß darüber, „das müssten die schon mal wegmachen. Wie sieht das denn aus?“

Warum Bayern? „Weil es da so schön sauber ist“

Von Mai bis Oktober wohnt er in seiner Laube. Auf vier mal sechs Metern hat er sich eine kleine Küche, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer eingerichtet. Im Verschlag daneben befindet sich das Bad. Aber auch in der kalten Jahreszeit, wenn das Wasser wegen der Frostgefahr abgestellt wird, radelt er jeden Tag von seiner Wohnung in der nahen Naumannstraße ins „Glück im Winkel“, um nach dem Rechten zu sehen. „Irgendwas gibt’s immer zu fummeln“, sagt er. Für seine Arbeit erhält vom Verein eine Aufwandsentschädigung von 300 Euro im Jahr. Nachdem auf sein Betreiben hin die Kolonie ans Stromnetz angeschlossen worden war und er eigenhändig die Kabelschächte ausgehoben hatte, bekam er von den Nachbarn zum Dank einen Liegestuhl geschenkt. „Aber der ist längst kaputt“, sagt er.

2023, in seinem 75. Lebensjahr, wird er sein Amt endgültig abgeben, auch wenn, wie er sagt, kein Nachfolger in Sicht sei. Dann will er sich ein Wohnmobil kaufen und durch Deutschland reisen. Sein erstes Ziel soll Bayern sein, sagt Michael Techert. „Weil es da so schön sauber ist.“

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