Berlin - Das nahende Ende der Pandemie (oder ist es etwa nur ein Luftholen?) geht mit dem Einüben alter sozialer Gewohnheiten einher. Soll man dem Gegenüber bei der Begrüßung die Hand reichen oder doch eher den Ellbogen? Sollte man sich distanziert verneigen oder doch lieber in den Arm nehmen? Wird der Wangenkuss ein Revival erleben oder eher im Abfalleimer der Geschichte landen? Die nächsten Wochen und Monate werden es zeigen. 

In Berlin müssen diese Fragen sowieso anders beantwortet werden. Denn wie jeder weiß, gehört die zwischenmenschliche Kommunikation nicht zu den Stärken des Berliners. Grummeln, murmeln und ignorieren; stoßen, drängeln und pöbeln – das sind die psychopathologischen Grundmuster, die den Hauptstädter bereits in prä-pandemischen Verhältnissen geprägt und damit zum globalen Vorbild für unhöfliches, distanziertes und virologisch maximal unbedenkliches Verhalten gemacht haben. Wer kein Berliner ist und mit der „Berliner Schnauze“ nicht unbedingt etwas anfangen konnte und vielleicht Jahre brauchte, um sich an die Ruppigkeit der Stadt anzupassen, wird nach sechs Monaten Lockdown, sozialer Isolation und innerer Immigration erneut auf die Probe gestellt und muss sich erneut an die Aggressivität der Stadt gewöhnen.

Berliner Sommer: Das Glück wird nicht lange halten

Der Klassiker, der zart besaitete Seelen in Berlin zum Staunen bringt, ist der aggressive Ton im Straßenverkehr. Nahezu jeden Tag bringt mich die kreative Art der Hauptstädter zum Staunen, was das Schimpfen, Fluchen, sich gegenseitig Anschreien betrifft, also die Alltagspraktiken der Provokation, die ich während meiner Spaziergänge ins Büro nahezu täglich beobachten darf. Mittlerweile bin ich mir gar nicht so sicher, wie genau heutzutage die Linien zwischen Freund und Feind verlaufen, ob ich die nervösen, drängelnden, wagemutig überholenden Rennradfahrer schlimmer und für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährlicher finde oder die testosterongeladenen Sportwagen-Fahrer, die es sich zum Spaß machen, die Schwächsten ihrer Mitmenschen im Straßenverkehr mit ohrenbetäubendem Motorengehäule, riskanten Bremsmanövern und lebensbedrohlichen Überhol-Stunts fürs Leben zu traumatisieren.  

Klar, der Berliner Sommer, gerade jetzt nach dem Lockdown, hat Vorteile. Er erinnert daran, wie schön Berlin sein könnte, wenn nicht gefühlt neun Monate im Jahr Winter wäre und Wolken über der Stadt eine schaurige Atmosphäre verbreiten würden. Insofern ist das kurz aufleuchtende sommerliche Wetter zwischen Mitte Juni und August eine gemeine Ausgeburt der Berliner Psychopathologie, in der die Stadt geradezu provozierend-fratzenhaft andeuten will, wie sorgenlos und optimistisch das Leben wäre, wenn Berlin am Mittelmeer läge und nicht zwischen den Wäldern und Tümpeln von Brandenburg.

Mir fällt da immer die Anekdote eines alten römischen Feldherren ein, der am Abend nach einer siegreichen Schlacht Tränen in den Augen hatte. Daraufhin fragte ihn ein Soldat: „Warum denn so traurig, mein Herr, jetzt im Moment des Glücks?“ Der Feldherr antwortete: „Ich weiß, dass auch mein Reich irgendwann untergehen wird.“ Der Blick auf den Berliner Sommer ist mit einer ähnlichen Melancholie erfüllt: Man weiß, dass das Glück nicht lange halten wird. 

Haben Sie schon versucht, einen Sitzplatz in einem Biergarten zu ergattern?

Dieses Wissen um das kurze Glück ist es, denke ich, dass den Berliner Sommer zu einer zwiespältigen Angelegenheit macht. Denn alle Berliner haben in den Sommermonaten den gleichen Gedanken: Sie wollen aus dem Sommer alles herausholen und wissen um die vier Millionen Menschen, die Ähnliches wollen. So beginnt ein Wettrennen der Glückssucher an Berliner Seen, in Biergärten, Cafés, Restaurants, also an den spärlich gesäten schönen Orten Berlins, in einer immerzu wachsenden und dichter werdenden Stadt, in der die Berliner dem Mitmenschen nichts gönnen können oder nichts gönnen wollen. Mein Gefühl ist, dass aus diesem Grundgefühl heraus die Berliner Ruppigkeit entsteht. Eigentlich verwunderlich, dass trotz der großen Restaurant- und Café-Dichte ein Samstagsmorgen-Frühstück oder Freitagabend-Dinner nicht ohne Schlangestehen zu bewältigen ist, bei dem sich Berliner griesgrämig beäugen und den anderen in der Schlange als verachtenswerte Konkurrenz betrachten. 

Haben Sie in letzter Zeit versucht, einen Sitzplatz in einem Biergarten zu ergattern? Ist es Ihnen gelungen, in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg irgendwo draußen sitzend zu einer Premiumzeit (Freitag, 20 Uhr) eine Pizza zu bestellen? Ich für meinen Teil bin wiederholt von Laden zu Laden gegangen, um immer wieder eine Absage zu erhalten, so dass ich schließlich in meine Wohnung schleichen und eine Pizza bei einem Lieferdienst bestellen musste, obwohl ich mir geschworen hatte, bis November 2021 die Wolt- bzw. Lieferando-App nicht mal mit dem kleinen Finger zu berühren. 

„Die Hölle, das sind die anderen“, schrieb Sartre

Das alles wäre vertretbar, wenn ich nicht in diesem Scheitern daran erinnert werden würde, dass meine kleinen Anforderungen ans Berliner Leben (Altbau, gute Pizza am Abend) so kleinbürgerlich, spießig und kleinkariert wären wie die Bedürfnisse der vier Millionen anderen Menschen in dieser Stadt, die ähnlich verzweifelt versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Kein Wunder, dass das Fluchen, Pöbeln, Maulen und Motzen provoziert. Jetzt nach dem Lockdown fällt es mir besonders stark auf. Die Solidarität aus der Pandemiezeit ist vorbei. Jetzt geht es darum, sich seinen Platz in der Sonne zu ergattern.  

Auffallend beim elenden Warten auf einen freien Sitzplatz vor Kreuzberger Restaurants oder beim Spazierengehen durch das sommerliche Berlin nach dem Lockdown ist aber noch ein ganz anderer Umstand: neben den aggressiven Auto- und Radfahrern und pöbelnden Fußgängern ist ein weiterer Berliner Phänotypus hinzugekommen, der das Berliner Alltagsleben unsicherer und aggressiver macht: der E-Scooter-Fahrer. Viel ist über den E-Scooter geschrieben worden, der wegen seiner häufig chaotischen Parkposition die Ränder der Berliner Gehwege blockiert und die vielen (neuen) Hundebesitzer beim Spaziergang mit ihrem Tier zum Slalomlaufen zwingt. Der E-Scooter-Fahrer wirkt wie ein Ausstoß aus dem Mutterleib Berlins, als wäre er erfunden worden, um die Rüpelhaftigkeit der Berliner Rotzigkeit auf ein neues Level zu heben. 

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

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Ich kann mich an keinen Sommer erinnern, an dem so viele hirnverbrannte, achtlose, bewusst provozierende E-Scooter-Fahrer mit ihrem Fahrverhalten den Berlinern den Verstand und normalen Durchschnittsmenschen die Ruhe raubten. Neulich sah ich einen E-Scooter-Fahrer bedrohlich nah an eine junge Frau heranrollen und erst kurz vor dem drohenden Aufprall die Richtung ändern, um einen Unfall letztlich doch noch abzuwenden. (Die Frau reagierte mit Motzen, ein typisches Berliner Wortgefecht entstand.) Vor ein paar Monaten wurde mir in Kreuzberg meine Kreditkarte geklaut. Die Polizei informierte mich, dass der Dieb sie vor allem dafür nutzte, Spritztouren mit E-Scootern durch die Innenstadt zu unternehmen. Schon allein weil ich den E-Scooter-Fahrer als schlimmstes Glied in der Berliner Pöbel-Kette identifiziere, habe ich mir geschworen, niemals auf so ein rollendes Ungetüm zu steigen. 

Sechs Monate nach dem Lockdown, wieder im Freien, muss ich daran denken, was Jean-Paul Sartre in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ schrieb: „Die Hölle, das sind die anderen.“ In Berlin klingt der Satz wie eine salomonische Hymne nach.

Haben Sie eine Geschichte für „Brutal Berlin“? Schreiben Sie uns: briefe@berliner-zeitung.de


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.