Berlin - Ich packe meinen Rucksack und nehme mit: meinen Impfpass. Scheiße, wo ist mein Impfpass? Seit Jahren sucht Deutschland den Impfpass, und jetzt, da Deutschland ihn findet, suche ich, Trottel, immer noch. Okay, locker bleiben, keine Krampfader im Impfarm riskieren, ist bestimmt im wichtigen Ordner. Dafür habe ich doch einen wichtigen Ordner, genau für diesen Fall, dass es Wichtiges zu erledigen gibt, zum Beispiel: Antrag auf Kostenbescheid nach dem – Was ist die Steigerung von Buchstabensuppe? – Tagesbetreuungskostenbeteiligungsgesetz oder – Richtig, Wörtersee! – Bescheinigung über Beitragszeiten aus Entgeldersatzleistungen in der Rentenversicherung. Oder einfach nur eine Impfung. Ein Milliliter Moderna. Der erste Schuss ins Glück. Meine Exitstrategie für die Pandemie. Und wo ist noch mal der wichtige Ordner?

Als am Flughafen Tegel vor ein paar Wochen die letzten Gates schlossen, diesmal wirklich, also endgültig auch kein Start, für immer keine Landung mehr, da war ich traurig, wie man eben traurig ist, wenn etwas zu Ende geht. Die letzte Staffel einer Serie. Ein Jahrhundertsommer. Oder eine Beziehung. Gäbe es ein Gesetz, das die Heirat mit einem Flughafen erlaubt, ich hätte Tegel mein Ja gegeben. Wäre danach niemals fremdgeflogen. Vor allem nicht von Schönefeld aus, wo diese hingerotzte Menschenabfertigungshalle steht und jetzt dieser hingepfuschte BER so tut, als wäre er fertig. Weiß nicht, war nie da. In meiner Vorstellung sieht der BER so aus wie eine verschrumpelte Ingwerknolle.

Tegel, thx, TXL, wo man vor Reiseglück im Sechseck springen konnte, das war ein Fest aus Form und Funktionalität, und immer Kurzstrecke möglich. Einmal lagen keine fünfzig Meter zwischen Autoausstieg und Flugzeugeinstieg, und dass der Koffer irgendwo falsch abgebogen war, lag bestimmt am Bodenpersonal in Rom Flumicino, fck, FCO. Was Tegel auch war: raucherfreundlich, weil man schnell noch mal konnte, wenn man musste. Und: gnädig zu Leuten, die wichtige Dinge in wichtigen Ordnern so gut verstecken, dass sie fast zu spät kommen zum Flughafen. Mein persönlicher Rekord abzüglich Zigarettenzwischenpause: 27 Minuten vor Abflug am Check-in. Doch das war damals, als das Leben sich noch frei wie New York, Rio, Tokio anfühlte. Nicht wie eine Zwangsjacke aus Neubrandenburg, Retzow, Teltow. Oder maximal wie Buchstabensuppe am Wörthersee.

Als vor ein paar Wochen das Impfangebot im Briefkasten steckte, plötzlich ein Türspalt zur Welt aufging, war für mich klar: die neue Freiheit kann nur dort beginnen, wo die alte gerade aufgehört hat. Noch einmal Tegel sehen, dann sterben lassen. Der Flughafen ist ja nur noch ein Impfzentrum.

Auf Spritztour gehe ich mit dem Fahrrad. Tipp für Nachahmer: In rasender Impfeuphorie den Kurt-Schumacher-Damm entlang bloß nicht versehentlich in den Sog A111 geraten, sondern parallel der Rue Domique Larray folgen. Die Straße ist nach einem französischen Militärarzt benannt, der aber leider schon tot ist und daher auch nicht mehr eingreifen wird, wenn ein Radfahrer unter die Räder stärker motorisierter Impfdrängler kommt.

Im Babyelefantenabstand arrangierten Impflinge

Es gibt tatsächlich Fahrradständer am Impfflughafen Tegel, das ist die gute Nachricht nach zwei passierten Kontrollpunkten. Als würde man das Land verlassen. Oder eine unsichtbare Grenze passieren zwischen Corona City und Vaccine Village. Geht immerhin auch ohne Impfpass. Die weniger gute Nachricht: Vor Terminal C wie Corona und Covid und jetzt nicht die Contenance verlieren hat sich eine Schlange gebildet, die den Namen auch verdient. Sie schlängelt sich hier und da und da hinten noch einmal um die Ecke, bevor die im Babyelefantenabstand arrangierten Impflinge hinter einer Schiebetür verschwinden.

Aus zwei Gründen ist die Szene beklemmend: Erstens, weil keiner spricht. Alle tragen Maske und haben nach über einem Jahr Pandemie immer noch nicht gelernt, mit den Augen zu lächeln. Alle sind außerdem allein, denn in der Vaccine-Village-Verordnung heißt es: „Eigene Begleitperson dürfen nicht ins Impfzentrum hinein, das gilt auch für Kinder und Enkel.“ Also klammern sich die Leute an ihre Smartphones (die Jüngeren) oder an ihre Klarsichthüllen (die Älteren), aus denen es gelblich schimmert. Digitales Deutschland? Analoger Impfpass!

Beklemmend zweitens, weil das Schweigen, die zwischen Anspannung und Vorfreude erstarre Stimmung am Boden, das Ohr freigibt für die Geräusche, die aus der Luft kommen. Da ist dieser Chor aus Dutzenden um Baumwipfel kreisenden Krähen, und wer wie ich mehr angespannt als vorfreudig ist und Hitchcocks „Die Vögel“ zu früh im Leben gesehen hat, ist froh, als die gutgelaunten Helfer mit den bunten Westen und den Worten „Wir helfen Berlin“ auf dem Rücken endlich näher kommen. Sicher bin ich aber erst, als ein Mann mir die Thermometerpistole auf die Stirn setzt, es einmal piept, ich passieren darf. Niemand fragt nach meinem Impfpass.

Terminal C hat sich verändert. Viele Trennwände, labyrinthische Gänge, „Wie geht es Ihnen heute?“, ich soll erst mal auf ein aufgemaltes Kreuz treten – und dann geht alles ganz schnell. Ein Mann – „Haben Sie irgendwelche Fragen?“ – weist mich dem Wartestuhl Nummer 10 zu, über dem mich das Deutsche Rote Kreuz Kreisverband Müggelspree „Herzlich Willkommen“ heißt.

Dann führt mich eine Frau – „Gleich haben Sie es geschafft“ – zum Aufklärungsschalter 28, wo ich vielleicht schon mal einen Koffer auf das Band gewuchtet habe und jetzt immer noch eine Liste der im Reisegepäck verboten Gegenstände ausliegt: starke Magnete, radioaktive Stoffe, Taschenmesser, Spritzen, haha. „Ja“, sagt die Aufklärungsschalterfrau, „wirklich lustig, den Witz machen viele hier.“ Sie lacht auch noch mal mit mir. „Und ihr Impfpass?“ Ähm, vergessen. „Nicht schlimm, beim zweiten Mal bitte mitbringen.“

Anhänger des FC Moderna oder von Torpedo Sputnik

Ich bekomme einen Aufkleber („Impfen ist Liebe“) und einen rosafarbenen Zettel und schwebe schon fast auf Impfwolke sieben davon, dabei soll ich erst mal unten bleiben, den rosafarbeben Pfeilen folgen, „und bitte nicht den hellblauen“. Denn Rosa steht für Moderna, das ist mein Stoff, mein letztes Mal Abheben in Tegel. Hellblau führt zu den Impfkabinen mit Biontech.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
Was passiert in Belarus? Warum riskiert Alexander Lukaschenko jetzt alles? Die große Analyse zum Belarus-Konflikt

Vonovia fusioniert mit Deutsche Wohnen. Was das für die Berliner Mieter bedeutet

Wo landet unser Müll? Wahrheiten und Mythen übers Recycling

Die großen Food-Seiten: Eines der besten chinesischen Restaurants liegt wohl in Schöneberg. Und: Ein Kreuzberger Sommelier tischt auf

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Irgendwann, denke ich, werden Pharmaclans und Fußballmafia die Idee haben, gemeinsam Geschäfte zu machen. Sie werden uns zu Impfultras erziehen, zu Anhängern des FC Moderna, von Eintracht Biontech-Pfizer, Astrazeneca United oder Torpedo Sputnik. Impfgegner werden Masern und Pusteln wie Treuepunkte sammeln, und wir, die Impfultras, werden um die Weltgesundheitsmeisterschaft spielen.

Bevor ich in die Dystopie abdrifte, holt mich ein Mann mit nur drei Worten in die Realität zurück. Er steht am Ende des Labyrinths, auf den Absprerrbändern prangt, bäh, BER, weil es dort anscheinend nichts abzusperren gibt, und dann sagt er den Satz, den bereits Tausende Berliner gehört haben: „Willkommen im Paradies.“ Dazu ein Lachen, das zurückgelacht werden muss. Ich gehe weiter: „Willkommen im Paradies.“ Und noch mal: „Willkommen im Paradies.“ Der Impfflughafen ist in Wahrheit der Garten Eden. Lassen wir uns nicht noch mal vertreiben.

Man kann also doch mit den Augen lachen

Wartestuhl 10, Anmeldeschalter 28, am Ende Impfkabine 39, sollte ich jemals wieder Lotto spielen, ist mir schon mal ein Dreier sicher. Die Ärztin schaut mich skeptisch an, als würde sie meine Gedanken lesen können. Wahrscheinlich bin ich nicht der Erste, der hier Glückszahlen sammelt. Ich würde von ihr gern wissen, wie viele Menschen sie schon geimpft hat, welchen Arm die Leute bevorzugen, wie das so ist, im Paradies zu arbeiten. Sie sagt nur: „Sie stellen so viele komische Fragen, sind Sie nervös, geht es Ihnen gut?“ Nein, ja, in den linken Oberarm, bitte, pieks, danke. „Wissen Sie denn, wo ihr Impfpass ist? Den sollte man gut aufbewahren.“

Ich folge den gelben Pfeilen zum Erholungsraum, nach einer Viertelstunde darf ich mich selbst entlassen, und während ich mich setze, die Leute um mich herum betrachte, wie sie telefonieren, texten, Impfies mit einem Impfbären schießen, fällt mir auf, dass man es kann, dass ich es erkenne, dieses: Mit-den-Augen-lachen. Als würden hier alle gleich in ein Flugzeug steigen. In ein fernes Land fliegen. Oder erst mal in ein neues Leben. Ich muss meinen Impfpass finden.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.