Berlin - Bis ich Anfang 30 war, habe ich mich an guten Tagen als Mensch mit einer Besonderheit empfunden, als nicht alltäglich. Ich wusste, dass ich intersexuell bin. Seit ich 16 oder 17 war kannte ich diesen Begriff, mein Körper unterschied sich von dem anderer Frauen. An weniger guten Tagen war das eher eine Krankheit für mich. Bis Anfang 30 hatte ich auch nie einen Freund, war mit meinem Job verheiratet. Für meine Karriere war das förderlich. Ich habe erst bei einer Bank, dann bei einer großen Unternehmensberatung gearbeitet.

Zu mir selbst gefunden habe ich erst in Berlin. Ich bin für den Job hergekommen, aber ich wusste schnell, dass ich bleiben will. Zehn Jahre ist das jetzt her. Vorher bin ich fünfmal umgezogen, habe in Australien, Wien, und anderen Städten in Europa gelebt. An keinem dieser Orte wäre ich darauf gekommen, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Österreich, meine Heimat, ist im Kern konservativ. Selbst in Wien ist das ganze Liberale ein bisschen aufgesetzt. Ich hatte nie Freunde aus der LGBTQ-Szene, auch im Studium nicht. Ich habe Wirtschaft studiert und Recht, da diskutierst du keine Genderfragen.

In Berlin konnte ich mit vielen Dingen auf einmal völlig unverkrampft umgehen. Es war ein Neustart. Ich habe schnell tolle Freunde gefunden und mich Knall auf Fall verliebt, in eine Frau. Mir wurde klar, dass ich lesbisch bin. Durch einen Zufall bin ich außerdem auf einen Psychologen gestoßen, der Kinder mit AGS behandelt. Adrenogenitales Syndrom. So heißt die Besonderheit, mit der ich auf die Welt gekommen bin.

Es ist eine Stoffwechselstörung, die mit einem veränderten Hormonhaushalt einhergeht. Vereinfacht gesagt, war ich im Mutterleib zu viel Testosteron ausgesetzt. Ich bin in einer mittelgroßen Stadt aufgewachsen, meine Mutter war bei meiner Geburt nicht mehr berufstätig, mein Vater leitender Angestellter. Kluge, verständnisvolle Leute. Die Ärzte sagten meinen Eltern nach meiner Geburt, dass ich schnell am Harnleiter operiert werden und mein Leben lang jeden Tag Medikamente nehmen muss, weil mein Körper nicht genug Cortisol produziert. Meine Mutter hat gesagt, wir kriegen das in den Griff. Meine Eltern haben sich schlau gemacht, sie waren an meiner Seite. Aber sie haben es eben als körperliche Krankheit angesehen. Mit 16 wurde ich das zweite Mal operiert, ein geschlechtsangleichender Eingriff. Es gab nur keinen Psychologen, mit dem ich reden konnte. In Österreich habe ich vier Therapeuten probiert, aber keiner wusste, was AGS ist.

Ich habe gelernt, meine Insel zu verlassen, Brücken zu schlagen. 

Der Psychologe in Berlin wusste es ganz genau. Ich habe angerufen und gesagt: Ich bin kein Kind mehr, aber ich habe AGS, haben Sie Zeit für mich? Mit ihm zu arbeiten, hat alles verändert. Ich habe gelernt, meine Insel zu verlassen, Brücken zu schlagen und den Mut gefunden, mich anderen gegenüber wirklich zu öffnen.

Wenn über Intersexualität geredet wird, geht es viel um den Körper. Aber das Körperliche ist, dumpf gesagt, etwas technisch. Ich wurde viermal operiert, mit 25 und mit 36 noch einmal, zuletzt in Krefeld von einer sehr fähigen Ärztin. Ich hätte sogar Kinder bekommen können, aber ich habe diese Entscheidung zu lange vor mir weggeschoben. Pech mit Ärzten hatte ich nie. In Berlin bin ich bei einer Koryphäe in Behandlung, alle sechs Monate nimmt er mir Blut ab, überprüft meine Medikamente. Ich muss auf meinen Cortisolspiegel achten, damit ich nicht kollabiere, das kann richtig gefährlich werden.

Mein seelisches Gleichgewicht zu finden war komplizierter. Es ging dabei übrigens nie um die Frage, ob ich eine Frau bin. Auch das wird oft missverstanden. Es gibt verschiedene körperliche Besonderheiten, die unter Intersexualität zusammengefasst werden. Aber nur eine Minderheit von uns hat keine klare geschlechtliche Identität. Über meinen Arzt habe ich an einer europaweiten Studie teilgenommen, von 1040 Intersexuellen haben sich nur 14 weder als Mann noch als Frau empfunden. Mir jedenfalls war immer klar, dass ich weiblich bin. Ich würde auch nie das d für divers für mich verwenden, ich wüsste nicht, warum mich das besser beschreiben sollte. Auch wenn ich es gut finde, dass andere diese Option jetzt haben. Ich gendere auch nicht, ich tue mich schwer mit den Brüchen, die dadurch in die Sprache kommen. Vielleicht bin ich da eher konservativ.

Inzwischen ist meine Intersexualität nur noch eine Bereicherung für mich. Neben meiner Weiblichkeit ist auch ein männlicher Anteil in mir, beides ist nicht auseinanderzuhalten, und das ist cool. Ich habe eine tiefe Stimme, die ich mag, auch wenn ich am Telefon manchmal als Herr angesprochen werde. In Berlin habe ich mich selbstständig gemacht, bin Geschäftsführerin in zwei Firmen. Ich denke unglaublich logisch, wahnsinnig strategisch und hab’s im Job immer mit allen Männern aufgenommen. Die Selbstzweifel, die viele Frauen haben, kenne ich nicht. Meine Freundin sagt manchmal: Ah, das ist jetzt also der andere Teil von dir.

Es gibt eigentlich nur eine Sache, die mich manchmal traurig macht, einen Wermutstropfen. Ich hätte gern schon zehn Jahre eher die Ärzte und Psychologen gefunden, die mir geholfen haben, zu verstehen, wer ich bin. Aufgezeichnet von Wiebke Hollersen. 

Sophia ist nicht der echte Name der Protagonistin. Er wurde für die Berichterstattung geändert.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.