Berlin - Mein Freund Suresh ist an Covid-19 erkrankt. Er und seine Frau leben in Bangalore, im Süden Indiens. Als er zunehmend Probleme mit dem Atmen bekam, konsultierte er einen Arzt online. Dieser riet ihm, ins Krankenhaus zu gehen. Dabei sind, wie jeder weiß, alle Krankenhausbetten der Stadt seit Wochen belegt. Sureshs Sohn brachte ihn trotzdem zur Notaufnahme. Das Personal wies ihn ab. In absehbarer Zeit seien keine Betten verfügbar. 

Seine Frau telefonierte herum und versuchte, Sauerstoffbehälter für den Heimgebrauch zu erhalten. Ohne Erfolg. Sie postete Hilferufe online. Auch das führte zu nichts. Sie informierte sich über die kostspieligen Sauerstoffkonzentratoren. Doch diese sind ebenfalls nicht erhältlich, frühestens wieder ab Mai. Alles, was Suresh bleibt, ist, sich an den Rat des Arztes zu halten: Auf dem Bauch oder auf der Seite liegen. Ruhig atmen.

Eine humanitäre Katastrophe überrollt den Subkontinent

So wie Suresh geht es derzeit vielen im Land. Und zahlreichen geht es weitaus schlechter. Die Menschen übernachten auf Tragen vor den Krankenhäusern. Sie ersticken, weil es nicht genug Sauerstoffvorräte gibt. Die Krematorien sind überfüllt, Leichen werden am Straßenrand verbrannt. In der Hauptstadt Neu-Delhi, wo die Infrastruktur deutlich besser ist als in ländlichen Gegenden, starben am vergangenen Wochenende in einem Krankenhaus allein fünfundzwanzig Patienten innerhalb weniger Stunden, weil sie keine Luft mehr bekamen. 

Die nationalen Infektionszahlen brechen traurige Weltrekorde. Vergangene Woche waren es täglich mehr als dreihunderttausend Infizierte. Zugleich sind erst zehn Prozent der Bevölkerung geimpft. Auf dem Schwarzmarkt werden wirkungslose Vakzine verkauft. Reiche Inder fliehen im Privatjet ins Ausland. Eine humanitäre Katastrophe ungeahnten Ausmaßes überrollt den Subkontinent.

In Scharen reisen sie zu ihren Familien, zurück aufs Land

Dabei sah es zu Beginn gar nicht so düster aus.

Anfang 2020: Als Corona erste Schlagzeilen macht, ist in meiner Familie die Sorge um Indien groß. Jeden Tag telefoniert meine Frau, die in Indien geboren und aufgewachsen ist, mit ihren Eltern. Diese leben in Neu-Delhi. Eigentlich verbringen wir jedes Jahr viele Monate in Indien. Ich betrachte das Land als meine zweite Heimat. Dort habe ich enge Freundschaften geschlossen und geheiratet, dort hat unsere Tochter laufen und ihre ersten Worte auf Hindi gelernt.

Meine Schwiegereltern verlassen nur noch selten ihre Wohnung. Sie schicken Urmila, ihre Haushaltshilfe, heim und geben ihr bis auf weiteres frei. Dennoch zahlen sie ihr weiterhin Lohn. Das Überleben in der größten Dienstleistungsgesellschaft der Welt ist auch ohne Corona schon hart genug.

Viele andere verlieren ihre Jobs. Als die Angst vor Infektionen wächst, werden sie entlassen. Die meisten von ihnen sind Tagelöhner. Sie können sich ein Leben in der Stadt ohne stetes Einkommen nicht leisten. In Scharen reisen sie zu ihren Familien, zurück aufs Land, in die Dörfer. Zum allgemeinen Erstaunen halten sich die Infektionszahlen trotzdem in Grenzen. Vielleicht hat das mit den wenigen Tests zu tun oder mit der recht jungen und somit widerstandsfähigeren Bevölkerung – das Durchschnittsalter ist 28. Vielleicht aber auch mit der strengen Corona-Politik der Regierung. 

Der Flugverkehr wurde eingestellt

Frühzeitig und binnen kurzem werden Schulen, Kindergärten, Geschäfte usw. geschlossen. Ausgangssperren werden verhängt. Über mehrere Wochen hinweg dürfen ältere Personen nicht einmal mehr das Haus verlassen. Rückkehrer aus dem Ausland müssen in Quarantäne. Während in Europa und in den USA die Pandemie etliche Opfer fordert, wirkt Indien gewappnet.

Meine Schwiegereltern wollen sich nicht darauf verlassen. Sie möchten nach Berlin reisen. In Deutschland wird man der Pandemie effizient begegnen, glauben sie. Doch der Flugverkehr zwischen Indien und dem Rest der Welt wird eingestellt, um die Infektion in Schach zu halten.

Als wäre die Pandemie woanders, nur nicht in Deutschland

Dann ein Hoffnungsschimmer: Die Bundesregierung handelt mit Indien Extra-Flüge aus, um deutsche Staatsangehörige in die Heimat zu befördern. Die gute Nachricht: Meine Schwiegermutter, Inhaberin eines deutschen Passes, könnte so das Land verlassen. Die schlechte: Mein Schwiegervater nicht. Er besitzt „nur“ einen indischen Pass und keine Aufenthaltsgenehmigung. Die Bundesregierung stellt also das Paar, das seit fünfzig Jahren verheiratet ist, vor die Entscheidung, sich entweder zu trennen oder nicht nach Deutschland zu kommen.

Sie bleiben in Neu-Delhi. Erst nach erheblichem, öffentlichem Druck erweitert Deutschland die Einreisebeschränkungen und lässt nun u. a. auch Ehepartner, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, ins Land. Als meine Schwiegereltern im Spätsommer 2020 in Berlin eintreffen, staunen sie, wie viel Normalität in der Stadt herrscht. Leute gehen zu Kulturveranstaltungen, planen ihren Urlaub, machen Party, ignorieren die Maskenpflicht. Als wäre die Pandemie woanders, nur nicht in Deutschland.

Schulter an Schulter ziehen die Leute durch die Straßen

Wenig später macht Indien wieder auf. Die Wirtschaft wird hochgefahren. Erneut raten Fachleute zur Vorsicht, nachlässiges Verhalten könne die Situation deutlich verschlimmern.

Auf sie wird nicht gehört. Der Alltag rauscht zurück und wird mit offenen Armen empfangen. Nach einem strengen Lockdown ist das Bedürfnis nach menschlicher Nähe umso intensiver. Zudem steht die Hochzeitssaison an. Die damit verbundene Industrie ist ein Tragpfeiler der indischen Wirtschaft. Über 40 Milliarden US-Dollar werden jährlich dafür ausgegeben. Noch dazu hält man an bestimmten Daten fest, die auf günstigen Sternenkonstellationen basieren, für eine glückverheißende Ehe. Tausende kommen zusammen und trinken, tanzen, reden. Ein Fest für Viren.

Noch mehr Menschenmasse ballt sich auf den großen politischen Versammlungen in Tamil Nadu und in Bengalen. Schulter an Schulter ziehen die Leute durch die Straßen und stehen stundenlang beisammen, um den Reden der Politiker zu folgen. Die wenigsten tragen Masken.

Die Kumbh Mela ist ein Superspreading-Event

Die größte Teilnehmerzahl aber hat in jedem Fall die Kumbh Mela. Eines der bedeutendsten Pilgerfeste im Hinduismus findet eigentlich alle zwölf Jahre in Haridwar statt, 2021 aber schon nach elf Jahren. Die Regierung richtet sich nach den Empfehlungen der Astrologen. Man setzt auf die Einnahmen durch den Pilgertourismus. So machen sich im April zig Millionen auf den Weg, um einmal im heiligen Flusswasser zu baden. Dies geschieht, als die Infektionszahlen bereits heftig steigen.

Es gibt kein Hygienekonzept. Kaum jemand trägt eine Maske oder hält Abstand. Die einzige Einschränkung ist, dass das Festival nur dreißig Tage dauert, anstatt der üblichen vier Monate. Mahant Narayan Giri, ein sogenannter geistlicher Führer, twittert: „Der Tod ist unausweichlich, aber Traditionen müssen fortgeführt werden.“

Und nun kommt zu diesen Superspreading-Events auch noch die neue Mutante B.1.617 hinzu. Es liegt nahe, dass sich das Virus auch deshalb so rasant verbreitet. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es aber noch kaum. Virologen in England sehen bisher in der Mutante eine größere Bedrohung als Fachleute in Deutschland.

Der indische Premierminister trägt Mitschuld

Das Gesundheitssystem ist jedenfalls überlastet. Dabei hatte das Land beste Voraussetzungen, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen. Nicht nur ging man zu Beginn entschlossen gegen eine Verbreitung des Virus vor, Indien ist auch einer der weltgrößten Produzenten von Arzneimitteln. Das hat man sich zunutze gemacht. Aktuell haben circa 140 Millionen Inder mindestens eine Dosis Impfstoff erhalten. Die Kampagne läuft deutlich effektiver als hierzulande.

Meine Schwiegereltern erstaunt das. In den vergangenen Monaten haben sie mehrmals mit dem Gedanken gespielt, nach Indien zurückzukehren. Die Situation in Deutschland wirkte lange Zeit bedrohlicher und zäher. In Indien wurden viele ihrer gleichaltrigen Freunde bereits vor Wochen geimpft.

Inzwischen sind meine Schwiegereltern froh, nicht abgereist zu sein. Sie fühlen sich hier sicherer und verlängern immer wieder die Miete ihrer Charlottenburger Wohnung, die sie über Freunde gefunden haben. Es tut gut, sie in der Nähe zu wissen. Noch ist das Gesundheitssystem hier nicht am Ende. Und an Wochenenden treffen wir sie oft im Park, zur großen Freude unserer Tochter, die so gern mit „Nana“ und „Nani“ spielt. Mein Schwiegervater hat soeben seine zweite Impfung hinter sich gebracht, der Termin meiner Schwiegermutter steht zumindest schon fest. Jeden Tag verfolgen sie mit Sorge die News aus Indien, telefonieren mit der Verwandtschaft und Freunden. Es ist unklar, wann die Lage stabil genug sein wird, damit sie in die Heimat zurückkehren können.

Die indische Regierung hat eine Bedrohung zu einer Tragödie werden lassen. Indiens Premierminister Narendra Modi spielt dabei eine entscheidende Rolle. Seine PR-Maschinerie präsentiert ihn gerne als Macher, als Vater der Nation. Seine Biografie ist beeindruckend. Er stammt aus einer niedrigen Kaste, hat seine Karriere als Chaiboy, Teejunge, begonnen, seinen Heimatstaat Gujarat wirtschaftlich auf Vordermann gebracht und die korrupte Gandhi-Familie vom Thron gestoßen. Der Mann mit dem weißen Vollbart und dieser undurchschaubaren Miene, der sich rein vegetarisch ernährt, weder Alkohol noch Tabak konsumiert, und zwar verheiratet ist, aber nicht mit seiner Ehefrau lebt, vermittelt die Autorität eines selbstbewussten Staatsoberhaupts.

Modi bricht ein Interview mit CNN ab

Aber dieses Bild hat Risse. Modi spaltet die indische Gesellschaft. Er war bereits vor Corona umstritten. Als er noch Chief Minister von Gujarat war, fand dort ein Anschlag von Muslimen auf einen Zug mit hinduistischen Pilgern statt. Danach kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen. Modis Regierung verhängte nur eine Ausgangssperre, verhinderte aber nicht, dass die Situation eskalierte.

Auf beiden Seiten starben Hunderte, ein Großteil von ihnen Muslime. Humanitäre Organisationen klagten die Regierung danach an, nicht ausreichend gegen die Gewalt vorgegangen zu sein. Unklar ist bis heute Modis Beteiligung. Niemand weiß, wurde er von den Ereignissen überrascht oder hat er weggesehen, als in den Straßen das Sterben begann?

Genau darum geht es bei der Kritik an Modi oft: was er nicht tut. Er verurteilt es nicht öffentlich, als in einem Dorf ein Moslem von einem Mob gelyncht wird, weil er Rindfleisch gegessen und zu Hause aufbewahrt haben soll. Modi bricht ein Interview mit CNN ab, als man ihn zu den Ausschreitungen befragt. Er distanziert sich als Staatsoberhaupt und Repräsentant aller Volksgruppen Indiens – unter anderem einer Minderheit von immerhin rund 170 Millionen Muslimen – nicht vom rechten Rand seiner Partei, der BJP.

Jeder Atemzug bringt Hoffnung

Kein Wunder, dass er derzeit in den sozialen Netzwerken als „Nerondra“ bezeichnet wird. Das Land brennt, und seine Regierung unternimmt zu wenig, um das Feuer zu löschen. Stattdessen rät er in öffentlichen Ansprachen dazu, Abstand zu halten, Masken zu tragen, sich die Hände zu waschen – während die Bevölkerung erstickt.

Der Zustand von Suresh, meinem Freund aus Bangalore, hat sich bisher zumindest nicht verschlechtert. Jeder Atemzug bringt Hoffnung. Obwohl er aufgrund seines Alters und Geschlechts zur Hochrisikogruppe zählt. Ein Sauerstoffgerät konnte seine Familie weiterhin nicht organisieren. Suresh und seine Frau harren zu Hause aus.

Die Lage ist so dramatisch, dass selbst Erzrivale Pakistan Indien medizinische Unterstützung angeboten hat. Auch Deutschland will Nothilfen schicken. Man stehe „Seite an Seite in Solidarität mit Indien“, hieß es in einer Presseerklärung der Bundeskanzlerin. Weniger freundlich klang Merkel in einer Videokonferenz, als sie Konsequenzen andeutete, sollte Indien seiner Impfstoffproduktion nicht nachkommen. „Man hat Indien erlaubt, ein so großer Pharmaproduzent zu werden“, sagte sie.

Diese eurozentrische Haltung stößt inmitten der aktuellen Lage in Indien auf Unverständnis. Das Land hat bisher 66 Millionen Impfdosen an 94 Nationen geliefert und damit wesentlich zur Bekämpfung der Pandemie beigetragen. Während Menschen weltweit von der indischen Produktion profitieren, wurden die meisten Inder bisher nicht geimpft. 

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.