Berlin - Unsere Autorin arbeitet selbst als Pornofilm-Produzentin und -Darstellerin. Sie ist Mitbegründerin der Amateur-Pornoseite „Lustery“ sowie der Porno-Produktionsfirma „HardWerk“. In diesem Text spricht sie sich für ihre ultimative Fantasie aus: Gangbangs. Vorsicht, unsere Autorin hat ganz bewusst explizite Sprache verwendet, mit der sie zeigen will, dass an ihren Bedürfnissen nichts verwerflich ist. (Die Redaktion)

Ich sag es direkt zum Einstieg: TRIGGER-WARNUNG. Lesen auf eigene Gefahr. Es geht um Gangbangs. Mir geht es um Gangbangs. Ja, ich meine dieses Sexszenario, wo eine Frau in der Mitte der Aktion ist und wo viele Männer mit ihr Sex haben. Warum? Das wird oft gefragt, wenn ich davon erzähle. Wie das geht, Feminismus und Gangbangs, das schließe sich doch aus?

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
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Doch, ja, es gibt sie, Frauen, die auf Gangbangs stehen. Laut Pornhub-Statistiken sehen sich Frauen sogar mit 85 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Porno-Inhalte in der Rubrik Gangbang an als Männer. Warum? Warum nicht? Warum glaubt ihr, dass Gangbang eine sexistische Praxis sei, bei der sich viele Männer an einer Frau bedienen? Für mich ist das eine Praxis, bei der viele Männer eine Frau sexuell bedienen. Sieht ähnlich aus, von außen betrachtet, gerade wenn man es durch eine Brille betrachtet, durch die Frauen immer als Opfer und Männer als Täter erscheinen.

In Deutschland wird jeder zweite Mord an einer Frau von einem Partner oder Ex-Partner verübt

Es ist diese Geschlechterklischees-aus-dem-20.-Jahrhundert-Brille. Die Frau hat in meinen Gangbangs ihre Grenzen und Wünsche vorab klar kommuniziert. Sie lächelt in sich hinein und reibt sich die Hände, bevor es losgeht. Das bin ich. Ich freue mich wie ein Einzelkind vor dem Geburtstag. Gangbang ist meine ultimative sexuelle Fantasie. Seit Jahren bastle ich an ihr in meinem Kopf, jetzt darf ich sie umsetzen. Ich caste die Männer selbst, bekomme ein schönes Kostüm und eine Maske, fühle mich wie eine Prinzessin. Ich esse vorher nichts. Immerhin möchte ich, erstmals vor der Kamera, DP machen. DP steht für Doppelpenetration – vaginal und anal gleichzeitig. Das ist ein persönliches Ziel von mir, das steht auf meiner Wunschliste.

Mein Literaturstudium habe ich schon vor Jahren auf jener Liste abgehakt. Als ich die Abschlussurkunde in der Hand hielt, fühlte ich mich eher erleichtert als glücklich. Heute, wenn ich eine Analdusche mache, bin ich richtig glücklich. Nein, ich will das alles nicht machen, weil ich zu früh zu viele Pornos konsumiert habe. Im Ernst: Ich habe als Jugendliche gar keine Pornos geschaut. Trotzdem wollte ich in ihnen mitspielen. Mit fremden Menschen ficken schien mir schon immer attraktiver, als mit Menschen Liebe zu machen, die man gut kennt. Es ist auch viel sicherer. Ein Fakt: In Deutschland wird jeder zweite Mord an einer Frau von einem Partner oder Ex-Partner verübt. Es ist, statistisch gesehen, viel gefährlicher zu heiraten, als zum Beispiel zu trampen.

Ich fühle mich befreit

Daher sollte man die Ehe in meinen Augen am besten abschaffen. Wem das nicht einleuchtet, dem sei hier noch ein zweiter Fakt an die Hand gegeben: Frauen, die gern romantische Komödien sehen, sind eher bereit, aggressiv-männliches Verhalten zu tolerieren und es als romantisch zu werten. Romantische Komödien verzerren unser Bild von Liebe und Sex. Womöglich sollte man sie indizieren, für die Rom-Coms eine Altersverifikation verlangen. Denn da wird Liebe gezeigt, die richtig wehtut. Im Namen der Liebe werden Manipulation, Machtmissbrauch und Gewalt schöngeredet.

Bei meinem Gangbang tut nur weh, was vorher abgesprochen wurde, was ich mir gewünscht habe. Ich reibe mir also die Hände, bis sie mir gefesselt werden. Hände, Beine, mein ganzer Körper, gefesselt an einen Stuhl. Ich schreie, also: Ich spiele, dass ich schreie. Und jedes Mal, wenn sie mir eine Ohrfeige verpassen, kann ich mein Lächeln kaum verstecken. Dann holen sie ihre Schwänze raus, es ist ein Fest! Alles nur für mich. Also fast, denn irgendwann fangen die Männer untereinander etwas miteinander an.

Das ganze Spektakel hat jetzt etwas richtig Orgiastisches. Ich werde durchgefickt, von hinten, von vorne, in der Luft. Das schöne Kostüm wird mir vom Leib gerissen. Ich schaffe meinen DP locker, ich kann nicht genug davon haben. Ich fühle mich befreit. Wovon? Von Angst. Der Angst, mit der jede Frau aufwächst, der als Kind erzählt wird, böse fremde Männer auf der Straße wollten sie nachts vergewaltigen. Der Angst, einen zu kurzen Rock angezogen zu haben. Der Angst, die uns nach dem Schlüssel greifen lässt, die uns schneller laufen und kaum mehr atmen lässt. Der Angst, die uns paralysiert und unseren Körper erfrieren lässt, wenn er unvermittelt seine Hand drauflegt.

Sexualität ist ein Teil unseres Lebens

Nicht, dass das falsch verstanden wird: Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit, daran liegt mein Fetisch nicht. Mich befreit dieses Szenario von Angst und von Scham. Die Scham schwitze ich jetzt aus, gebe mich hin, lasse mich drauf ein. Es ist völlig egal, wie ich aussehe, wie ich rieche, weil ich nur noch ich bin. Und dann, zu guter Letzt, sterben meine Männer. Zuerst aus Versehen, aus Witz, denn am Ende des Films bringe ich sie um. Warum? Warum nicht?, denke ich. Das ist mein Dreh, mein Film. Und ein Film ist Fiktion, eine Geschichte, die wir beherrschen.

Als erwachsene Menschen können wir das, fantasieren. Es kommt mir wirklich sehr fragwürdig vor zu meinen, Erwachsene könnten zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden. Deshalb finde ich den Paragrafen 184a so problematisch. Einen Paragrafen, der mich ins Gefängnis bringen würde, würde ich meinen Film in Deutschland veröffentlichen. Warum? Gewaltpornografie ist hierzulande verboten. Obwohl es natürlich keine echte Gewalt ist. Es ist ja ein Film, es gibt Kunstblut, zwei Kameras, Farbkorrektur, einen Soundtrack.

Ich habe eine Produktionsfirma mit meinem Partner gegründet, mit der wir unsere Fantasien ausleben, Fantasien anderer inszenieren. Es ist Kunst. Dabei müsste es eigentlich nicht mal Kunst genannt werden, um Berechtigung zu haben. Denn Sexualität ist nichts Schlimmes, nichts, wovor uns soziale Medien schützen müssen mit ihren reduktiven Algorithmen. Sexualität ist ein Teil unseres Lebens. Solange wir ihr nicht den nötigen Freiraum geben, je mehr wir sie reglementieren, desto unglücklicher und infantiler werden wir. Desto diskriminierender und intoleranter ist unsere Gesellschaft.

Deswegen drehe ich Gangbang-Porno: für eine freiere Gesellschaft. Wem das nicht einleuchtet, der muss ihn ja nicht gucken.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.