Als der Buchmessedirektor einen „herzlichen Glückwunsch an alle Preisträgerinnen“ richtete, musste er keine genderkorrekte Pause vor dem I sprechen. In allen drei Kategorien des Preises der Leipziger Buchmesse wurden Autorinnen ausgezeichnet. Obwohl die Messe nun zum zweiten Mal in Folge abgesagt werden musste, haben sie und die Stadt Leipzig am Preis festgehalten. Es ist eine Entscheidung für die Bücher, denn bereits die Veröffentlichung der Shortlist mit fünfzehn nominierten Titeln bringt Aufmerksamkeit. Das kurze Video, das Punkt 16 Uhr am Freitag abgespielt wurde, zeigte mit Bildern der vergangenen Jahre aus der Glashalle des Leipziger Messegeländes, was jetzt fehlt: Jubel, Umarmungen, hochgereckte Blumen.

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Aber immerhin: Die Jury saß diesmal nicht wie 2020 im Radio-Studio, sondern für alle im Livestream sichtbar in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig. „Wer bei Gegenwartsliteratur nur an den Roman denkt, verpasst auch bei Romanen das Entscheidende“, sagte Jens Bisky als Vorsitzender der Jury zur Einstimmung, denn dieser Preis umfasse alles, was die Gegenwartsliteratur ausmache: die Belletristik in Lyrik und Prosa, Sachbuch und übersetzte Bücher. Die drei Jurorinnen und drei Juroren neben Bisky saßen hinter großen Tischen pandemiegerecht anständig getrennt. Hinter ihnen auf fünf Bildschirmen waren die je fünf Nominierten zu sehen.

In „Echos Kammern“ blitzt und spiegelt es

„Allen, allen, allen“ danke sie, sagte Iris Hanika, die völlig überrascht wirkte, als ihr Name als letzter in der Reihung aus einem roten Umschlag gefischt und vorgelesen wurde. Sie erhält die Belletristik-Auszeichnung für „Echos Kammern“, erschienen im Literaturverlag Droschl. Die Jury preist das „riskante Schreiben“ der seit Ende der Siebzigerjahre in Berlin lebenden Autorin: „Es blitzt und spiegelt, experimentiert nur so vor sich hin.“ Hanika nehme sich verschiedene Mythen her und krempele sie um, den Mythos New York, den von Echo und Narziss und „auch den Mythos, dass die Kunst alle sozialen Unterschiede überwinden könne“. Und ein tolles Berlin-Buch ist das auch.

Im Ablauf der Veranstaltung zuerst ausgezeichnet wurde Timea Tankó für ihre Übertragung von Miklós Szentkuthys Buch „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ aus dem Ungarischen (Die Andere Bibliothek). Die Jury lobt den Schmelz in den Beschreibungen, den sanften Rhythmus und die Überraschungen in Tima Tankós Deutsch. Heike Behrend, die dann für ihr „Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ in der Kategorie Sachbuch/Essayistik geehrt wurde, dankte vor allem den Frauen und Männern in Afrika, die ihr Vertrauen und Wissen geschenkt hätten. Behrends Blick agiere intellektuell, nicht visuell, so die Jury. Ein erhellendes Buch in diesen sich verdunkelnden Zeiten sei das.

Das ist insgesamt eine gute Wahl, überraschend kann man sie nicht nennen – was bereits an der Shortlist lag. Die löste zwar ein, was seit Jahren gefordert worden war, nämlich mehr Frauen zu berücksichtigen. Doch fiel aufmerksamen Beobachter des Literaturbetriebs ins Auge, dass einige bereits vielbesprochene Bücher fehlten. Diese Abwesenden vereint der migrantische Hintergrund der Verfasser. Ein offener Brief samt beachtlicher Unterschriftenliste forderte zu einem Nachdenken über Strukturen auf. Der Preis der Leipziger Buchmesse ist erste wichtige Auszeichnung des Jahres. Im Herbst wird man mehr über das Literaturjahr 2021 sagen können.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.