Berlin - Das neue Album der Rap-Formation K.I.Z, was wahlweise für „Künstler in Zwangsjacken“, „Kannibalen in Zivil“ oder irgendwas anderes steht (so genau wollen sie sich da nie festlegen), heißt „Rap über Hass“. Dabei ist es eigentlich kein Album über Hass. Es ist ein Album über Männer, die ihre Freundin betrügen, über aufdringliche Fans und über Liebe.

Es unterscheidet sich weder thematisch noch vom Sound stark von dem, was K.I.Z seit mittlerweile sechs Alben und etlichen Mixtapes machen. Dabei muss man sagen: Warum etwas ändern, wenn es doch so gut ist? Und so wummern die Ballermann-Partybeats. Darüber legen sich Zeilen wie „Schuhe so weiß, wenn sie unter sich sind, machen sie Ausländerwitze“.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
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Das Feuilleton kann über K.I.Z kaum etwas Richtiges schreiben

Im Feuilleton über Rap zu schreiben, ist immer peinlich. Als würde der Lehrer auf Klassenfahrt etwas zu laut über die Witze der Halbwüchsigen lachen, die er nicht mehr versteht. Es ist aber auch die wohlige Rückversicherung der Bildungsbürger darüber, dass „die von der Straße“ gar nicht so anders sind als man selbst. Man dreht und wendet verbotene Wörter im Mund herum und ist ganz verzückt im Angesicht der vermeintlich authentischen Rohheit, die man dort vorfindet.

So sagt etwa der Journalist Moritz von Uslar über den Frankfurter Rapper Haftbefehl: „Als jemand, der mit Sprache zu tun hat, ist das Stakkato der verbotenen Begriffe bei Haftbefehl ein Hochgenuss.“ Bei Haftbefehl Begriffe wie „Hochgenuss“ und „Stakkato“ anzubringen, ist, als würde man angesichts eines Tetra-Packs Sangria vom Bouquet faseln. Die Bewertungsparameter des Feuilletons versagen, es geht um andere Qualitäten. Niemand verkörpert das besser als die Band K.I.Z.

Jetzt sind sie wieder da. Und sie machen es dem Feuilleton nicht leicht, ihre Musik in ein Kultur-Narrativ einzuhegen. Auf die Frage, wie sie das finden, sagt Maxim: „Das ist auch was Nettes, im Feuilleton zu sein. Da setzen sich Leute einigermaßen sachlich mit Dingen auseinander. Aber teilweise ist das Vereinnahmung. Da wird dann über irgendeinen Straßenrapper gesagt, er sei jetzt der Goethe der Straße, und ich denke dann: Goethe soll sich ficken!“

Es geht auch um den Witz

K.I.Z verweigern sich dieser Vereinnahmung. Weil sie einerseits explizit politisch auftreten – politische Dinge fordern und Meinungen vertreten, die man als eindeutig links bezeichnen kann. Andererseits aber den Demokratiebegriff auch dahingehend strapazieren, dass man alle beleidigen können muss. Wenn wer gefickt wird, dann alle. Und so ist auch der Albumtitel „Rap über Hass“ eine Antwort auf den Vorwurf, der ihnen immer wieder aus dem konservativen politischen Lager entgegenschlägt, dass sie Hass schüren würden. Dabei greifen sie nur auf, was es bereits gibt. So heißt es etwa: „Mit frauenfeindlichem, antisemitischem Dreck – Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt“.

K.I.Z sind ziemlich genaue Beobachter ihrer Umwelt. Diese absurden Widersprüchlichkeiten, die das Menschsein ausmachen und die man aushalten muss, extrahieren sie aus ihrem Alltag. „In unserer Musik haben wir das Bedürfnis, was Interessantes zu erzählen“, sagt Maxim dazu. Sie sind nicht auf der Suche nach witzigen Dingen, der Humor liegt in der Absurdität der Dinge. Wenn Nico im Song „Sags nicht meiner Freundin“ rappt: „Ich habe deine Mutter gefickt, aber sags nicht meiner Freundin“, dann entlarvt das zwar Bigotterie, ist in erster Linie aber ziemlich witzig.

Jens Koch
Die Rapper von K.I.Z. haben Humor

„Hass ist kompromisslos“

In einem ihrer früheren Alben heißt es: „Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen mit dem Traum, im Park mit Drogen zu dealen?“ Danach wieder Mutterficken, aufs Maul, Krawall. Doch die Botschaft demontiert nicht. Vielmehr wird sie zur Währung der Kunst: die manisch beschworene Authentizität. Es ist ja durchaus kein Widerspruch, einerseits den Kopf von Julian Reichelt zu fordern und dann einen Track „Unterfickt und geistig behindert“ zu nennen. Dort rappen sie unter anderem: „35 ist das neue 11“. Damit erklärt sich dann schon viel ihres Fäkalhumors.

Auf die Frage, ob wir alle wütender sein müssten, angesichts all des Übels, das so passiert, antworten sie: „Wut klingt immer gleich nach Sozialpädagogen. ‚Man ist wütend‘ – das klingt nach etwas, wo man zum Korbflechten geschickt oder SPD-Wähler wird. Das klingt nach etwas, was man in eine Bahn lenken und zu etwas Produktivem machen möchte. Wenn jemand sagt ‚Du bist wütend‘, dann fühle ich mich, als ob ich ein Fünfjähriger wäre, der jetzt mal was essen muss oder schlafen. Hass, das klingt, als ob Leute Angst vor dir haben.“ Deswegen also Hass. Weil Hass einen nicht zur Produktivität zwingt, sondern erst mal einfach da ist und akzeptiert werden muss. Nico sagt: „Was ich daran gut finde, ist, dass Hass so kompromisslos klingt. Wenn man wirklich hasst, dann gibt es nicht dieses ‚Ja, dann können wir ja jetzt noch mal diskutieren‘. Nee, ich find’s richtig scheiße.“

Man braucht jetzt viel mehr Liebe auf der Welt

Es ist bemerkenswert, dass diese drei mittlerweile nicht mehr ganz jungen Männer aus Berlin-Kreuzberg es schaffen, sich auf die direkteste Art und Weise mit den Problemen und Missständen unserer Welt auseinanderzusetzen. Dazu liefern sie die wohl aufwendigsten und bestdurchdachten Videos. Wenn sie sich dort als uniformierte Zombies zeigen, bleibt es nicht aus, dass einem ganz rührig zumute wird, wenn Nico plärrt: „Steh nicht im Regen rum (...), auf meiner Wolke ist doch noch Platz für dich“.

Überhaupt gibt es auf dieser Platte, die angeblich dem Hass gewidmet ist, viel Liebe. Vor allem untereinander: „Wir schreiben uns auf die Kappe, dass wir uns mögen. Und ich glaube, bei sehr vielen Bands ist das nicht so.“ Immer wieder gibt es kleine Snippets, auf denen sie sich gegenseitig sagen, wie toll sie sich finden: „Aber wir dürfen auch eigentlich nicht zu viel darüber reden und ein Denkmal aufbauen, falls wir uns doch irgendwann mal zerstreiten. Das wäre blöd. Dann müssen wir so tun, als ob wir noch Freunde sind, und uns dann immer zu Fotoshootings an der Côte d’Azur treffen. Danach fahren wir dann wieder im Porsche nach Hause und sind sauer aufeinander“, sagt Nico.

Zur Veröffentlichung des Albums haben sie eine Fake-Pressekonferenz aufgenommen, bei der sie sich als zerstrittene Megastars inszenieren, die nur noch wegen des Albums, das ihnen ein paar neue Scheine einbringen soll, zusammenkommen. Sie können es sich leisten, damit zu kokettieren, denn wenn man sich die Zwischentöne des Albums anhört, dann hört man da vor allem eines: ganz viel Liebe: „Das sollten die Leute eh viel mehr machen. Umarm mal die Oma, sag deiner Partnerin, dass du sie liebst. In diesen schweren Zeiten brauchen wir viel mehr Liebe auf der Welt“, sagt Tarek.

K.I.Z: „Rap über Hass“, 12 Songs, Vertigo Berlin, etwa 11 Euro.

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