Saint-Rémy-de-Provence - Wer hätte es gedacht: Auch beim Vokabular gibt es das Vintage-Phänomen. Manchem Modewort ist nämlich ein Comeback beschieden, wenn längst vergessen ist, wo es ursprünglich herkommt. Wir denken dann intuitiv, der Begriff wäre rasend modern, weil er den letzten Schrei definiert. Dabei ist er eigentlich Schnee von gestern – und hat mitunter komplett verloren, was einst an relevanter Haltung darin steckte. Wie schrieb Anita Daniel, wortgewaltige Starjournalistin der Weimarer Republik, in der Berliner Zeitschrift Uhu: „Jede Generation hat ein Schlagwort für das Ideal ihrer Zeit. Wenn die Formel gefunden ist, verbreitet sie sich wie ein Lauffeuer, dann wird der Begriff erläutert, analysiert und begeistert verflochten – bis er abgegriffen ist.“ Das war 1928.

Ein Jahr zuvor hatte der Film „It – das gewisse Etwas“ mit dem Paramount-Star Clara Bow sensationelle Erfolge gefeiert. Erst in den USA und danach weltweit, auch in einer Kinostadt wie Berlin. Kein Zweifel, die 22-jährige Bow hatte es, das neue „Etwas“, den weiblichen Sexappeal: Sie verkörperte die junge, aktive, arbeitende Frau (hier eine freche Verkäuferin) mit freiheitsliebender Haltung, scharfem Bubikopf und attraktiver Garderobe. Bow avancierte zum Idealbild des „Flapper“ und ging später auch zum Drehen nach Berlin. Schon weil dort – noch – viel mehr möglich war als im künstlerisch wie gender-politisch erzkonservativen Hollywood. Die It-Girls der Stummfilmzeit – Asta Nielsen, Louise Brooks, Clara Bow – prägten durch ihre Ausstrahlung nicht nur die Mode und setzten Beauty-Trends, sie waren Vorreiter für Millionen Frauen, die damals in die Berufstätigkeit strömten.

Doch flugs hinein in die Gegenwart, oder zumindest beinahe. Denn das Revival der zwei magischen Buchstaben – It-Girls oder -Boys mit am Arm baumelnden It-Bags – begann um die Millenniumswende. Mit sich selbst zu Stilikonen stilisierenden Mädchen wie Paris Hilton und ihrer Schwester, TV-Serien wie „Sex and the City“ und modischen Großevents à la Oscar Night wurde aller Welt suggeriert, dass der Konsum von Luxustextilien und Accessoires rasend schnell und bitte schön als stilistisches Allesfressertum stattfinden muss. Nur wer ständig die neueste Designerhandtasche, das neueste Sonnenbrillenmodell oder die neuesten Pumps trägt; nur wer tagein, tagaus am Shoppen und Anprobieren ist, könne es besitzen, das gewisse Etwas. Das einen vermeintlich näher an die Idole herankommen, aber unvermeidlich auch finanzielle Engpässe und Gewissensbisse in den Himmel wachsen ließ.

Dabei war das ursprüngliche It-Girl der 1920er genau das Gegenteil, verkörperte es doch einen ganzheitlich gedachten Aufbruch Richtung Freiheit und Fun. Kein Aufspringen auf die Trendwaggons riesiger Modekonzerne, deren Marketingmaschine alle acht Wochen neue Produkte platzieren muss. Der eigene Stil machte einst Schule, nicht das bloße Agieren als bezahlter Kleiderständer, dessen ultimative Absicht auf den ersten Blick zu durchschauen ist: verkaufen, verkaufen, verkaufen. Zuletzt wurde daraus die Influencerin, die sich mit Haut und Haar der Objektwelt verschrieb. Und noch weiter von der Idee eines originellen eigenen Stils abrückte.

Das It-Girl, einst individuell die Zukunft prägend, verkam so zu seinem Gegenteil – der jungen Frau ohne intelligenten Plan, die keine neuen Maßstäbe setzt, sondern sich lieber der Masse beugt, um zu gefallen. Was daraus folgt, nämlich hurtiges Vergessenwerden, kann Frauen wie Clara Bow oder auch Anita Daniel nicht passieren: Als Jahrhundert-It-Girls können sie, ihr Esprit und die dahinter liegenden Werte wohl nie (um bei Daniels Worten zu bleiben) „abgegriffen“ sein.


PETER KEMPE führte ab 2000 mit seinem Partner Thomas Kuball den Hamburger Concept-Store Kuball & Kempe, der 2016 samt den Inhabern nach Südfrankreich umzog. Kempe kuratiert Ausstellungen, Publikationen und Auktionen mit Vintage-Design aus dem Luxusbereich. Modehäuser wie -museen beneiden ihn um sein Privatarchiv zu Stil, Stars und Looks der 1970er- bis 1990er-Jahre.

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