Berlin - “Die Augen des Chefredakteurs der Berliner Zeitung am Wochenende leuchten auf, während er ungelenk mit seinen Stäbchen die perfekt gebratenen kleinen breiten Bohnen mit Knoblauch und Chili zum Mund führt. „Wow, die Suche hat ein Ende!“, ruft er begeistert über den Tisch, reckt die Hände zum Himmel und nimmt einen Schluck aus dem eiskalten Tsingtao-Bier, als würden wir am Strand im chinesischen Sanjiagang Beach Park sitzen. In den nächsten Minuten wird sich sein Urteil noch zementieren, denn der kleine Imbisstisch ist randvoll gefüllt mit südchinesischen Spezialitäten: gebratene Auberginen, dicke Bandnudeln mit fettigem Schweinebauch und Kohlstreifen, Hühnermägen in Sojasoße, Morchel- und Gurkensalatsalat, bestes Mapo Tofu in einer scharfen Schweinehackfleischsoße oder mit Brühe gefüllte Xiao-Long-Bao-Dumplings, die aussehen wie kleine Zipfelmützen von Zwergen aus einem Grimm‘schen Märchenland – und so gut schmecken, als seien sie nicht von dieser Welt!

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 17./18. Juli 2021 im Blatt: 
Warum die Berliner Jam Skaterin Oumi Janta uns so viel Mut macht

Was machen Lobbyisten? Und haben sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Tabakindustrie oder Diktaturen vertreten?

Jung, weiblich, schussbereit: Auf der Pirsch mit der ersten Chefin des Jäger-Magazins

Shaniu’s House of Noodles ist Berlins bestes China-Restaurant

Wie die Ausstellung „Berlin Global“ das Humboldt Forum radikal verjüngt

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

In den vergangenen Monaten haben sich die Redakteure der Wochenendausgabe – beauftragt von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser – in mühsamer Recherchearbeit auf die Suche nach dem besten chinesischen Restaurant der Hauptstadt gemacht. Seit Wochen schicken wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die vermeintlich großartigsten Chinalokale. Dazu haben wir mit vielen Chinesen telefoniert, und haben uns die besten Adressen zeigen lassen. Wir haben überall gegessen und sogar eine offizielle Anfrage an die Botschaft der Volksrepublik China in der Brückenstraße gestellt. Teilweise nur widerwillig haben die vielen Gesprächspartner uns Auskunft gegeben. Denn oft dominiert eine existenzielle Angst. „Was, wenn unsere Restaurants jetzt von Leserinnen und Lesern der Berliner Zeitung gestürmt werden?!“, sagten sie sorgenvoll. „Dann bekommen wir dort nie mehr einen Platz!“ Aber liebe Leserinnen, liebe Leser: Wir sind hartnäckig geblieben und haben alle Zweifel unserer Informanten zerstreut.

Viktoriia Vanina
Das Innere des Shaniu’s House of Noodles in Wilmersdorf-Berlin erinnert an Schanghai.

Am Ende konnten wir ein klares Bild zeichnen – das „full picture“, wie man auf Englisch so schön sagt. Und der Gewinner der investigativen Recherche ist das kleine Lokal Shaniu’s House of Noodles in der Pariser Straße 58 in Wilmersdorf. Nicht nur, weil uns der Name – Shaniu heißt auf Chinesisch „kleines freches Mädchen“ – und das Logodesign (ein kleiner Mädchenkopf, dessen Haare aus Nudeln von einem Paar Stäbchen frisiert werden) überzeugt haben, sondern die wirklich unglaubliche Geschmacksexplosion der vielen authentischen südchinesischen Speisen und vor allem die grenzenlose Freundlichkeit des Wirts Changqing Lin und seiner Familie, die das Wilmersdorfer Lokal (es liegt direkt neben einem Striplokal) seit Jahren mit Würde führen. Wer schlechte Laune hat, muss den Mann an seinen Tisch holen, einen Plausch halten und sich überzeugen lassen: Herzlichkeit und menschliche Wärme gibt es doch noch in dieser kalten Stadt Berlin. 

Mit souveräner Entspanntheit und einem ehrlich gemeinten Lächeln koordiniert und bewirtet Herr Lin jeden Abend Hunderte Gäste. Herr Lin könnte, gekleidet in einen Nadelstreifenanzug, in einem Hollywood-Film über die wilden 20er-Jahre mitspielen, während seine Angestellten so eingespielt um die Tische tanzen wie eine Ballettbrigade der chinesischen Staatsoper. Die, die einen Platz ergattert oder reserviert haben, sitzen an diesem Mittwochabend auf dem Gehweg und stochern selig in den vielen Schalen und Schüsseln, während Herr Lin mit einer kleinen Verbeugung neue Gerichte und kalte Biere an unseren Tisch bringt.

Koreanisches und chinesisches Essen

Und bei Shaniu’s gibt es eine Besonderheit, die man in keinem anderen China-Restaurant der Hauptstadt findet. Denn unter die typisch chinesischen Spezialitäten auf der Karte haben Herr Lin und seine Frau gekonnt koreanische Gerichte gemischt. Auch wenn Herr Lin stolzer Schanghaier ist, hat er eine Koreanerin geheiratet. Und so vereinen die beiden zwei Kochtraditionen im „Kleinen frechen Mädchen“. Links hinten im Restaurant befindet sich die chinesische Küche von Lin und rechts außen die koreanische seiner Frau. Und so kommt es, dass auch die zahlreichen Chinesen, die regelmäßig ins Lokal kommen, an den perfekt frittierten und klebrigen Hühnerfleischkugeln, die Frau Lin an diesem Abend an fast alle Tische bringt, nicht vorbeikommen. Sie sind einfach: sagenhaft gut! Auch wir müssen also die knusprigen goldenen Bälle von Frau Lin probieren. Das Urteil: Beim Nudelmädchen gibt es nicht nur das beste chinesische Essen der Stadt, sondern auch noch das beste frittierte koreanische Huhn. Shaniu’s ist also ein Champion in zwei Disziplinen!

Viktoriia Vanina
Die Dekoration im Shaniu’s House of Noodles in Wilmersdorf-Berlin ist authentisch und gemütlich.

Und so sitzen wir mit unserem ungläubigen Chefredakteur als „last men standing“ noch bis spät in die Nacht in diesem Wilmersdorfer Lokal. Herr Lin stellt uns noch ein paar Tsingtao hin, während er für Morgen schon mal „Klar Schiff“ macht. Er ist zu höflich, um uns mit bestimmenden Worten zu vertreiben. Also plaudern wir noch mit dem Besitzer und mit den Wirtsleuten über die chinesische Esskultur. Und erfahren: Jeder Chinese ist ein kleiner Gourmet. Denn in Familienchats werden zwar auch wichtige persönliche Dinge besprochen, aber das dominierende Thema ist immer noch das Wichtige im Leben: das Essen! Und so sind chinesische Whatsapp-Gruppen schon mal weniger voll mit Memes, sondern werden dominiert von Essenstipps. Ich denke, das sollte für uns das Vorbild sein. Machen Sie also in Berlin mal eine authentische Food-Tour mit Ihrem ausländischen Besuch durch die deutschen Wirtshäuser der Stadt. Das wird in jedem Fall ziemlich peinlich werden!

Wertung: 5 von 5 Punkten

Shaniu’s House of Noodles, Pariser Str. 58, 10719 Berlin, Mi–Di 12–22 Uhr.

PS*: Kurz vor Redaktionsschluss hat die Chefredaktion die E-Mail eines anonymen Informanten erreicht. Das beste chinesische Essen gebe es in einem Lokal in Mariendorf. Sie können sich vorstellen. Das heißt, die Suche geht weiter! (Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe.)

Was ist Ihr Lieblingsrestaurant? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

Viktoriia Vanina
Im Innern des Shaniu’s House of Noodles in Wilmersdorf-Berlin gibt es sogar ein Aquarium.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.