Berlin - Wow, was für ein Roman! Jakob Noltes „Kurzes Buch über Tobias“ ist vielleicht einer der besten, witzigsten, stilistisch raffiniertesten und anspruchsvollsten Texte, die dieses Frühjahr erschienen sind. Der Schriftsteller Jakob Nolte, 33 Jahre alt, hat einen Roman verfasst, der noch selbstironischer das Berlin-Mitte-Publikum aufs Korn nimmt, als es Leif Randt mit „Allegro Pastell“ 2020 schon großartig getan hat.

Nolte wählt einen gewieften Trick, um sich der Großstadt-Phänomenologie zu nähern: Er erzählt die Geschichte des Schriftsteller Tobias Becker, indem er seine Biografie in 48 Kurzkapiteln ohne chronologische Logik erzählt. Mal erlebt man die Kindheit, mal das Literaturstudium in Hildesheim, mal das Erwachsenenleben des Melancholikers und versteht erst Stück für Stück, dass das puzzleartige Konstrukt, die Entzifferung der Zeichen zum eigentlichen Konzept des Romans gehört. 

Die Flucht in den Witz

Das ist das eine. Das andere: Der Roman ist ungeheuer lustig, indem er die Abziehbilder des Typus „verzweifelter Kreativer“ ironisch und wortgewandt durch den Kakao zieht. Tobias ist ein lakonischer, von Selbstzweifeln geplagter Mensch. Er will Anerkennung, Spaß, Sinn im Leben. Doch was erhält er stattdessen? Poröse Beziehungen, fehlende Sinnhaftigkeit und eine mittelmäßig erfolgreiche Schriftstellerkarriere in Berlin. (Mag sein, dass das eine oder andere Element dieses Romans autobiographische Züge trägt.)

Was Noltes „Kurzes Buch über Tobias“ leistet, ist nicht nur eine Verballhornung des Hipster-Klientels der deutschen Intelligenzija, sondern auch eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, der sich im Jahr 2021 als ernst zu nehmende Instanz nur noch zappelnd und fadenscheinig zu inszenieren vermag. Tobias durchschaut die schalen Bedeutungsmechanismen des Kulturbetriebs und wählt einen ironischen Ausweg: Er wird Prediger und bekennt sich zu Gott. Doch selbst das will nicht richtig funktionieren. Was ist also die Lösung? Die Flucht in den lakonischen Witz. Und genau das realisiert dieser Roman auf grandiose Art.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Jakob Nolte: „Kurzes Buch über Tobias“. Suhrkamp, Berlin 2021. 231 S., 22 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.