Berlin - Es gibt Leute, die in einem permanenten Widerspruch mit sich selbst leben. Die einen wissen davon, die anderen nicht. Wenn ich etwa in einen Flieger steige, um am Wochenende in Paris ein dünn paniertes Schnitzel zu verspeisen, dann weiß ich um meinen CO2-Fußabdruck (Fleisch!, Fliegen!). Ich würde mich deshalb davor hüten, parallel auf Lesereise mit einem Buch gegen das Flugreisen und Schweineessen zu gehen. 

S. Fischer Verlag
Zum Buch

Jia Tolentino: „Trick Mirror. Über das inszenierte Ich“. S. Fischer, Frankfurt 2021. 368 Seiten, 22 Euro

Bei der amerikanischen Feministin und Internethasserin Jia Tolentino ist die Sache etwas komplizierter. Kurz zum Hintergrund: Die 1988 in den USA geborene Essayistin wird aktuell für ihre Textsammlung "Trick Mirror" gefeiert. In den zehn Essays rechnet sie mit so ziemlich allem ab, womit eine 1988 geborene Snowflake so abrechnen kann: mit dem Selbstoptimierungszwang des Turbokapitalismus, mit dem gewalttätigen Patriarchat, mit Reality-TV-Shows, dem Schönheitswahn der Pop-Kultur, dem Sport-Fanatismus, der verdammten Marktlogik und natürlich mit den süchtig machenden Algorithmen von Social-Media-Plattformen wie Instagram und Twitter.

Jia Tolentino ist das totale Internet-Opfer, sie hat aus ihrer Selbsttherapie ein Buch gemacht, mit dem sie nebenbei auch ein bisschen Geld verdient. Das ist völlig okay. Die Grundlage ihrer Kritik hingegen darf man durchaus kritisieren: Für Jia Tolentino kommt Hardware vor Software, um es mit Friedrich Kittler zu sagen. Nicht wir als Menschen schaffen mit unseren Bedürfnissen das Angebot der Neuen Medien, sondern umgekehrt: Die Neuen Medien sind es, die unser Handeln steuern, die uns zu Selbstausbeutung zwingen.

Diese Essays gehen von einem schwachen Subjektbegriff aus, der sich zum Diktat des digitalen Schönheitswettbewerbs gar nicht mehr autonom verhalten kann. Ich zweifle, ob das stimmt. Und apropos Widersprüche: Jia Tolentino hat 65.000 Follower auf Instagram.

Jia Tolentino: Trick Mirror. Über das inszenierte Ich. S. Fischer, Frankfurt 2021. 368 Seiten, 22 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.