Berlin - Der Farbcode 032c steht für ein intensives Rot im Pantone-Spektrum. Aber seit 20 Jahren auch für ein Berliner Kultur- und Modemagazin, das damals in Berlin-Mitte von Jörg Koch gegründet wurde und um das seitdem ein weltweiter Hype entstanden ist. Dazu hat auch das gleichnamige Modelabel von Maria Koch beigetragen, das später hinzukam. Die Kollektionen werden in Luxusboutiquen auf der ganzen Welt verkauft, darunter London, Moskau, Tokio und Seoul – insgesamt in mittlerweile über 80 Ländern. Auf internationalen Fashion-Events repräsentiert 032c die Mischung aus Coolness und Avantgarde, für die Berlin heute überall gefeiert wird, die Veranstaltungen wie die Berlin Fashion Week aber nie abbilden konnten. Den Erfolg der Marke versteht man vielleicht am besten, wenn man 032c als ein multimediales System begreift, das im Kleinen gewissermaßen auch unsere Gegenwart abbildet: Wenn eine Idee nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch den Zeitgeist trifft, dann funktioniert sie interdisziplinär und man kann sehr viel mit ihr verkaufen. Mode fungiert dabei als das perfekte Medium, weil sie Form und Funktion vereint – und uns im Alltag begleitet.

Und während sich in Deutschland die Meldungen um Abgänge in den Chefetagen großer Lifestyle-Verlage häufen und die deutsche Modebranche vergeblich gegen ihren schlechten Ruf kämpft, stehen die Zeichen bei 032c weiter auf Wachstum. Dieser riecht betörend-holzig, zumindest im Büro der Kochs, das von einem schweren Byredo-Duft erfüllt ist. Jörg Koch wedelt demonstrativ mit der Hand und rümpft die Nase, Maria Koch sagt mahnend: „Besser als Zigarettenrauch.“ Beide sind ganz in Schwarz gekleidet, wie der Rest der Belegschaft. Die Stimmung ist gut.

Über 032c

Das Magazin 032c wurde 2000 von dem Journalisten Jörg Koch (und damaligen Partnern) in Berlin-Mitte gegründet. Bis heute ist er Herausgeber und Chefredakteur. Nach einem Relaunch 2007 gestaltet Mike Meiré als Artdirector die zweimal jährlich erscheinende Publikation. Die Modedesignerin Maria Koch gründete 2016 die Kollektion 032c Apparel, die Ready-to-wear gibt es seit 2019. Zeitschrift und Modelabel beeinflussen sich wechselseitig. Unter der Dachmarke 032c finden außerdem Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Jörg Koch stammt ursprünglich aus Wuppertal, Maria Koch aus Göttingen. Die Kochs sind seit 2012 verheiratet, sie leben mit zwei Kindern in Berlin. 032c befindet sich zu 100 Prozent in Familienhand.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

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https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

In Ihrem Online-Shop gibt es gerade ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Système de la Mode“ zu kaufen. Das ist der Titel eines Buches des Philosophen Roland Barthes. Wie kam es dazu?

MARIA KOCH: Ich habe das Buch von meiner Mutter geschenkt bekommen, weil ich als junges Mädchen gesagt habe, ich will Mode studieren. Sie sagte, da musst du bisschen tiefer reingehen und nicht nur Coco Chanel angucken. Jetzt hatte ich für die aktuelle Kollektion wieder reingelesen und wir haben den Buchtitel einfach auf einem T-Shirt abgedruckt.

Weil es so eine intellektuelle Aura hat?

JÖRG KOCH: Na ja, es bot sich ja an. Damit arbeiten wir ja auch im Heft. Da gibt es natürlich diesen Transfer zwischen Heft und Modelinie, ohne dass dies notwendigerweise in etwas Prätentiöses ausarten sollte. Deswegen finde ich diese Geste, einen originalen Buchtitel abzudrucken, ganz schön.

MARIA KOCH: Wir hatten auch schon mal ein T-Shirt mit „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth. So intellektuelle Links gibt es immer wieder.

JÖRG KOCH: Es gibt so gewisse Konstanten hier in unserem Kosmos, wie Helmut Lang, Kanye West, aber auch Heiner Müller oder den Italiener Antonio Gramsci, einen marxistischen Denker. Solche Figuren tauchen regelmäßig auf. Natürlich können Leute in Südkorea damit nicht so viel anfangen, aber es gehört einfach zum Referenzsystem von 032c dazu. Und vielleicht macht es andere neugierig auf eher abseitigere Positionen. Das ist ja das Interessante, dass Kleidung heutzutage mehr auslöst als ein gut gemachtes Magazin.

Ist das nicht letztendlich die Idee des Punk, Dinge zu dekontextualisieren? Und dann bedeuten die Zeichen und Botschaften gar nicht mehr das, was sie ursprünglich bedeuten sollten?

MARIA KOCH: Ja, in gewisser Weise. Aber in diesem Fall würde ich nicht sagen, dass diese Buchtitel ihre Bedeutung verlieren. Ich würde es eher mit Sampling vergleichen. Man stellt das Original nicht infrage, es wird ein Fragment davon in einen neuen Kontext gesetzt.

Und um einen neuen Aspekt erweitert, verstehe. Ihre Arbeitsweise bei 032c basiert ja auf einer ästhetischen Idee, um die sich medien- und genreübergreifend alles gruppiert …

JÖRG KOCH: Na ja, ich würde schon sagen, dass ein politisches Bewusstsein vorherrscht. Es ist ja kein Moodboarding.

Wie ist die politische Idee?

JÖRG KOCH: Man ist der Aufklärung verpflichtet.

Worüber muss man heute aufklären?

JÖRG KOCH: Ah, da kann man überall anfangen … Antisemitismus und BDS, Rassismus, Identitätspolitik – und das betrifft uns ja total.

MARIA KOCH: Es geht auch darum, eine Haltung zu haben, die nicht nur so vor sich hingequasselt ist. In der aktuellen 032c-Ausgabe gibt es zum Beispiel ein Dossier über das Office for Metropolitan Architecture (OMA) von Rem Koolhaas. Da geht es um das Krankenhaus der Zukunft, um eine Healthcare-Vision, die bis auf die New Ager zurückzuführen ist. Das ist dann ein inhaltlicher Vorschlag.

JÖRG KOCH: Und gleichzeitig gibt es die Coverstory mit dem Popstar Dua Lipa, für deren Fans dann die inhaltliche Bandbreite im Heft ein totaler Trip sein wird, weil ja die meisten Angebote heute alle komplett durchformatiert sind.

MARIA KOCH: Das ist eine schöne Irritation.

Luke Abby
Gute Stimmung bei den Kochs. Und das zu Recht.

Sie haben eine große Fanbase in Russland, dort scheint es ja so eine Art Aufbruchstimmung in Sachen Mode zu geben. Standen die Russen nicht früher eher für ein recht mainstreamiges Denken über Luxus?

JÖRG KOCH: Das hat sich schon vor etwa zehn Jahren geändert. In Russland gibt es einen großen Hunger nach anderen Inhalten als denen der klassischen Condé-Nast-Titel. Dort gibt es keine echten Independent-Magazine, da füllen wir anscheinend eine Lücke.

Frau Koch, das Bild eines Russen auf Instagram, der sich auf sein T-Shirt „032c“ geschrieben hatte, brachte Sie ja sogar auf die Idee, eine eigene Modelinie zu machen.

MARIA KOCH: Ja, die Kids haben sich das Merchandise selbst gebastelt. Auch Papiersticker für die iPhone-Hülle. Das inspirierte uns, 032c auf den Textilbereich zu übertragen.

Instagram macht’s möglich?

MARIA KOCH: Es ist eben ein Teil des Lebens. Das eigentlich Gute daran ist, dass man die Langatmigkeit des klassischen Modesystems umgehen kann. Durch Social Media kann man seine eigene Sichtbarkeit kuratieren und muss nicht mehr durch konventionelle, langatmige Prozesse gehen.

Das System der Mode wird dadurch ja auch nahbarer, oder?

MARIA KOCH: Ja, das Aktivieren von Nähe ist ein irres Verkaufsmoment. Wenn man sich anschaut, wie etwas entstanden ist oder was die Idee dahinter ist, dann meint man, es schon zu kennen und fühlt die Nähe, zum Beispiel zu einer Jacke oder einem Kleid.

Was hat es mit den sogenannten Drops, also den kleinen Kollektionen jenseits der Hauptkollektionen, auf sich?

JÖRG KOCH: Historisch sind diese Drops ja dadurch zustande gekommen, dass man nicht die Ressourcen für eine ganze Kollektion hatte. Also druckt man ein T-Shirt oder ein anderes Produkt, verkauft es und generiert Geld für das nächste Projekt. So haben wir auch angefangen. Mit dem einfachsten Textilbaustein, den es gibt, einem Bootleg-T-Shirt. So sind wir organisch in den letzten Jahren gewachsen. Jetzt beschäftigen wir uns damit, wie man die beiden Modelle, Hauptkollektion und Drop, also Verkauf einerseits über Geschäfte und andererseits an Direktkunden, miteinander verbindet. Dieses Navigieren und Ausprobieren ist eben auch ein Beispiel für unser grundlegendes Verständnis von do it yourself, man macht es einfach.

MARIA KOCH: Na ja, ganz so ist es auch nicht! Wir sind ja jetzt keine Autodidakten. Jörg weiß ja, wie man journalistisch arbeitet, und ich weiß, wie man designt. Das ist ja jetzt nicht so total DIY!

JÖRG KOCH: Ja, aber bezüglich Kapitalgenerierung, Ressourcen, Verkauf und so weiter.

MARIA KOCH: Ja, das stimmt. Okay.

Dazu gehört ja auch, ein Printmagazin einfach weiterzumachen, obwohl einem die Mehrheit aus unternehmerischer Sicht davon abraten würde. Aber es funktioniert ja trotzdem.

JÖRG KOCH: Sehr gut sogar!

In der Tat! Und es ist ja offenbar auch richtig, nur zweimal jährlich zu erscheinen. Klassischerweise erscheinen Modemagazine ja monatlich …

JÖRG KOCH: … wenn man beobachtet, was bei Condé Nast gerade passiert, umso mehr. Ein ganzer Verlag, der Inbegriff des Luxury Publishing, implodiert, weil er nicht mehr zeitgemäß ist.

032c/Jordan Hemingway
Popstar Dua Lipa auf dem Cover der 39. Ausgabe des Magazins 032c.

Wird Print immer elitärer?

JÖRG KOCH: Ja, bei 032c inserieren die Luxusmodefirmen rauf und runter. Hinzu kommt, dass das Magazin zwar in Deutschland mit 15 Euro relativ preiswert ist, aber in Amerika kostet es dann im Store 30 Dollar, wenn es durch verschiedene Distributoren gegangen ist.

MARIA KOCH: Viele Leute haben auch die Assoziation, es wäre ein Buch. Auch durch die Bindung.

JÖRG KOCH: Das ist ein Teil der Zielgruppe, die normalerweise gar keine Magazine kauft. Die schreiben uns dann „I really like your book“. Und auf Instagram sah man das Heft im Buchregal, neben Toy und Turnschuh. Das ist ja auch vollkommen okay.

Elitär ist ja auch nicht negativ gemeint. Eher, dass es etwas Besonderes ist und kein Massenkonsum.

JÖRG KOCH: Für Massenkonsum ist die Zeit im Print auch vorbei. Die wird auch nicht wieder zurückkommen. Überall dort, wo Anspruch formuliert wird, funktioniert Papier immer noch sehr gut und wird sogar wichtiger. Weil es eine Wertigkeit darstellt. Die Künstler wollen alle in die gedruckte 032c.

MARIA KOCH: Digital kann sich jeder selbst publizieren, aber in dieses Heft reinzukommen, ist vielleicht so etwas wie eine Verewigung. Das Haptische hat eine andere Beständigkeit.

Es ist irgendwie noch die alte Welt, die sich in der neuen anders aufstellt. Aber es funktioniert.

JÖRG KOCH: Wir sind super Old Europe!

Ich komme von einer Zeitung!

JÖRG KOCH: Das deutsche Feuilleton der Neunziger war für 032c absolut stilprägend. Aber wenn die klassischen Formate wegbrechen, Theaterkritiken oder Konzertrezensionen – wenn so was wegbricht, ist das für immer weg.

Der Plattenreview als Kategorie ist auch überflüssig geworden, weil man jetzt nicht mehr in einen Laden muss, um sich ein Album zu kaufen, man streamt es einfach.

MARIA KOCH: Mir fehlen aber die Vorschläge! Wenn ich zum Beispiel einen Review über Blumfeld lese …

JÖRG KOCH (lacht): Können wir das bitte festhalten, dass Maria allen Ernstes Blumfeld erwähnt hat?

MARIA KOCH (lacht): Jörg findet die ganz toll … nein, aber wenn dann damals in der Spex neben dem Blumfeld-Review das neue Album einer Band vorgestellt wurde, die ich noch nicht kannte, dann habe ich mir das angehört.

Luke Abby
„Die wirtschaftlichen Spielregeln sind inzwischen alle von der Mode definiert“, sagt Jörg Koch.

Zurück zu 032c, das zweite Heft für 2021 erscheint nächste Woche. Was erwartet den Leser?

JÖRG KOCH: Es gibt das schon erwähnte 30-seitige Dossier von Rem Kohlhaas’ OMA über die Zukunft von Krankenhäusern, dann wie die Berliner Galerie Sprüth Magers mit der Globalisierung in der Kunstwelt umgeht, und ein Interview mit dem Hoteldirektor von der Villa Feltrinelli, die eine bewegte Geschichte mit Mussolini, Pasolini und Feltrinelli vorweisen kann. Karl Schlögel schreibt über totalitäre Düfte des 20. Jahrhunderts, Chanel No. 5 und Rotes Moskau. Da ist noch wesentlich mehr drin, aber es soll ja hier nicht in eine Werbesendung ausarten.

Gar keine Mode?

JÖRG KOCH: Doch, wir haben diesmal sogar einen Beileger aus Zeitungspapier drin. Ein Fanzine über Style. Das Interessante ist ja, dass wir im Magazin Fashion-Stories über Mode inszenieren, die man selten im Alltag vorfindet. Im Supplement geht es deswegen um die Rolle von Mode im Alltag. Es gibt zum Beispiel den Text über eine Afroamerikanerin, die Helmut Lang sammelt. Es geht um die Kraft von Mode auf einer persönlichen und produktlastigeren Ebene. Wir haben ja diese magazinigen „Product Porn Pages“ in 032c gar nicht drin. Das können wir auch gar nicht gut. Wir können tolle lange Texte schreiben, das funktioniert super.

MARIA KOCH (lacht): Drei Sätze zu einem Turnschuh, da ist hier Land unter!

Wie setzt sich das Team zusammen?

JÖRG KOCH: Wir sind mittlerweile 22 festangestellte Leute hier in der Firma, das Editorial-Team besteht aus fünf Leuten, der Rest ist Mode.

Was ist als Nächstes in der Modelinie geplant?

MARIA KOCH: Ich habe gerade Spring/Summer 22 fertig gemacht, eigentlich viel zu spät. Wenn dann die ersten Samples kommen, sitze ich schon wieder am Research für Fall/Winter 22/23. Und dann bin ich endlich pünktlich und gedanklich schon mal im Winter. Wir machen je zwei Frauen- und Männer-Kollektionen im Jahr, die auch zu den Händlern gehen. Ganz klassisch. Und wenn wir Zeit haben, dann zwischendurch die Drops.

Zeigen Sie in Zukunft wieder in Paris?

MARIA KOCH: Ja, wir haben den Januar anvisiert. Wir waren ja immer mit einem Showroom in Paris.

JÖRG KOCH: Das letzte Mal war das kurz vor Beginn von Corona. Wir hatten die Präsentation ja schon vorbereitet, das war ein riesen Investment. In Paris, im Kunstzentrum Lafayette Anticipations einen Raum gemietet …

MARIA KOCH: … und eine Nacht vorher hieß es dann, Mist, die ganzen asiatischen Einkäufer kommen nicht. Am nächsten Morgen hieß es, die Italiener kommen auch nicht. Ich weiß noch, es regnete und die Stimmung war so unglaublich depressiv. Und alle waren so verunsichert. Es gab ja so eine richtige Panikphase, in der man den Status quo nicht fassen konnte und gar nicht begreifen konnte, was gerade passiert. Aber es ging dann doch gut für uns aus.

Fragen zu Berlin finden Sie ja anstrengend, haben Sie mal gesagt, Frau Koch.

JÖRG KOCH (lacht): Wie, das hast du gesagt, Maria?

MARIA KOCH: Nein, das habe ich nicht gesagt! Vor zwei oder drei Jahren gab es so eine Dauerfrage, ob ich nicht was für die Stadt Berlin und die Fashion Week tun kann und wie ich das alles finde. Das hat mich so genervt, weil das eine Quatschveranstaltung war. Ich habe aber auch gesagt, dass mich die Zusammenarbeit mit jemandem nicht interessiert, weil er Berliner ist, sondern weil er gut ist. Berlin selber ist uns natürlich total wichtig, ist ja unser Zuhause.

Arbeiten kann man aber von überall aus heutzutage, für die Inspiration ist der Wohnort ja eigentlich gar nicht mehr so wichtig, oder?

JÖRG KOCH: Stimmt, ich könnte auch in so einem bayrischen Gebirgsdorf leben und wäre total glücklich.

MARIA KOCH: Ich in Schleswig-Holstein!

JÖRG KOCH: Aber man kriegt natürlich nicht die Leute dahin. Vincent, einer unserer Mitarbeiter, ist jetzt gerade von Atlanta nach Berlin gezogen. Der würde jetzt nicht nach Oberpfaffenhofen wollen.

MARIA KOCH: Berlin ist natürlich eine wunderbare Stadt, und eigentlich ist es für unsere Arbeit nicht egal, wo wir wohnen. Das stimmt nicht.

JÖRG KOCH: Und unser Office hier ist ja auch Showroom. Wir sind ja vor zwei Jahren von St. Agnes hier in die Potsdamer Straße gezogen, weil das Büro dort zu klein war. Der vordere Bereich vor der Spiegelwand sollte eigentlich Ausstellungfläche und Store werden. Wegen Corona ging das nicht. Deswegen ist hier auch bisher nichts passiert, und jetzt ist es auch schon wieder alles zu klein.

Na klar, läuft eben auch bei Ihnen!

MARIA KOCH: Wenn hier wirklich alle da sind, auch die Praktikanten, dann wird es einfach zu voll. Jetzt müssen wir schon wieder umziehen. Wir suchen auch schon. Aber das ist ja ein schönes Problem. Wir finden Wachstum ja gut, wir haben keine Boutique-Fantasien, oder?

JÖRG KOCH: Nee, keine Nischenplayer! Wir wollen so richtig groß werden ...

MARIA KOCH: … was Jörg auch mal gesagt hat: Diese Idee von Nische ist doch nur ein Alibi für Faulheit.

JÖRG KOCH: Und das Potenzial ist da. Man kann jetzt so viele unterschiedliche Menschen erreichen, es hat alles so eine irre Geschwindigkeit aufgenommen. Ganz einfach, weil der Bereich, in dem wir tätig sind, jetzt auf einmal das neue Establishment abbildet. Als ich 2001 in der Ackerstraße in einem Projektraum mit 032c angefangen habe, war ich stark inspiriert von den Umbrüchen der 90er-Jahre. Als sich in Berlin alles anfing zu durchmischen, Architekten eine Bar hatten und jeder Ausstellungen machen konnte. Das war schon damals eine Interdisziplinarität, die heute Lingua franca ist. Diese Kraft hat uns damals beflügelt und von dieser Energie zehren wir heute noch. Berlin war damals das kulturelle Labor Europas.

Und was war mit der Mode?

JÖRG KOCH: Auch Mode wurde damals zum Kunstbegriff erweitert, das Referenzsystem von Mode verschob sich. Auf einmal konnte jemand wie ich sich dafür interessieren, der sich eine Generation davor vielleicht eher für Theater interessiert hätte. Aber wenn man in dieser Zeit ernsthaft über Visual Culture nachdenken wollte, dann kam man an Mode nicht vorbei. Da waren dann Helmut Lang, Raf Simons, Hedi Slimane – diese ganze neue Generation mit Verknüpfungspunkten in die Architektur und Kunst und so weiter.

Würden Sie sagen, dass Mode eine schlechte Reputation in Deutschland hat? Also ein Herabschauen stattfindet, aus einem intellektuellen Blickwinkel?

JÖRG KOCH: Die Kaste, die Mode noch so betrachtet, ist total irrelevant geworden.

MARIA KOCH: Als ich Mode studieren wollte, haben mich meine Eltern damals tatsächlich auch gefragt, ob das nicht ein bisschen zu flach ist. Kluge Leute konnten das damals nicht einordnen.

JÖRG KOCH: Der Fairness halber muss man aber sagen, es gibt wahnsinnig viele dumme Menschen in der Modeindustrie.

MARIA KOCH: Aber auch im Journalismus! Wie viele dumme Bücher gibt es denn bitte! Das hat ja damit nichts zu tun. Meine Eltern sind jetzt 80, die entscheiden ja jetzt nicht mehr, was die generelle Stimmung in der Gesellschaft ist. Die, die das jetzt entscheiden, sind aber deren Ziehkinder. Die sind jetzt ein bisschen verloren und können da nicht mitturnen. Sie haben keine Ahnung davon und machen sich in ihren Kommentaren oft älter, als sie eigentlich sind, eben weil sie Mode nicht verstehen.

JÖRG KOCH: Und das spielt wie gesagt auch überhaupt keine Rolle, weil es nicht mehr relevant ist. Die wirtschaftlichen Spielregeln sind inzwischen alle von der Mode definiert, wie Autos oder gar Wohnungen verkauft werden.

MARIA KOCH: Das Betriebssystem von Verkauf ist Mode. Ich verkaufe die Musik, weil ich die Musik mit dem Hoody zusammen verkaufe. Klamotte ist ultrarelevant.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.