Berlin - Stefan, 38: „Ich habe von Freunden erfahren, dass sie polygam leben. Ich frage mich, ob das auch für mich ein Lebensmodell wäre. Mich würde interessieren, was die Erfahrungen in der Praxis sind. Kann man Polygamie lernen?“

Lieber Stefan, ich vermute, du meinst Polyamorie. Polygamie bedeutet nur mehrere Ehepartner gleichzeitig zu haben. In den allermeisten polygamen Kulturen sind es die Männer, die mehrere Frauen ehelichen dürfen. Es geht dabei überwiegend um historisch entstandene patriarchale und wirtschaftliche Zusammenhänge.

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Polyamorie hingegen meint frei gewählte Beziehungen mehrerer Menschen miteinander. Das kann eine Person sein, die mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führt, es können auch mehrere Personen mit parallelen Liebesbeziehungen sein. So gibt es durchaus darin enthaltene Dreier-Beziehungen, gepaart mit mehreren Zweierbeziehungen. Der zentrale Unterschied zur Polygamie besteht in der offenen Freiwilligkeit.

Polyamorie basiert auf drei wichtigen Grundpfeilern: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Kommunikation. Die Verhältnisse müssen ehrlich ausgesprochen werden, auch wenn es manchmal wehtut. Vereinbarungen werden gemeinsam ausgehandelt. Polyamorie ist kein anderer Name für „Ich will mich nicht ganz einlassen“ oder „Ich gehe belanglos mit jedem ins Bett“. Sie ist eine ernste Form verbindlicher und auch tiefer Liebe, die langfristige Beziehungen, Kinder und gemeinsame finanzielle Absicherung durchaus einschließen kann.

privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Kommunikation sind auch in der monogamen Liebesbeziehung Werte, ohne die ein erfülltes, glückliches Beziehungsleben langfristig nicht möglich ist. Dem verständlichen polyamorösen Wunsch nach mehreren erfüllenden Beziehungen gleichzeitig steht dabei oft die intensive Auseinandersetzung mit Verlustängsten und Eifersucht gegenüber.

Ob dies ein Lebensmodel für dich sein kann, hängt davon ab, wie innig dein Wunsch nach parallelen Beziehungen ist und wie gut und gerne du deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse erkennen und aushandeln kannst und willst. Wie stark es dich in Richtung polyamoröser Beziehungen zieht, kannst du nur in dir selbst fühlen. Offenheit, Umgang mit Eifersucht, Kommunikationshilfen und Kontakt zu erfahreneren Gleichgesinnten kannst du in zahlreich angebotenen Seminaren erlernen und üben. Es bedarf vielleicht etwas Mut, zu solch einer Veranstaltung zu gehen, aber du wirst dort sicher etwas über dich erfahren und der Antwort auf deine Frage näherkommen.

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