Berlin - Kerstin, 32: „Lieber Herr Lenné, ich bin mit meinem Freund seit drei Jahren zusammen. Ich gebe zu: Er gibt mir Sicherheit. Doch seit Anfang an finde ich die Sexualität nicht gut, als gäbe es nicht viel Chemie. Ich habe versucht, den Sex mit ihm zu verbessern. Aber es klappt nicht. Gleichzeitig hänge ich sehr an ihm. Dennoch habe ich Zweifel, ob die Beziehung so trägt ein Leben lang. Was kann ich tun?“

Liebe Kerstin, Liebe besteht manchmal wohl aus mehr als gutem Sex. Du fragst „ob die Beziehung so ein Leben lang trägt“. Das klingt, als wolltest du dich mit ihm niederlassen und die nächsten Lebensphasen gemeinsam angehen – vielleicht sogar eine Familie gründen. Er gibt Dir Sicherheit. Das alles klingt zusammen ernst und auch schön.

Jetzt scheint dein Herz sich in einen Mann verliebt zu haben, mit dem dein Unterleib nur bedingt etwas anfangen kann. Das klingt wie eine kleine Gemeinheit des Schicksals. Du schreibst, dass du schon versucht hast, den Sex zu verbessern. Was sagte er zu deinen Nöten und zu deinen Vorschlägen? Konnte er mitgehen oder fühlte er sich gekränkt? (Wer will schon hören, dass der Sex mit ihm nicht sooo gut ist?) Wie war das bei dir in deinen früheren Beziehungen mit der Balance zwischen Sicherheit und Spaß im Bett? Und wie war es bei ihm bisher?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 10./11. Juli 2021 im Blatt: 
Nach Afghanistan-Fiasko: Wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Soldaten für ihre Agenda missbraucht

Berlin Strippers Collective: Wie sich eine Gruppe von Sexworkern vom männlichen Diktat befreit

Sind die Berliner Schulen noch zu retten? Warum nach dem Sommer der nächste Kollaps droht

Steckt hinter den Attacken gegen Annalena Baerbock eine Kampagne?

Seeeehr guter Fisch in Moabit! Und: Weiter geht die Suche nach dem besten Chinalokal

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Es gibt Techniken, die man erlernen kann

Schaler Sex ist manchmal auch ein Taschenspielertrick des Unbewussten, um doch noch einen Grund zu finden, sich nicht tiefer einlassen zu müssen. Irgendeinen Ausweg vor der gefühlten Endgültigkeit eines gemeinsamen Lebens muss sich doch finden lassen. Dieser Schritt in die Phase des familiären Niederlassens ist für einige ganz selbstverständlich, für andere aber ein wirklicher Angang. Hier prägt uns unterschwellig unsere Herkunftsfamilie.

privat
Der Paartherapeut

Fabian Lenné, Jahrgang 1960, arbeitet seit 20 Jahren als Paartherapeut in Berlin. Er ist Autor des Buches „Vom Umgang mit der Liebe“. Lenné ist Ausbildungsleiter am Institut für Integrative Paarentwicklung.

War dieses naturgegebene Dazugehören in der Kindheit für uns eher mit Versorgtwerden oder eher mit Ausgeliefertsein konnotiert? Diese Erfahrungen bilden eine unsichtbare Blaupause auch für unsere inneren Möglichkeiten, uns sexuell tiefer einzulassen. Manchmal ist nicht so schöner Sex aber leider einfach nur nicht so schöner Sex. Wenn du mit ihm zusammenbleiben und besseren Sex haben möchtest, werdet ihr euch auf jeden Fall weiter damit beschäftigen müssen. Es gibt z.B. die Technik des „Erotischen Zwiegesprächs“ von Lukas Möller (Anleitungen im Netz). Damit könntet ihr üben weicher, neugieriger und offener mit eurer Lust, euren Körpern und euren begehrenden Herzen umzugehen. Vielleicht entdeckt ihr so gemeinsam eine neue erfüllende Sexualität. 

Haben Sie eine Frage an den Paartherapeuten? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.