Eine optimistische Veranstaltungsankündigung verspricht die Aufführung von Karl Krausʼ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ Ende Mai in Berlin. Der Satiriker Kraus kann sich natürlich nicht gegen seine Verwertung als kulturindustrielle Ressource verwehren. Doch die Lektüre seines Dramas verspricht, gerade in der pandemischen Jetztzeit, wichtige Erkenntnisse.

Denn wenn Kraus heute lebte, ließe er sein Drama wohl nicht auf dem Wiener Ringstraßenkorso, sondern inmitten der Wall Street beginnen. Anstelle nationalistisch bewegter Mengen, die „Serbien muss sterbien!“ rufen, wäre die erste Szene womöglich einer Gruppe Kleinanleger vorbehalten, die ihr staatliches Überbrückungsgeld in bankrotte Unternehmen wie GameStop investieren. In der nächsten Szene sähen wir eine Horde Trump-Hooligans vor dem Kapitol aufmarschieren. QAnon-Verschwörungstheoretiker würden ihr „Recht aufs Sterben“ einfordern. Im nächsten Akt zögen dann Menschen mit gelbem Stern am Revers, auf dem das Wort „ungeimpft“ in Frakturschrift steht, von Polizistinnen begleitet durch Einkaufsstraßen deutscher Kleinstädte. Auf ihren Schildern wäre von einer „Corona“- oder „Merkeldiktatur“ die Rede. Von Krausʼ Warte aus hätten solche Ereignisse nicht nur anekdotischen Charakter. Nein, für ihn erzählt jede Lüge auch eine wahre Geschichte: die einer sich wandelnden Weltordnung.

Karl Kraus schrieb „Die letzten Tage der Menschheit“ über mehrere Jahre, von 1915 bis 1922. Der Prozess war erratisch, mit produktiveren und weniger produktiven Phasen. Einige Szenen wurden in seiner Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht, häufig traten dann dann Kraus’ Archetypen des „Optimisten“ und des „Nörglers“ gegeneinander auf. Ihre Dialoge sind pädagogische Zugeständnisse an ein Lesepublikum, durch die die dargebotenen Versatzstücke – der Presse, des Wiener Straßenjargons, politischer Reden – verständlich aufbereitet werden sollten. Für eine Bühnenaufführung war das fragmentarische Stück jedoch nie gedacht.

Stephanie F. Scholz
Sprachmoralist und gnadenloser Inquisitor der „Banalität des Bösen“: Karl Kraus

Warum also heute zu Krausʼ Weltkriegsdrama greifen? Der Vergleich zu den Vorjahren wäre schief, ja anstößig. An Kraus lässt sich die Analysefähigkeit schulen, die heute nützlich sein kann. Krausʼ Reaktion auf den Ausbruch des Weltkriegs macht deutlich, dass die Katastrophe des Krieges für ihn auch eine sprachliche Dimension hatte: „Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!“ Der Krieg war – das meinte der Ethiker Kraus ganz ohne Zynismus – zuallererst ein mediales Ereignis: In der Epoche der aufkommenden Massenmedien war die vervielfältigte und gedruckte Sprache für ihn zu einem Instrument der Täuschung und Verführung geworden.

Dennoch wird Kraus keineswegs zum frühen Warner vor Fake News, der sich – auf unsere Zeit vorausübertragen – für Hashtag-taugliche Imperative einspannen ließe, etwa den, doch bitte schön mehr auf die Wissenschaft zu hören. Der Faktencheck ist, wie der „Nörgler“ weiß, nicht die Lösung eines Problems, das durch „die von einem abgelebten Ideal zurückgebliebene Phraseologie“ verursacht wurde. Die Phrase ist das Mittel der Presse, die sich ins „technoromantische Abenteuer“ des Ersten Weltkriegs stürzt, in den Widerspruch zwischen der Heldenrhetorik der Kriegsberichte und dem tatsächlichen Töten auf den Schlachtfeldern, zwischen Lanzenromantik von Rittersagen und den – ganz unritterlich – im Giftgasnebel sterbenden 20-Jährigen.

So versuchte auch die Wiener Neue Freie Presse den Istzustand zu konservieren, weil ihr im Angesicht des Kriegsapparats die Analysefähigkeit abhanden gekommen war. Die Folgen der Krise abzusehen, dafür mangelt es auch den öffentlichen Debatten im Frühjahr 2021 an adäquater Sprache. Ganze Feuilletonredaktionen ergehen sich etwa in Schattenkämpfen mit dem Gespenst einer vermeintlichen „Cancel Culture“. Wer sich qua Reichweite berufen fühlen könnte, stattdessen den Kopfsturz zu beschreiben, in dem sich westliche Gesellschaften nicht erst seit Ausbruch der Pandemie befinden, tut es dennoch selten.

Das Feuilleton, gegen das Kraus seinerzeit polemisierte, war außerstande, die strukturellen Krisen vor 1914 zu begreifen: Anstatt der sozialen Frage nachzugehen, beschränkten sich die politischen Debatten weitestgehend auf belanglose Affären und Skandale. Es fehlte ein substanzieller inhaltlicher Diskurs, und auch die Berichterstattung über die Julikrise von 1914 konnte diesen nicht ersetzen. Im „technoromantischen Abenteuer“ füllte die Presse lediglich die Leere zwischen den Symbolen eines kollabierenden Regimes und der neuen techno-kapitalistischen Ordnung. Das Füllmaterial war die journalistische Phrase.

Dem wollte Kraus seine kritisch-satirische Arbeit entgegensetzen. In den „Letzten Tagen der Menschheit“ ließ er den „Optimisten“ den „Nörgler“ fragen: „Wirklich also, mit Grammatik wollen Sie den Krieg führen?“ Sein Verfahren ließe sich „grammatisch“ nennen – gerichtet gegen die Rhetorik der Phrase. Der patriotischen Erbauungsparole der Rede von einer „großen Zeit“ stellt Kraus die „kleine“, „dicke“ und „schwere“ Zeit entgegen – indem er die Adjektive wechselt, wird die Funktion des leeren Sprechakts bloßgestellt. Die semantische Austauschbarkeit der Begriffe wird augenfällig, weil sie tatsächlich ausgetauscht werden.

Wie viel bliebe von heutigen Komposita wie „Brückenlockdown“ oder „Stotterlockdown“ übrig – Worte, die Beraterstäbe der Kanzlerkandidaten geradezu reihenweise ausbrüten – wenn sie tatsächlich „grammatisch“ seziert würden? Was würde aus einem Wortspiel „Woko Haram“, mit dem jüngst eine große Tageszeitung die Opfer realen Terrors zur Kalauerschablone für den eigenen Kulturkampf benutzte? Als Material einer Kritik unserer Zeit bleiben uns anstelle von Szenen aus dem Kriegsfürsorgeamt – schon diese waren bei Kraus Farcen – die Ministerpräsidentenkonferenz und der Redeschwall der Livestreams des Politik-Boulevards. Wir erleben heute tatsächlich wieder letzte Tage: letzte Tage einer Gesellschaft, wie wir sie kennen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.