Greifswald - Auf einer ungemähten Wiese steht ein unfertiges Holzhaus und davor stehen drei Männer, die ein Fenster einsetzen wollen, aber nicht wissen, wie genau sie es nehmen müssen. Der Chefredakteur sagt: „Egal, wird schon passen.“ Der Chefkorrektor fragt: „Ist es oben nicht zu lang?“ Der Cheflayouter nickt: „Müsste hinhauen.“ Dann wird „Pi mal Daumen“ gesägt, werden „auf Verdacht“ gekaufte Schrauben geholt, wird der Bleistift wieder fehlen oder der Winkel: „Oder machst du das auch nach Gefühl?“ Keiner hat eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen. Nicht mal angefangen. Cheffrage: „Ist das Fenster noch nicht fest?“ Chefantwort: „Nee, hält aber.“ Aus dem geöffneten Kofferraum eines Ford Mondeo läuft „First Time“ von Robin Beck.

Der Chefredakteur heißt Benjamin Fredrich, vor sechs Jahren hat er mit zwei Mitstreitern das Magazin Katapult gegründet. Sie taten es gegen jede wirtschaftliche Vernunft und gängige Marktanalyse – und hatten Erfolg. Die Leute wollten tatsächlich ein Printprodukt, das nur aus Karten und Grafiken und sozialwissenschaftlichen Texten besteht und komplett auf Fotos verzichtet. In den vergangenen zwanzig Jahren haben Publikationszeitschriften etwa die Hälfte ihrer Auflage verloren. Doch das Magazin aus Greifswald, es wächst. Etwa 80.000 Abonnenten sind es inzwischen. Und wächst. Im vergangen Jahr lag der Umsatz bei 2,6 Millionen Euro, der  Gewinn bei 500.000 Euro. Jetzt will Fredrich auch noch eine Zeitung machen.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

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Der Markt, die Vernunft, klar, ergibt wieder keinen Sinn. Aber einen wie Fredrich schreckt das nicht ab. Er hat keine Angst zu scheitern. Nicht mehr. Doch erst mal legt er den Akkuschrauber zur Seite, schnappt sich einen Plastikstuhl und läuft einen ausgetrampelten Wiesenweg entlang.

Ludwig Nikulski
Alte Schule, bald neues Büro: Benjamin Fredrich, Chefredakteur von Katapult.

Hinter ihm liegt jetzt das Holzhaus, Cheflayouter Tim Ehlers mit dem Hammer, Chefkorrektor Philipp Bauer an der Säge, vor Fredrich ein seit Jahren verlassenes DDR-Schulgebäude: brauner Kasten, zweistöckig. Der Rückbau ist bereits beendet. Türen raus. Böden raus. Die fleißigen Ukrainer sind gerade nicht da. Im Oktober sollen hier alle 34 Mitarbeiter einziehen, die für Katapult arbeiten. Für das Magazin, den Buchverlag und eben die neue Lokalzeitung, die an diesem Dienstag zum ersten Mal online erscheinen wird.

Ludwig Nikulski
Bautrupp: Tim Ehlers (Cheflayouter) und Philipp Bauer (Chefkorrektor).

Und das Holzhaus? Soll die Zentrale der Baumschule werden. Und wozu eine Baumschule? Man ahnt es: Einer hatte die Idee, keiner eine Ahnung. Wurde trotzdem beschlossen. Irgendwann werden sie also einen Acker in einen Wald verwandeln. Für ein Heft verbraucht Katapult nämlich 700 Gramm Holz. Und Klimaneutralität ist das Ziel. Vielleicht bauen sie auch noch einen Windpark. Oder eine Fotovoltaikanlage. Oder eine Schokoladenfabrik. Wer weiß das schon.

Fredrich, 33, Kapuzenpulli, Trainingshose, Frisur im Halbschlafmodus, setzt den Stuhl in einen Kreis aus mannshohen Wildgräsern und sagt: „Dieses Holzhaus ist eine einzige Metapher auf Katapult.“ Pi mal Daumen, auf Verdacht, nach Gefühl – so haben sie es bei der Magazingründung gemacht vor sechs Jahren, als der Cheflayouter sich ein bisschen mit Photoshop auskannte. So hatten sie Erfolg in der Buchverlagswelt, nachdem der Chefredakteur bei der Konkurrenz im Impressum nachgeschaut hatte, wo man eigentlich drucken kann.

Katapult ist: eine Idee haben und sofort die erste Fehlentscheidung treffen.

Benjamin Fredrich, Chefredakteur und Geschäftsführer von Katapult

Und so wollen sie nun auch den Zeitungsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern verändern. Wenn nicht gar: revolutionieren. Fredrich, Politikwissenschaftler, der noch an einer Arbeit über radikale Demokratietheorien herumdoktort, knickt einen Grashalm um und sagt: „Katapult ist: eine Idee haben und sofort die erste Fehlentscheidung treffen.“ Die ersten Holzbalken, die sie im Baumarkt gekauft haben, erwiesen sich als unbrauchbar. Zu lang, zu dick.

Katapult ist eine mögliche Antwort auf die Glaubwürdigkeitskrise im Journalismus. Vor allem aber: ein Phänomen. Wer interessiert sich für populärwissenschaftlich – und dann auch noch mit Fußnoten! – aufgearbeitete Studien? Für Nischenthemen wie Homosexualität in der Bundeswehr oder Kinderarbeit in der Kakaoindustrie? Oder – ein Klassiker – für Tiere auf Flaggen (gibt es in 18 Ländern weltweit), Waffen auf Flaggen (neun), Tiere und Waffen auf Flaggen (drei) und bewaffnete Tiere auf Flaggen? Löwe mit Säbel, das gibt es nur in Sri Lanka.

Steile Wachstumskurve, aber auch Wachstumsschmerzen

Immer mehr Leser interessieren sich dafür. Die Wachstumskurve, die im letzten Heft unten auf einer Seite beginnt, schießt oben wieder raus und braucht noch zwei weitere Seiten, um den aktuellen Höchststand der Aboverkäufe zu erreichen. Der Chefkorrektor sagt: „Den Gag wollten wir uns nicht nehmen lassen.“ Und Fredrich findet zu Recht: „Das ist natürlich eine absolute Angeberkurve.“

Doch wahrscheinlich ging es nicht anders, und jetzt sind sie eben da: die Wachstumsschmerzen, die Probleme, die sie vorher nicht kannten. Einerseits, weil Katapult nicht mehr der verschworene Haufen aus Generalisten ist, die alle Texte und Karten und Statistiken selbst erstellen konnten und wussten, wann eine Korrelation nicht mehr kausal ist. Heute sind sie eine Ansammlung von Spezialisten, die sich aus Pandemiegründen kaum persönlich kennen. Und aus Organisationsgründen gibt es bei Katapult, wo früher flache Hierarchien herrschten, inzwischen drei Leitungspositionen. Fredrich sagt: „Es macht sich eine Professionalisierung breit, die wir nicht wollen.“ Dabei sind sie längst keine Amateure mehr.

Aus einem studentischen Freundeskreis mit Geldsorgen (Chefredakteur) und Gerichtsvollziehererfahrungen (Cheflayouter) ist nun mal ein Unternehmen geworden, das einen Kredit über 2,5 Millionen Euro aufnehmen kann, um das Schulgebäude und die angrenzenden Grundstücke zu kaufen. Nächstes Bauprojekt nach der Hollywoodschaukel für das fertige Holzhaus: Hochsitze für die Redakteure, wo sie zwischen Pappeln und Birken ungestört arbeiten können. Der Cheflayouter sagt: „Unser Statistiker hat schon eine Idee.“

Ludwig Nikulski
Aktuelles Office im Biotechnikum, Walther-Rathenau-Straße 49A, Greifswald

Andererseits gab es zuletzt auch Kritik, und das war nach Jahren des Candystorms über Greifswald eine neue Erfahrung für Katapult. Für eine Redaktion, die keine Leserschaft an sich gebunden hat, sondern eine Community, keine Kunden, sondern Fans, die sich darauf verlassen können, dass ihre Mails und Kommentare immer gelesen und sehr oft auch beantwortet werden. Zwei Leute sind allein dafür zuständig.

Große Stärken, große Schwächen 

Ein Teil des Erfolgs von Katapult ist diese Nahbarkeit. Ein anderer die Transparenz beim Umgang mit Zahlen: Alle Redakteure verdienen 3150 Euro, Fritz Kola zahlt 14.000 Euro (teils in Getränken) für Anzeigen. Und dann ist da noch das Gefühl, einen David im Kampf gegen die vielen Goliaths da draußen zu unterstützen. Gegen andere Verlage etwa, die Ideen von Katapult klauen wollen. Nun aber: Shitstorm oder zumindest ein paar Tropfen Scheiße auf dem Saubermannimage. Fredrich findet: „Medien mit kleiner Reichweite nimmt man nicht für voll, man greift sie nicht an.“ Heißt: Katapult ist inzwischen zu groß für Welpenschutz.

Getroffen hat es Fredrich, dem das Portal Übermedien vorwarf, ehemaligen Kollegen „fiese Geschichten“ angedichtet zu haben in seinem im vergangenen November erschienenen Roman „Die Redaktion“. Darin wird die Entstehungsgeschichte von Katapult zu einer Heldenreise verdichtet. Man erfährt, dass der Chefkorrektor das Magazin lieber „Brennglas“ genannt hätte – woran der sich beim Sägen allerdings nicht erinnern kann. Oder dass der Cheflayouter einen sicheren Job aufgeben hat für das Wagnis Katapult. Aber es tauchen auch einige nicht ganz so nette Dinge auf, die Fredrich „ehrlich“ nennt und andere, die sich in seinem Roman wiedererkennen, als verletzend empfinden.

Ludwig Nikulski
Immer nur noch oben: Benjamin Fredrich auf dem Dach der Schule.

Übermedien kommt zum Schluss: „Benjamin Fredrich hat eine Stärke: Er denkt nicht an die Konsequenzen.“ Und: „Fredrich hat eine große Schwäche: Er denkt nicht an die Konsequenzen. Weder für sich noch für andere.“ Pi mal Daumen, auf Verdacht, nach Gefühl – kann auch mal schiefgehen. Der Sturm legte sich trotzdem schnell. Es gab Entschuldigungen auf beiden Seiten. Fredrich sagt: „In der Nachbetrachtung hätte ich einiges härter verschleiern sollen.“

Fredrich schreibt „populistische Verrisse“

Der neue Roman, an dem Fredrich gerade schreibt, wird „Fredrich rastet aus“ heißen, und man wird darin nachlesen können, ob Katapult auch eine Dreckschleuder sein kann. Zuvor reicht es vielleicht zu wissen, dass Fredrich ein höflicher, eloquenter Typ ist, der sagt, dass er weder den Cheflayouter noch den Chefkorrektor anbrüllen würde. Beim Schreiben gelten allerdings andere Regeln. Da schimpft und flucht er, überdreht und verliert sich, verfasst „populistische Verrisse“, wie er es nennt. Seine Editorials gefallen deshalb nicht allen um politische Korrektheit bemühten Lesern. Am wenigsten seiner Oma, einer ehemaligen Lehrerin. „Keine Ahnung“, sagt Fredrich, „vielleicht ist es wie bei einer Kunstfigur.“ Oder wie bei einem Sänger, dessen Stimme beim Plausch anders klingt als auf der Bühne.

Man kann es auch so formulieren, dass Katapult eine große Stärke hat: einen Benjamin Fredrich, der das Gesicht und die Stimme des Unternehmens ist. Und dass Katapult eine große Schwäche hat: einen Benjamin Fredrich, dessen Erscheinung und Lautstärke die anderen in den Schatten stellt, übertönt. In der Redaktion gibt es schon Beschwerden, dass Journalisten immer nur mit dem Chefredakteur sprechen wollen. Und damit auch zu wenig über Katapult MV, die neue Onlinezeitung.

Am Dienstag geht es also los, und die Idee dahinter ist die Fortsetzung des Magazins mit fast den gleichen Mitteln. Ganz ohne Bilder wird die dank Spendengeldern aus zunächst fünf Katapulten (Mitarbeitern) bestehende Redaktion nicht auskommen. Wenn es aber irgendwo einen Unfall gibt, womöglich mit Verletzten oder gar Toten, dann interessiert Katapult MV nicht das beschädigte Auto, das fließende Blut oder die Nationalität des Fahrers, sondern die Frage: Ist das ein Unfallschwerpunkt? Wo finden wir Verkehrsdatenschätze, die in einer Gemeinde schlummern, die aber noch nie jemand gehoben hat? Lokaljournalismus auf Fakten gebaut, nicht auf Emotionen. Und nicht auf Fremdenhass, den Fredrich bei der Konkurrenz verortet.

„Moin, dürften wir mal stören?“

Zwei Polizisten stehen plötzlich auf der Wiese, im Hintergrund hämmert der Cheflayouter, sägt der Chefkorrektor, entsteht ein Holzhaus, für das es vielleicht keine Genehmigung gibt. „Wir haben mal ’ne Frage, ob sie Auskunft geben können, was auf diesem Grundstück so passiert? Weil gesagt wurde, hier soll Cannabis gezüchtet werden.“

In Fredrichs Roman kommt der Witz vor: „Was sind die anstrengendsten drei Jahre im Leben eines Polizisten? Die erste Klasse.“ Jetzt sagt er: „Ähm, ich bin Geschäftsführer von der Katapult gGmbH, die hat das Grundstück von der Stadt gekauft, die Schule.“

Zwei Minuten später verlassen die Polizisten wieder das Grundstück. Kein Cannabis. Von Katapult hatten sie vorher noch nie gehört. Finden sie jetzt aber gut. Benjamin Fredrich war ja auch sehr nett zu ihnen. Er hat sich gar nicht aufgeregt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.