Berlin - Wer wachen Auges durch den Zeitgeist rauscht, den kann die Annahme, dass die Welt schon bald untergehen könnte, kaum überraschen: Wenn nicht mit dem nächstbesten Virus oder einer Klimakatastrophe, dann womöglich durch einen bizarren Mix aus Atomkrieg, weißer Vorherrschaft, Künstlicher Intelligenz, Social-Media-Überreizung. Sicher ist: Wir sind im Begriff, auf eine viel verletzbarere, viel komplexere Zukunft zuzurasen.

Beim ersten Blick in die Ausstellung „Under Maintenance“ drängt sich der Gedanke auf, die Künstlerin Geumhyung Jeong habe den dystopischen Rigorismus vom drohenden Weltuntergang zum persönlichen Programm erklärt. Ihre Cyborg-Roboter, fahrzeugartige Hybride aus bunten Kabeln, mechanischen Pumpen und künstlichen Körperteilen ließen sich leicht als panische Vorboten eines nahendes Endes lesen. In ihrer Werkstatt bei Klemm’s liegen Joysticks, Inbusschlüssel und Metallteile in typologischen Grüppchen aufgereiht, als entsprängen sie einer Klassifizierungszeichnung des Naturforschers Carl von Linné.

Oberflächlich betrachtet scheint darin tatsächlich eine Art Horrorvision durchzuschimmern, in der freigeistige Singularitäten, sprich hyperintelligente Computer, das post-menschliche Zeitalter einleiten. Wie ein Blick auf eine Welt, wo Technisches zu Natürlichem verwächst, Natur jedoch nicht mehr die zeitlose Bühne bietet, auf der der Mensch Fortschritt inszenieren kann. Jeongs Arbeiten lassen uns das Ende des Menschen imaginieren: als technoide Selbsterdolchung.

All das, stellt man bei genauerem Hinsehen fest, ist letztlich aber doch nur eine Lesart von Jeongs Arbeiten – und eine verkürzte. „Ich sehe mich selbst als eine Puppenspielerin“, sagt sie, während sie an der Auslage der Werkzeuge lehnt und auf ihre Roboter zeigt. Die Roboter, ergänzt sie augenzwinkernd, seien eigentlich ziemlich dumm und zerbrechlich. Sie bräuchten viel Pflege. Seit sie anfing, Maschinen zu bauen, wollte sie diese aufrüsten, verbessern, ihnen kontinuierlich neue Bewegungsmuster einhauchen.

„Anfangs bewegten die Fahrzeuge sich nur vor und zurück“, erinnert sie sich. Inzwischen seien auch komplexere Abläufe drin. Parallel gehe es ihr aber auch darum, sich selbst upzugraden. Ihre Roboter, das wird klar, stehen nicht in Konkurrenz mit dem Menschen. Es geht der Künstlerin nicht um den alten Gegensatz von Technik und Natur – vielmehr um die Belebung unbelebter Teile, ihre sprichwörtlich organische Vermenschlichung des Technischen – als eine Art spiegelbildliche Parallele zur fortschreitenden Technisierung des Selbst.

Jeong spielt dabei geschickt mit unserer Tendenz, dem Formlosen einen Sinn zu verleihen und vermeintlich willkürliche Bewegungen in bedeutungsschwangere Zeichen zu übersetzen. Ihre Performances werden in der Galerie Klemm's gleich auf mehrere Bildschirme übertragen. Es handelt sich um Aufführungen, in denen Jeong sich neben ihren Maschinen über den Boden räkelt. Es sind Bilder, die wie ein merkwürdiger Mix aus Tanz und Roboter-Messe erscheinen.

Indem Jeong darin die Logik der Zweckhaftigkeit unterläuft – jenen Aspekt, der das Bewegungsprinzip der Technik letztlich von dem der Kunst unterscheidet –, stellt sie auch die größere Frage nach dem bedingungslosen Fortschrittsglauben des Menschen. Eine Frage, die, in Form der Prometheus’schen Qualen, schon in der griechischen Mythologie angelegt ist und sich über Percey Shelley bis Theodor Adorno wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte zieht: als dunkle Kehrseite der Aufklärung, als entlarvte Illusion menschlicher Hybris, Erfindungskraft, Kreativität und Naturbeherrschung. Verabschieden wir uns von dem Gedanken, die Maschinen, die wir bauen, seien etwas radikal Anderes als wir selbst. Das scheinen Jeongs Performances sagen zu wollen. Oder, in ihren Worten: Lasst die Puppen tanzen, wie auch die Puppenspielerin selbst.

In den Performances wechseln sich aggressive Gesten mit zarten Bewegungen ab. Es entsteht eine Art körperlich-maschineller Dialog. Und obwohl Jeong ihre Roboter per Fernbedienung manövriert, bleibt oft vage und unklar, wer hier die Kontrolle hat (und wer sie verliert). Grenzen zwischen Objekt und Subjekt verschwimmen. Die wechselseitige Abhängigkeit von Mensch und Maschine wird freigelegt.

Christian Werner
In Jeongs Werkstatt bei Klemm’s liegen Joysticks, Werkzeuge und Metallteile in typologischen Grüppchen aufgereiht.

„Under Maintenance“ ist Teil eines längerfristigen Prozesses. Er lässt sich als eine Erweiterung der Arbeit „Homemade RC Toy“ betrachten, die 2019 für die Kunsthalle Basel entstand und die Jeong in darauffolgenden Ausstellungen weiterentwickelte. Wenn man der Künstlerin zuhört, wie sie von ihren Maschinen erzählt, von der Befriedigung, die sie spürt, wenn es ihr gelingt, ihnen ein neues Feature hinzuzufügen, könnte man meinen, man befände sich in einer Art futuristischem OP-Saal, wo Jeong ihre menschenhaften Cyborgs aufrüstet und repariert. Die Videoarbeiten fangen diesen Prozess ein – das Zusammenbauen, die Tests, das Laden der Batterien.

Letztlich fällt in Jeongs Arbeiten auch der Aspekt der Fürsorge ins Auge – für den Menschen wie für die Maschine. Unbenutzte Maschinen verschleifen bekanntlich. Doch menschliche Muskeln funktionieren ähnlich. Die Assoziation mit Pflege-Robotern, die in vielen Ländern bereits heute medizinische Grundaufgaben übernehmen, liegt da nahe. Intelligente Gehilfen wie der haustierähnliche MiRo („Mimetic Robot“) helfen etwa dementen Menschen, ihren Alltag besser zu meistern. Für allein lebende Personen oder solche, denen der Kontakt zu anderen untersagt ist, könnten sie auch psychologische Unterstützung leisten. Welche Auswirkungen KI-gestützte Robotik letztlich auf die Betroffenen haben wird – ob wir im Laufe der Zeit möglicherweise unsere Bedürfnisse den Maschinen anpassen (anstatt umgekehrt) –, ist eine Frage, die bei Jeong stets unterschwellig mitschwingt.

„Under Maintenance“ akzentuiert die wechselseitige Abhängigkeit und Verletzlichkeit als etwas, was jedem Körper inhärent ist – menschlichen wie nicht-menschlichen. Was dabei passiert, könnte ein Vorblick auf eine Welt sein, in der es nicht mehr nur um Wartung oder Instandhaltung von Maschinen geht, sondern um echte Fürsorge von ihnen und auch für sie. Jeongs Arbeit leitet nicht die Idee ei­ner ra­di­ka­len Andersheit des Technischen, nicht dessen Bruch mit der menschlichen Natur und Kultur, sondern im Gegen­teil das Ineinanderfallen von Technik und Kunst – als menschenähnliches Selbstbewusstsein. 

Signifikante Recherche zu diesem Text lieferte die Kunst-Journalistin Sonja-Maria Borstner.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.