Berlin - Wie gut kann ein Wolf allein überleben? Während in Brandenburg circa 47 Wolfsrudel ihren Beitrag zur Biodiversität leisten, wurde der Wolf in Berlin bislang nur an den Stadträndern gesichtet. Tatsächlich verlassen junge Wölfe meist nach einem bis zwei Jahren das Rudel, um ein eigenes zu gründen. Was, wenn diese einsamen jungen Wölfe auf der Suche nach Gemeinschaft ihren Weg ins Berghain fänden?

Im Debütroman des Berliners Kevin Junk wird die Nacht von fünf queeren Protagonisten erzählt, die im Berliner Technoclub ihr Rudel, ihre Clique, ihr Spielfeld entdecken. Ein Hauch von Fantasy-Epos schimmert zwischen den Zeilen dieses von Drogen, Sex und Berliner Rotzigkeit durchzogenen Romans hindurch. Schwule Boys werden darin zu verspielten Jungwölfen, muskulöse Bären zu Wächtern des Darkrooms, tätowierte Techno-Girls zu Schamaninnen der Nacht.

Berliner Verlag
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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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Die Zutaten dieser Magie sind Chemie, Bass und mythische Verklärung. Im Zentrum all dessen steht der Tempel, das Berghain. Kitsch ist in diesem Roman gewollt, sogar überzogen, Camp. Selten hat man ein Buch gelesen, das sich derart detailverliebt mit Technotracks und DJ-Spielzeiten auseinandersetzt. Noch seltener wird die Intimität der Drogenerfahrung mit Fremden so hässlich-schön beschrieben wie hier. Protagonisten führen die Leser durch ihr eigenes, inneres Pandämonium an Unsicherheiten, Verblendungen, Sehnsüchten. Zwischen bunt glitzernden Lines hauchen sie sich ihre Sternzeichen zu. Im Keta-Rausch glauben sie, ihre Begegnung wäre eine kosmische Fügung. Diese Berliner haben die sprichwörtliche Box der Pandora nicht nur geöffnet. Sie tanzen darin!

Der 1989 geborene Autor begann bereits mit 24, seine Berliner Nachtleben-Erfahrungen auf dem Blog „Wolf auf tausend Plateaus“ aufzuschreiben. Damals waren seine Erzählungen eher autobiografisch. Und er war nicht der Einzige. Zwischen 2008 und 2016 kursierten in der Szene einige Party-Blogs, in denen über Techno und Clubkultur berichtet wurde. Wer diese Geschichten aus der Restrealität vermisst, kann sie in diesem Roman wie neu erleben.

Kevin Junk: Fromme Wölfe, Querverlag Berlin 2021. 288 S., 18 Euro.

Wertung: 4 von 5 Punkten

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