Berlin - Zwei junge Filmemacherinnen befragen 30 junge Männer zu ihren Gefühlen – diese Konstellation verrät schon einiges. Denn umgedreht würde das TV-Projekt kaum funktionieren, weil die Männer solch sensible Fragen entweder nicht wagen oder verbal übergriffig wirken würden, etwa, wenn sie junge Frauen reihenweise danach befragten, was guten Sex ausmacht. 

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
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Felicitas Sonvilla und Nina Wesemann haben ihre Interviewpartner vor eine Silberfolie gesetzt und lassen sie zwischendurch auch mal tanzen beziehungsweise sich bewegen. Einer boxt wie besessen, ein anderer spielt Luftgitarre. Obwohl kein Befragter einen Namen bekommt, sind einige durchaus bekannt, etwa Kevin Kühnert. Mit ihm schielt das ZDF-Projekt auf mediale Aufmerksamkeit, dabei stechen die Antworten des SPD-Mannes kaum heraus. Die Aussagen sind sortiert in sieben kurze, meist zwölfminütige Episoden, es geht zum Beispiel um Männlichkeit, Sex, Feminismus, Väter, Körper und, passend zur EM, Fußball.

„Was bist denn du für ein Macho-Arschloch!“

Auffällig ist die starke Verunsicherung und Ratlosigkeit der jungen Männer oder besser: großen Jungs. Sie tragen zwar mehrheitlich betont männliche Bärte, haben aber oft Probleme mit den Diskussionen um veränderte Geschlechterrollen. „Ob metrosexuell, androgyn oder schwul – das wird mir immer als erstrebenswert vorgeführt. Mach doch, was du willst, aber reib es mir nicht permanent unter die Nase!“, beschwert sich einer. Ein anderer wurde für seine höfliche Geste, einer Frau die Tür aufzuhalten, rüde beschimpft: „Was bist denn du für ein Macho-Arschloch!“ Erst im Verlaufe der sieben Folgen legen die meisten Befragten ihre sexuelle Orientierung offen.

Insgesamt aber wirken die 30 Boys recht homogen – die allermeisten sind Single-Großstädter. Nur fünf sind mit Ende 20, Anfang 30 schon Vater. Häufig formulieren sie Erwartungen an Partnerschaften – haben aber noch wenig Erfahrung. Dem älteren Zuschauer fällt auf, dass sie einen mitunter kuriosen Mix aus Deutsch und Englisch sprechen. „Catcalling macht mich so unhappy“, betont ein schwuler Mann, der mit Rock, Netzstrümpfen und High Heels auffällt. Die komplett englischsprachigen Auskünfte mehrerer Boys werden gar nicht übersetzt. Offenbar unterliegt das ZDF dem Irrglauben, wer es schafft, die Mediathek aufzurufen, der verstünde auch fließend Englisch.

Wertung: 3 von 5 Punkten

BOYS ist abrufbar in der ZDF-Mediathek.

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