Die New York Times hat Augenzeugenberichte und Videomaterial von Bewohnern einer Wohngegend in der Nähe von Kiew ausgewertet, die beweisen sollen, dass russische Soldaten beim Sturm von Kiew Bewohner einer Wohngegend als Geiseln gehalten hätten. Die Wohngegend mit dem Namen „Pokrovsky“ liegt am Kiewer Stadtrand und soll am 3. März von einer Rakete getroffen worden sein. In dem Bericht der New York Times heißt es, dass sich 150 Familien während des Angriffs in der Wohngegend befunden hätten. Am Tag des Raketenangriffs hätten russische Soldaten die Wohngebäude gestürmt.

Laut Zeugenberichten hätten die Bewohner der Wohngegend den Sturm auf die Wohngebäude auf Monitoren, die die Aufnahmen von Überwachungskameras zeigten, beobachten können. Das Videomaterial konnte gesichert werden und wurde von der New York Times als authentisch eingestuft. Auf den Bildern sieht man russische Soldaten, die ein Gebäude in der „Pokrovsky“-Gegend stürmen. Die Aufnahmen sind auf den 3. März 2022 datiert.

Anschließend hätten die russischen Soldaten die Bewohner der Wohngegend gezwungen, in den Gebäuden zu bleiben. Einige der Bewohner, vor allem jene ohne Kinder, wurden in die Keller gebracht und mussten sich dort tagelang verstecken – ohne Kontakt zur Außenwelt. In dem Bericht heißt es, dass 200 Bewohner bleiben mussten und als Geisel gehalten wurden. Außerdem hätten die Bewohner ihre Telefone und Laptops abgeben müssen, tagelang konnten sie ihre Freunde und Familienmitglieder nicht informieren. Einige Familien mit Kindern durften in ihren Wohnungen bleiben, waren aber dennoch Gefangene in ihren eigenen Häusern.

„Wir befreien dich von den Nazis“

Die New York Times hat nach eigenen Angaben sieben Bewohner der Wohngegend interviewt und die Aussagen und Informationen über die Geiselnahme bestätigen können. Die Geiselnahme dauerte vom 3. bis zum 9. März 2022. Über Umwege erfuhr eine Bewohnerin des Hauses, dass am 9. März die Ukraine mit Russland eine Vereinbarung getroffen hätte, dass ukrainische Zivilisten belagerte Städte und Kriegsgebiete über einen Flüchtlingskorridor verlassen dürften. Die Bewohner informierten die russischen Soldaten und durften aus den besetzten Häusern fliehen. Niemand wurde getötet.

Laut Zeugenberichten wussten viele russische Soldaten nicht, was der Grund des Kriegseinsatzes sei. Ein älterer russischer Offizier habe versucht, ein nervöses ukrainisches Mädchen in einem der Keller zu trösten. Der Offizier soll zu dem Mädchen gesagt haben: „Meine Tochter ist auch 8 Jahre alt. Ich liebe sie sehr. Ich vermisse sie. Keine Angst, kleines Mädchen, wir befreien dich von den Nazis.“