Uckermark/Berlin - In den vergangenen Jahren ist die sogenannte Baumscheibenbegrünung an den Berliner Straßenrändern sehr in Mode gekommen. Dafür gibt es viele Gründe: das Straßenbild zu verschönern etwa, oder weil eine nicht bepflanzte Baumscheibe allzu gern als Müllplatz oder Hundetoilette benutzt wird. Manche Baumscheibe wird aber auch um Pflanzungen ergänzt, um einen Beitrag zur Pflege der Bäume und somit zum Naturschutz zu leisten.

Beides wird häufig aber gar nicht erreicht – in vielen Fällen ist die Begrünung sogar kontraproduktiv. Wer nicht weiß, was und wie gepflanzt werden sollte, kann Schäden am Baum verursachen. In den schlimmsten Fällen, so liest man auf der Seite des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, ist es sogar schon zum Baumumsturz infolge einer Begrünung gekommen.

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Sowieso gilt: Wer eine Baumscheibe bepflanzen will, muss sich vorher die Erlaubnis des lokalen Bezirksamtes einholen. Einige davon, zum Beispiel das in Mitte, geben auch gerne Tipps und bieten an, die auserwählte Baumscheibe vorher untersuchen zu lassen. Dann kann entschieden werden, ob ein Gärtnern dort überhaupt angebracht ist und welche Bepflanzung tatsächlich pflegend und schützend wirkt. Den eigentlichen Stars der Baumscheiben, den Straßenbäumen, fehlt es ja in erster Linie an der regelmäßigen Nährstoffversorgung durch herabfallendes Laub. Eine Bepflanzung sollte im besten Fall also eine partielle Kompensation dessen erreichen. Dazu eignen sich bodendeckende Schattenpflanzen, die das Laub auffangen und sozusagen schlucken.

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Mit Astern könnte man es durchaus probieren.

Neulich, bei einem Gartenbesuch, fragte mich ein junger Mann, wo denn das ganze Laub unter meinen Bäumen sei. Für ihn war es ein ungewöhnliches Bild, dass über die ganze Fläche Pflanzen unterschiedlicher Arten wuchsen, die das Laub überdeckt hatten. Eine solche Bepflanzung – zum Beispiel mit Elfenblumen (Epimedium), Balkan-Storchschnabel (Geranium macrorrhizum), Ysander (Pachysandra) oder Kleinem Immergrün (Vinca minor) – lässt das Laub auch leicht verrotten und hält die oberste Bodenschicht daher locker. Eine grüne Bepflanzung mit kleinen Blüten dieser Art tut nicht nur dem Baum, sondern auch dem Auge gut.

Besonders geeignet sind eigentlich alle Arten der Begrünung, die sich am Wald orientieren. Auf der Baumscheibe könnte man also auch kleine Farne ausprobieren und Waldastern wie Aster x herveyi „Twilight“, Eurybia divaricatus oder Eurybia schreberi, auch Waldglockenblumen (Campanula latifolia var. macrantha) wären schön. Nicht umsonst steht bei den deutschen Bezeichnungen zahlreicher Arten der Zusatz „Wald-“ davor, viele dieser Pflanzen eignen sich für die Baumscheibe. Auf jeden Fall muss eine Begrünung neben dem Bezirksamt auch mit dem Straßen- oder Grünflächenamt abgesprochen werden.

Leider gibt es bezüglich der Optik keine Vorgaben, was sehr schade ist, denn das sieht man mancher Baumscheibenbepflanzung durchaus an. Der Grund scheint mir, dass auch bei den Ämtern in Berlin kein besonders ausgeprägtes ästhetisches Verständnis vorherrscht, und daher wird auch keine Notwendigkeit darin gesehen, optische Gesichtspunkte miteinzubeziehen. Wir sind hier eben nicht in Japan, wo auch Schönheit als eine Funktion gilt, in Deutschland muss es bloß praktisch und billig sein. Überengagierte Baumscheiben-Gärtnerinnen und -Gärtner aber können etwas noch viel Schlimmeres anrichten als ein unschönes Beet.

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Die Waldglockenblume tut dem Stadtbaum gut.

Im schlimmsten Fall können bei der Bepflanzung ohne Beratung durch das Grünflächenamt die oberflächennahen Wurzeln der Bäume verletzt werden. Oder – genauso schlimm – das Oberflächenniveau wird durch das Aufbringen von Substrat erhöht. Das vertragen nur wenige Bäume, denn gerade an der Oberfläche finden viele wichtige Prozesse statt, die ihre Versorgung gewährleisten. Und leider ist genau das eines der häufigsten Dinge, die man bei Baumscheibenbegrünungen beobachten kann: Substrat in Höhe von 30 Zentimetern aufgeschüttet (schädlich!), darin viele bunte Blumen gepflanzt (haben unter einem Baum nichts zu suchen!) und einen kleinen Zaun drumherum gezogen (verboten!).

Generell ist das Thema Bäume ja ziemlich aufgeheizt, und in den vergangenen Jahrzehnten hat sich darum mitunter eine kleine Hysterie entwickelt. Gleichzeitig können die wenigsten Menschen heute noch die gängigen Bäume und Sträucher bestimmen, was vor 40 Jahren noch selbstverständlicher Teil des Allgemeinwissens war. Genauso wenig können die meisten Leute nachvollziehen, warum und wann ein Baum auch mal gefällt werden muss.

Eine falsche Bepflanzung ist auch ein Sicherheitsrisiko

Mich bringt das oft in eine schwierige Situation, schließlich gebe ich als Landschaftsplaner ja selbst häufig Fällungen in Auftrag. In jedem Fall sind diese aber sorgfältig überlegt, die Bäume werden vorab vom Baumpfleger begutachtet und jede Fällung ist mit dem lokalen Umweltamt abgesprochen, das eine Genehmigung erteilen muss. Die Hauptgründe für Fällungen, die ich beauftrage, sind die angegriffene Gesundheit der Bäume und die Gewährleistung der Verkehrssicherheit auf privaten Grundstücken (für die Bewohnerinnen und Bewohner, spielende Kinder und um das Haus vor Schaden zu bewahren). Auch das unüberlegte Pflanzen nicht geeigneter Bäume in der Vergangenheit muss häufig korrigiert werden.

Gerade in Brandenburg stehen zum Beispiel viele Fichten auf kleinsten Grundstücken nah am Haus. So eine Fichte kann bis zu 60 Meter hoch werden – und auf schweren Böden mit Staunässe oder hohem Grundwasserspiegel (wie wir sie in der Uckermark oft in der Nähe Hunderter Seen haben) entwickelt sie keine tiefgründigen Wurzeln. So wird die Fichte extrem windwurfgefährdet. Ich selbst habe schon erlebt, wie ein 40-Meter-Exemplar vom Nachbarn auf mein Grundstück gekracht ist. Deshalb sagen auch die meisten Naturschutzbehörden: In dicht besiedelten Gegenden haben Fichten nichts zu suchen!

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Das Kleine Immergrün lockert den Boden auf.

Als ich vor ein paar Jahren schweren Herzens die Fällung von zwölf sehr angegriffenen Bäumen auf einem waldartigen Privatgrundstück überwachte, erreichte mich am selben Tag eine Onlinepetition gegen die Fällung eines Baumes in Prenzlauer Berg, gleich in der Nebenstraße meiner Wohnung dort. Auf einem Foto zur Petition war klar zu erkennen, dass sich die Wurzelplatte mit Ballen und Gehweg schon deutlich angehoben hatte: ein Zeichen dafür, dass dieser Baum bald umstürzen und möglicherweise Menschen verletzen würde. Trotzdem sollte die Fällung um jeden Preis verhindert werden.

In der Folge fanden Protestaktionen am Baum statt, und als ich das nächste Mal dort vorbeilief, war eine lebensgroße Stoffpuppe um den Baum gekettet mit der Aufschrift: „Erst stirbt der Baum, dann sterben wir!“. Nun ja, zur Erinnerung: Tatsächlich sterben jedes Jahr Menschen durch umstürzende Bäume. Und genau daran sollte auch bei der Baumscheibenbegrünung gedacht werden, die nur richtig gemacht zum Baumwohl beitragen und nebenbei noch die graue Straße aufhübschen kann.

Aber bei dem erhöhten Bewusstsein für Naturschutz, das viele junge Menschen heute auszeichnet, bin ich mir sicher, dass die Zukunft der Baumscheibenbegrünung rosig aussieht. Denn wir alle wollen ja in einer grünen Stadt leben, in der sich die Bäume so wohlfühlen wie wir.


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