Berlin - Es sind brutale Szenen, die sich am Dienstagmorgen auf der Autobahnausfahrt A100 auf Höhe des ICC abspielen. Da sitzen sechs Klimaaktivisten in Warnwesten auf der Straße. Nur Zentimeter trennen ihre Köpfe von den Kühlergrills der hupenden Autos, dahinter staut sich Hunderte Meter der Verkehr. Es ist laut und unübersichtlich, Menschen brüllen. Die Stimmung ist angespannt, Berufsverkehr, die Menschen müssen zur Arbeit. Irgendwann wird es dem 40-jährigen Marcel Skowron zu bunt. Es ist bereits das dritte Mal, dass der Handwerker wegen des Protests der Klimaaktivisten im Stau steht. Das erste Mal auf der Schwarzen Brücke, dann in Lichtenberg und jetzt hier auf dem Messedamm. Diesmal steht er in der ersten Reihe. Der Tag habe schon echt „scheiße“ begonnen, wird der Bauunternehmer einen Tag später sagen. Ein Fäkalschaden in einem Badezimmer im Zentrum, ein Notfall, der keinen Aufschub duldet. „Es muss schnell gehen“, sagt er, „da braucht man eigentlich Blaulicht.“

Wütend steigt er aus seinem grauen Lieferwagen mit dem großen Logo seiner Baufirma und greift zu. Noch ist die Polizei nicht da. Immer wieder packt er einen Aktivisten nach dem anderen am „Schlafittchen“ und schleift ihn von der Straße. Ein Mann im beigen Mantel hilft ihm. Als Skowron einen der Aktivisten loslässt, knallt der mit voller Wucht auf den harten Asphalt. Er braucht ein paar Momente, um den Schock zu verarbeiten. Doch auch das hilft nicht viel, denn immer wenn Skowron einen der Demonstranten von der Straße bugsiert hat, schmeißt sich ein anderer wieder vor eines der wartenden Autos, macht sich stocksteif. Wie ferngesteuert stapft der Handwerker durch die Reihen der Klimaaktivisten. Packt wieder zu. Mit seinem Ziegenbart und der schwarzen Arbeitskutte sieht er bedrohlich aus. Irgendwann hat er es geschafft, er bekommt den schwarzen Smart frei. In dem Auto sitzt an diesem Morgen eine junge Ärztin, sie ist auf dem Weg in die Klinik, eine wichtige Operation steht an. Endlich ist der Weg zumindest für sie frei.

Marcus Glahn
Handwerker Marcel Skowron sieht sich als Teil der Lösung – und nicht als Problem.

So wie Skowron und den anderen Autofahrern ergeht es seit mehr als zwei Wochen Tausenden Pendlern in der Hauptstadt. Jeden Morgen trifft sich irgendwo in Berlin im Morgengrauen auf S-Bahn-Gleisen oder hinter Tankstellen ein Dutzend meist junger Klimaaktivisten, um sich auf die Fahrbahn zu kleben und den Verkehr zu blockieren. Sie nennen sich die „Letzte Generation“. Sie glauben, dass die Menschheit nur noch kurze Zeit habe, um mit entschlossenen Maßnahmen die Klimakatastrophe zu verhindern und damit die Welt, wie wir sie kennen, zu retten. Die Maßnahmen der Politik sind ihnen nicht radikal genug. Im September wurden Aktivisten, gegen die die Anhänger von Friday's for Future wie brave Musterschüler wirken, mit einer ersten Aktion einem breiteren Publikum bekannt. Sie bauten vor dem Kanzleramt ein Zelt auf. Traten in den Hungerstreik, wollten damit die Kanzlerkandidaten zu einem Gespräch zwingen, um ihnen entschiedenes Handeln in der Klimakrise abzutrotzen. Einer der Aktivisten hielt fast einen Monat durch, bis er einen unverbindlichen Telefonanruf von Olaf Scholz bekam.

Die A100, Lebensader der Hauptstadt

Doch was als Protest im Regierungsviertel gegen die Mächtigen begann, hat sich nun verselbstständigt und ein neues Ziel gefunden: den Berliner Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit. Und der Protest findet allmorgendlich nicht in den Seitenstraßen von Kreuzberg und Friedrichshain statt, sondern auf der ganz großen Bühne: der A100, der Lebensader der Hauptstadt. Denn wer in Berlin als Autofahrer schnell von A nach B kommen will, der ist auf die Stadtautobahn angewiesen. Alle müssen sie benutzen, der Handwerker, die Krankenschwester, die Müllabfuhr; über sie gelangen Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs in die Regale, sie verbindet die Außenbezirke mit der teuren Innenstadt, die sich immer weniger Menschen leisten können. Die A100 ist auch eine Demarkationslinie der Lebensrealitäten: In den Außenbezirken fährt man Auto, in Berlin-Mitte nimmt man das Fahrrad. In Lichtenberg geht man zum Penny, in Friedrichshain zum Bioladen. In Kreuzberg wählt man die Grünen und sorgt sich ums Klima, in Marzahn hat man ganz andere Sorgen.

Diese beiden Lebenswelten, die sich sonst kaum berühren, prallen jetzt beim Protest aufeinander. Auf welcher Seite die Aktivisten stehen, ist spätestens seit zwei Wochen klar. Der Wochenzeitung Die Zeit gaben die zumeist jungen Leute aus dem ganzen Land, die Arbeit oder Studium für den Klimaprotest aufgeben und durch Spenden oder Eltern finanziert werden, Einblicke in ihre Vorbereitungen. Dabei sprachen sie auch über ihr Selbstverständnis: „Später in der Weltgeschichte wird zurückgeschaut werden, wer sich beteiligt hat, die Katastrophe abzuwenden, und wer nicht. Wir sind auf der richtigen Seite.“ Die einen wollen die Welt retten, die anderen nur schnell zur Arbeit. Aber ist es wirklich so einfach? Gibt es ein Richtig oder Falsch? Ein Gut und Böse? Oder liegt die Wahrheit wie so oft dazwischen? Die Berliner Zeitung am Wochenende wollte es genauer wissen und hat in dieser turbulenten Woche die Proteste der „Letzten Generation“ begleitet, mit Betroffenen gesprochen und mit Pendlern im Stau gestanden.

Marcel Skowron hat die Videos seiner eigenwilligen Aufräumarbeiten anschließend immer wieder auf seinem Smartphone angeschaut und war ein wenig über sich selbst erschrocken. „Das sieht schon schlimm aus“, sagt der Handwerker, der sich, mehr als 24 Stunden nach dem Vorfall, „wieder beruhigt“ hat, wie er es nennt. Er sitzt am Mittwochnachmittag im Büro seiner Firma im Brandenburgischen Bernau mit einer Tasse Kaffee vor dem Computer und öffnet sein Mailpostfach. 119 Mails hat er bis jetzt bekommen. Vier davon seien negative Zuschriften, sagt er. Da sind Leute, die ihn als „Umweltsau“ beschimpfen und fragen, ob seine Firma jetzt in „Security“ mache. Die überwältigende Mehrheit der Zuschriften allerdings feiert Skowron und sein beherztes Eingreifen gegen „Ökofaschisten“ und „linkes Dreckspack“. Zwei Anwälte bieten für den Fall einer Anzeige wegen Körperverletzung sogar kostenlosen Rechtsbeistand an.

Marcus Glahn
„Ökofaschisten“ und „linkes Dreckspack“: 119 Mails hatte Marcel Skowron am Dienstag in seinem Mailpostfach

„Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Marcel Skowron

Skowron ist solche Aufmerksamkeit nicht gewohnt, und ihm ist der Vorfall, dessen Ablauf er immer noch minutiös schildern kann, einen Tag danach eher peinlich: „Ich würde nie jemanden schlagen“, sagt er. „Die Leute kennen mich, ich bin tiefenentspannt, bevor ich ausraste, muss schon echt was passieren.“ Er sei ein „einfacher Mann“, der im Netz zur unfreiwilligen Leitfigur der Wutbürger wurde und den die Bildzeitung schnell zum Helden der einfachen Leute stilisierte. Ein schlechtes Foto, ein paar martialische Zitate. Das war's. Aber so einfach sei die Sache nicht, sagt Skowron. Und er will einiges richtigstellen. Denn er hat sogar Verständnis für den Klimaprotest. Wer Skowron zuhört, der trifft auf einen reflektierten Mann, der sich seit Jahren privat und beruflich mit der Thematik Klimawandel beschäftigt.

Aufgewachsen ist der 40-Jährige in Berlin-Wartenberg, ganz im Nordosten der Hauptstadt. Als Jugendlicher sei er ein richtiger Computernerd gewesen. Er habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, worum es im Leben geht. Ein Jahr lang war er arbeitslos, lebte von Hartz IV, danach machte er eine Malerlehre, ging zur Bundeswehr und arbeitete anschließend in verschiedenen Zeitarbeitsfirmen für teilweise 7,50 Euro die Stunde. Es waren die Nullerjahre, als es dem Handwerk in Deutschland richtig schlecht ging. Irgendwann habe er dann verstanden, dass es auf Eigenverantwortlichkeit im Leben ankomme, sagt er heute. Mit seinem Kollegen Bryan Bänicke, der ihm an diesem Mittwoch gegenübersitzt und Papierkram erledigt, gründete er 2008 die Baufirma B&S. Inzwischen haben die beiden 14 Mitarbeiter. Sie sanieren und bauen Häuser, machen Trockenbau, Fliesen, Bäder. Das Geschäft laufe seit einigen Jahren wirklich gut, sagt er. Inzwischen hat die junge Firma nicht nur Aufträge im Umkreis von Berlin, sondern auch in Dresden oder auf Rügen.

Und Skowron fühlt sich nicht nur für sich und seine Mitarbeiter verantwortlich. Im Landkreis kümmere er sich auch um junge und schwer vermittelbare Migranten, besorge ihnen Jobs und Lehrstellen. Zuletzt vermittelte er einen Jungen an die Polizeischule. Und Skowron möchte nicht als ignoranter Autofahrer gesehen werden, der sich nicht ums Klima kümmert und den die vielen Kritiker auf Twitter auch noch für einen Rechten halten. „Uns ist Klimaschutz auch wichtig“, sagt er, „denn der spielt in unserer täglichen Arbeit eine entscheidende Rolle.“ Er mache auch regelmäßig Schulungen dazu. Ob Energetik, nachhaltige Werkstoffe, Solarthermie oder klimagerechte Entsorgung: „Auch wenn es auf den Videos nicht so aussieht, ich bin da voll im Thema.“

Nur Phrasen, keine Lösungen?

Deswegen habe er die Protestler auch direkt nachdem sein grauer VW-Lieferwagen im Stau zum Stehen gekommen war, nach ihrem Anliegen befragt. „Da kamen aber keine vernünftigen Antworten. Ich bin ein Mann, der fragt. Ich will eine vernünftige Antwort.“ Als die Aktivisten dann von Lebensmittelverschwendung geredet hätten, hätte er überhaupt nichts mehr verstanden, sagt der Handwerker. „Das hat für mich überhaupt keinen Sinn gemacht“, sagt er, „nur Phrasen, keine Lösungen. Das hat mich dann auch so wütend gemacht. “

So wie der Handwerker fühlen sich in diesen Tagen viele Menschen in Berlin. Denn den Aktivisten geht es mit der Aktion weder darum, dass Menschen nicht mehr Autofahren sollen, sondern zunächst einzig und allein um das sogenannte Essen-Retten-Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung. Das Gesetz sei schon in der Schublade, sagen die Aktivisten. Konkret sollen Supermärkte dazu verpflichtet werden, noch genießbares Essen an soziale Einrichtungen zu spenden. Das solle eine Agrarwende einleiten, den Welthunger begrenzen und den CO2-Ausstoß bei der Lebensmittelproduktion drosseln. Und das komme nicht nur dem Klima, sondern auch den Menschen zugute, denn Deutschland habe 1,6 Millionen Menschen, die auf die Tafeln angewiesen seien, gleichzeitig würden aber 30 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen.

Aber ist es legitim, dafür Menschen in ihren Autos auf dem Weg zur Arbeit zu stoppen und sie so ihrer Freiheit zu berauben? Geht es nach den Aktivisten, ist dafür jedes Mittel recht. Wer die jungen Menschen begleiten will, der muss früh aufstehen und sich aktiv darum bemühen, um von den Aktivisten der „Letzten Generation“ zu ihren Protesten mitgenommen zu werden. Dafür sind im Vorfeld zahlreiche Gespräche nötig; man hat das Gefühl, nur mitgenommen zu werden, wenn man ihren Anliegen offen bis wohlwollend gegenübersteht. Hat man das geschafft, erhält man am späten Abend den Standort für den morgigen Protest per SMS. Am Mittwoch treffen sich die Aktivisten am S-Bahnhof Westend: um 8 Uhr auf Gleis 1.

Bergstiefel, Regenhose und Anorak

Die Ausrüstung der jungen Leute: Bergstiefel, Regenhose, Funktionsunterwäsche, dicker Anorak. Kampfanzug trifft auf Wandertag. Während oben auf der S-Bahnbrücke bereits die Polizei die Ausgänge versperrt, geht es mit der Ringbahn hin und her, um die Polizei abzuschütteln. Die jungen Leute sprechen kaum miteinander, es wird viel vor sich hin gestarrt. Man merkt ihnen die Anspannung an, die in manchen Momenten auf den Betrachter kompromisslos und pedantisch wirkt. Vom S-Bahnhof Jungfernheide soll es zu Fuß zur Autobahnabfahrt gehen. Fünf Minuten Verschnaufpause. Zeit für eine selbstgeschmierte Stulle im Backpapier, einen Schluck Tee aus dem Mehrwegbecher. Es bleibt sogar noch Zeit für eine kurze Lektüre im Reclamheftchen. Der Autor versäumt es leider nachzuschauen, welche Autoren hier en vogue sind.

Marcus Glahn
Ernste Mienen, pedantische Vorbereitung: Die Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ überlassen nichts dem Zufall.

Dann geht es los. Ein kurzer Fußweg bis zur Autobahnabfahrt Tegeler Weg. Die Fußgängerampel springt auf Grün. Sechs entschlossene Aktivisten rollen ihre Transparente aus und stellen sich auf die Straße. Jetzt wird es gefährlich. Die Autos rollen mit mehr als 50 Stundenkilometern die abschüssige Abfahrt herunter. Ein Mülltransporter kommt einen Meter vor den Demonstranten zum Stehen, sofort springt der Fahrer von seinem Bock und beginnt, wild zu gestikulieren und zu brüllen: „Das ist schon das zweite Mal, ihr Arschlöcher!“ Später wird derselbe Mann Bild-TV einen bemerkenswerten Satz in die Kamera sagen: „Sie können zufrieden sein, dass ich gestern schön gefickt habe, dass ich entspannt bin, sonst wäre ich schon da vorne.“ Hinter dem Mülltransporter kommen binnen Augenblicken etwa 30 Autos zum Stehen.

Als die ersten Mannschaftswagen eintreffen, setzen sich die sechs Aktivisten auf ihre Sitzkissen aus Schaumstoff, kleben ihre Hände mit Sekundenkleber auf die Fahrbahnmarkierung und legen sich kleine Einwegheizkissen gegen die Kälte auf die Hände. Jetzt wird es eine längere Zeit dauern, bis der Berufsverkehr wieder rollt. Zeit für den Reporter, sich einmal bei den Menschen im Stau umzuhören. Viele der Autofahrer stehen auf der Fahrbahn, einige reden auf die Protestler ein, während die Polizei versucht, deren Hände mit Lösungsmittel, Spachtel und Pinsel von der Fahrbahn zu lösen.

Marcus Glahn
Mehr als eine Stunde Stau: Genug Zeit für eine Zigarettenpause.

Glücklicherweise keinen Sarg dabei

Henry Abdalian, 55, sitzt in zweiter Reihe in seinem kleinen Lieferwagen und faltet in aller Ruhe einen Rechnungsbeleg zusammen. Der armenische Kaffeeröster, der einen kleinen Laden in Schöneberg hat, kann die Proteste verstehen und hält sie für nötig. Für seinen Beruf reise er durch die ganze Welt, dort sehe er, welche Schäden der Klimawandel anrichte. Allerdings wird auch er nach einer Stunde ungeduldig: „Eine halbe Stunde ist okay, alles was darüber geht, ist zu hart.“ Andere im Stau sind weniger entspannt. Denn auch wenn die Aktivisten immer wieder versprechen, Schwangere, einen Rettungswagen oder andere Notfälle durchzulassen, fragt man sich, wie das funktionieren soll, wenn die Autos nicht vor und zurück rangieren, geschweige denn eine Rettungsgasse bilden können.

Spricht man mit dem nervösen Bestatter* in Reihe 6, bekommt man eine Ahnung von den ganz alltäglichen Notfällen der verschiedenen Branchen: „Ich muss jetzt zu einem Trauerfall, bei dem ein Familienvater früh gestorben ist“, sagt der Mann mit dem goldenen Ohrring. Akute Trauer könne bei den Angehörigen ganz verschiedene Gefühle auslösen. Wut sei eines davon, deswegen gehöre es für ihn auch zur unbedingten Berufsehre, nicht zu spät zu kommen. In diesem Fall hätte er noch Glück, dass die Familie am Montag selbst in einen solchen Stau geraten sei. „Stellen Sie sich mal vor, ich habe einen Sarg hinten drin und muss zu einer Beerdigung“, sagt er. „Sollen Pastor, Gäste und Familie dann einfach zwei Stunden warten in der Kälte?“

Marcus Glahn
Der Kaffeeröster Henry Abdalian aus Schöneberg hat Verständnis für die Aktivisten: Es dürfe nur nicht länger als 30 Minuten dauern.

Geht man weiter durch die Reihen, stellt man fest, in den Autos und Lkw sitzen fast nur Männer. Das ist auch so eine unbequeme Wahrheit im Deutschland des Jahres 2022. Und noch eine Tatsache verfestigt sich: Fast alle Autofahrer sehen den Klimawandel als drängendstes Problem für die Menschheit. Verständnis für die Aktivisten haben sie jedoch nur begrenzt. Da ist die Intensivschwester, auf deren Station gerade 70 Prozent der Kollegen wegen Covid-19 ausfallen. Da ist die Feuerwehrfrau, die nicht in die Leitstelle kommt. Da ist der Handelsreisende aus Mainz, dem der eng getaktete Terminkalender vor seinen Augen zusammenbricht. Da ist die Schülerin, die eigentlich gar nicht gerne in die Schule geht. Aber ihre Freunde würde sie heute schon ganz gerne sehen. In der letzten Reihe sitzt der Immobilienunternehmer Anton Teklic, der in seinem Audi Q5 gerade eine Zigarette raucht und den Protest entspannt beobachtet, und der kurz vor Ende der Blockade dann doch noch ein paar bemerkenswerte Sätze sagt: „Es waren doch gerade Wahlen. Warum protestieren die denn jetzt? Die Grünen sind doch in der Regierung! Warum warten die nicht mal ab, was passiert?“

Marcus Glahn
Anton Teklic, der Immobilienunternehmer sagt: Es waren doch gerade erst Wahlen.

Corona und Inflation: Der Stressfaktor ist hoch

Auch Marcel Skowron würde sich mehr zielgerichteten Protest wünschen. Anstatt ihren Job aufzugeben, müssten die doch jetzt erst recht studieren und Forscher, Unternehmer und Wissenschaftler werden, denn nur Innovation mache wirklich den Unterschied. „Heutzutage muss man sich doch nicht mehr vor den Panzer schmeißen, um was zu erreichen“, sagt er, während er über seinen Bauhof schlendert. Es gäbe doch so viele intelligente Möglichkeiten des Protests, Medien überzeugen zum Beispiel, das könne was bringen. „Aber so verliert man wirklich nur die Leute.“

Gerade in der jetzigen Zeit mit Corona und der hohen Inflation könne man das den Leuten nicht vermitteln: Vielen geht es gerade schlecht. „Der Stressfaktor ist hoch, das sehe ich jeden Tag bei den Kunden. Die Zündschnur ist extrem kurz“, sagt er. Skowrons Frau etwa gehe jeden Tag um 3.40 Uhr in der Nacht aus dem Haus, um zu ihrer Arbeitsstelle – einer Kita in Neukölln – zu fahren. Wenn er sie da mal abhole, dann bekomme er ganz gut mit, wie die Leute in Berlin inzwischen ticken würden. Da werde er regelmäßig von Fahrradfahrern beschimpft, weil er den Motor kurz laufen lasse. „Ich sage, wie bekommst du dein Gemüse? Das fällt nicht vom Himmel.“ Die reiche Berliner Stadtbevölkerung werde inzwischen immer betriebsblinder, da gäbe es immer weniger Verständnis dafür, dass man im Zentrum einer Stadt eben auch von Menschen wie ihm abhängig sei. Anstatt mal über den Tellerrand zu schauen, würden Menschen wie er bevormundet.

Marcus Glahn
Erst ankleben, dann losspachteln, dann wegtragen: Die Aktivisten behält die Polizei bis zu 36 Stunden in Gewahrsam.

Und auch wenn die Proteste inzwischen Thema im Abgeordnetenhaus seien, findet Skowron, dass dieser radikale Protest der „Letzten Generation“ ein Ende haben muss. „Es ist absolut legitim, für seine Anliegen zu demonstrieren und dabei auch Formen des zivilen Ungehorsams zu nutzen“, sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke. So etwas bringe die Menschen auf die Palme, mache die Aktivisten zu „Märtyrern“ und stelle jeden anderen in die Ecke, sagt Skowron: „Ich denke, dass es irgendwann ein Unglück geben wird. Irgendwann werden sie auf jemanden treffen, der sich nicht unter Kontrolle hat. Dann gibt es Tote, dann war alles umsonst.“

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Weltwetterorganisation WMO ,dpa, dpa

Franziska Giffey will durchgreifen

Aber auch wenn ein Teil der Bevölkerung, gerade im urbanen Raum, offen mit den Aktivisten sympathisiert, machte Franziska Giffey unter der Woche klar, dass sie das Vorgehen der jungen Menschen nicht toleriere: „Die Art und Weise, wie das gerade in Berlin geschieht, ist allerdings grenzüberschreitend und nicht zu akzeptieren.“ Selbst Bettina Jarasch, die Grünen-Chefin in Berlin, steht den Protesten skeptisch gegenüber. Sie sagte laut rbb24.de, dass sie die Sorgen der Protestler zwar teile. „Allerdings würde ich mir doch sehr wünschen, dass Protestformen gewählt werden, mit denen man weder sich selbst noch andere in Gefahr bringt.“

Marcus Glahn
Kurz und heftig: Am Freitagmorgen auf dem Siemensdamm in Charlottenburg eskaliert die Situation fast, bis die Feuerwehr durchgreift.

Am Freitagmorgen treffen sich die Aktivisten schon um 6.15 Uhr an der A100. Treffpunkt ist heute die kleine Shell-Tankstelle am Letterhausweg in Charlottenburg-Nord. An diesem Tag wollen die Aktivisten an fünf verschiedenen Orten zuschlagen. Bevor es losgeht, verstecken sich einige der Aktivisten im Gestrüpp und halten den Reporter kurzzeitig für einen Zivilpolizisten. Nachdem dieser Schreckmoment überwunden ist, trifft man diesmal auf eine sehr ausgelassene Gruppe junger Menschen. Viele sind zum ersten Mal dabei und wirken weniger fanatisch als ihre Mitstreiter aus den Tagen davor. Doch die gute Stimmung wird ein paar Minuten, nachdem die Aktivisten ihre Aktion beginnen, jäh gestoppt, denn die Stelle des Protests ist heute denkbar schlecht gewählt. Direkt gegenüber ist die Feuerwehrwache. Und so dauert es auch keine zehn Minuten, bis sechs Feuerwehrmänner mit Helmen und einer Sprühflasche aus der Wache gestürmt kommen.

Marcus Glahn
Die Polizei weiß inzwischen wie es läuft: Mit Pinsel und Lösungsmittel.

Und anders als die Polizisten in dieser Stadt, die immer ein bisschen ängstlich und ein wenig passiv-aggressiv zu Werke gehen, ist die „Amtshilfe“ der Feuerwehrmänner aus Sicht der staatlichen Ordnung und der Autofahrer ein voller Erfolg. Denn sie sind die effektivere Truppe in der Hauptstadt. Innerhalb von zwei Minuten haben sie die Aktivisten von der Straße getragen. Einen, der sich auch schon angeklebt hatte, haben sie auch mit hochgenommen.

„Der Kleber war noch nicht ausgehärtet, da habe ich zugegriffen“, sagt einer der Feuerwehrmänner. Und so müssen dann nur zwei „Klebis“, so nennen sich die Aktivisten, mühsam von der Fahrbahn getrennt werden, während der Verkehr wieder rollt. Und während zwei Feuerwehrmänner den letzten Aktivisten von der Fahrbahn lösen, kniet sich der ranghöchste Feuerwehrmann, ein Schwabe, zu dem Aktivisten herunter und redet wie ein Pastor auf ihn ein: „Schau mal wie dämlich und gefährlich Euer Protest ist. Ihr könnt selber sterben. Und noch schlimmer, Ihr könnt Euch nicht vorstellen was noch so alles gefährliches passieren kann.“

Marcus Glahn
Die Feuerwehr fackelt nicht lange: Im Rahmen ihrer „Amtshilfe“ ist sie sogar schneller als die Polizei die Tage zuvor.

Und nach der Aktion? Ab in den Skiurlaub

Auf dem Rückweg in die Redaktion gerät der Reporter dann noch selbst mit dem Auto in den Klimastau. Der löst sich aber nach ein paar Minuten auf. Auch hier war man inzwischen gut vorbereitet und es geht alles sehr schnell. Und alles läuft nach dem immer gleichen Muster ab. Die Aktivisten kommen in die Mannschaftsbusse oder warten davor. Reporter und Fotografen werden durch Trassierband abgeschirmt. Personalien aufnehmen und ab auf die Wache in Gewahrsam.

Bis zu 36 Stunden hielt die Polizei in dieser Woche die Aktivisten teilweise fest, einige kamen schon nach ein paar Stunden frei. Für diese Woche ist jetzt erst einmal Ruhe bei Polizei und Aktivisten. Gearbeitet und protestiert wird in Deutschland eben schön anständig an einem Wochentag. Schon vor der Aktion auf dem Siemensdamm vor der Shell-Tankstelle sprechen die Protestler noch vor Sonnenaufgang an diesem Freitag über ihren sogenannten „Heimaturlaub“. Manche fahren zu ihren Eltern, ein anderer hat noch einen Vortrag in Kiel. Für ein Mitglied der „Letzten Generation“ geht es laut Aussage der Gruppe mit den Eltern erstmal für eine Woche in den Skiurlaub.

* Name ist der Redaktion bekannt.

Haben Sie eine Meinung zu diesem Text? Bitte schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

Marcus Glahn
Das wars: Die Aktion endet wie fast jedes Mal in der polizeilichen Maßnahmen und in der Zelle.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.