Berlin - Wenn jemand in Deutschland über alle Parteigrenzen hinweg mehr als unbeliebt ist, ist das nicht immer, aber zumindest oft ein Indikator dafür, dass er etwas richtig macht. Claus Weselsky ist so ein Fall. Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bewegt die Kommentarspalten des Landes. Die Chattering Classes (zu denen freilich auch der Autor dieser Zeilen gehört) empören sich mehrheitlich über ihn. Der Tenor lautet etwa so: „Der irre Egomane Weselsky nimmt den ohnehin schon durch Corona und Starkregen gebeutelten Fahrgast in Geiselhaft. Ein Streik ausgerechnet jetzt ist nun wirklich unverantwortlich!“

Das ist aus vielen Gründen bemerkenswert. Vor allem schon deshalb, weil für den unbedarften Bahnreisenden Generalstreik und Normalbetrieb ohnehin kaum voneinander zu unterscheiden sind. Woher also die allgemeine Aufregung? Das fängt schon mit seiner Person an. Weselsky wurde 1959 in Dresden geboren, er gilt damit fast als ein alter weißer Mann – um in der öffentlichen Arena zu bestehen, hat Weselsky damit denkbar schlechte Voraussetzungen. Dass er stark sächselt, erweist sich auch nicht unbedingt als hilfreich. Überdies liegt ihm das Querulantentum im Blut: Weil er nie Mitglied der SED wurde, war es ihm trotz guter Schulnoten nie vergönnt, in der Deutschen Reichsbahn richtig Karriere zu machen. Er durfte nur Rangierloks fahren. Aus der Geschichte hat er überdies auch nichts gelernt: Selbst heute tut sich Weselsky schwer damit, sich anzupassen, mit seinem Konfrontationskurs im Bahnstreik macht er sich seit Jahren eigentlich nur Feinde.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.