Berlin - Neulich kam mein sechsjähriger Sohn nach Hause, sagte nicht Hallo, sondern warf sich aufs Bett und schluchzte. Sein Fahrrad war weg, jemand hatte es ihm vom Spielplatz gestohlen. Er fühlte sich schuldig, weil er es nicht angeschlossen hatte, sondern einfach nur am Baum angelehnt, neben Papas Rad. Ein Fahrraddiebstahl ist in Berlin nichts Besonderes, trotzdem traf es mich. Wer geht auf Spielplätzen herum und stiehlt Kinderfahrräder?

Am nächsten Tag erzählte die Nachbarin, dass vom Hof der Kita ihrer Tochter, ganz in der Nähe, zwei Kinderräder geklaut wurden. Was war da los? War das die Kinderfahrradmafia von Pankow? Ich hatte mal gelesen, dass die Fahrradbanden in Berlin so professionell agieren, dass sie auf Bestellung stehlen. Doch wer macht so was? Und wo bestellt man ein geklautes Rad?

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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
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Das Fahrrad meines Sohnes war schwarz-grün, hatte ein robustes Gestell, es sah ein bisschen wie ein Mountainbike aus. Sein älterer Cousin war vor ihm damit gefahren, das machte es so wertvoll für meinen Sohn.

Es war kein Markenrad, schon gar keines von Woom. Woom ist eine erfolgreiche Marke aus Wien, 2013 von einem Biomedizintechniker und einem Marketingexperten gegründet. In den Vierteln der Besserverdienenden sieht man kaum ein Kind auf einem anderen Rad.

Eltern schwärmen davon, wie leicht die Räder seien und wie gut die Kinder damit Radfahren lernen. Woom-Räder sind vor allem ein Statussymbol, wie früher ein BMW, mit dem man zeigen kann, wie gut man sich auskennt und wie viel einem sein Kind wert ist. „Das bessere Kinderfahrrad“ heißt der Slogan der Firma. Zwischen 300 und 550 Euro kostet ein Rad neu, secondhand kosten sie immer noch fast genauso viel. Bestimmt sind die Fahrräder toll, aber es sperrte sich etwas in mir, ein kleines Vermögen für ein Kinderrad auszugeben. Ich war da vielleicht ein bisschen geizig oder altmodisch.

Wenn mein Sohn ein Woom-Bike hätte, würde ich mir dauernd Sorgen machen, dass es gestohlen wird. Ein Woom-Bike kann man wahrscheinlich gar nicht ohne Safe mit auf den Spielplatz nehmen.

Ich fing an, nach einem Ersatz-Fahrrad zu suchen und klickte mich durch die Seiten bei Ebay-Kleinanzeigen. Es gab erstaunlicherweise ein Überangebot an rosa und lila Rädern. Fahren Mädchen weniger Rad? Oder werden sie der Farbe Rosa schnell überdrüssig? Ich erinnerte mich, dass eine Freundin ihrer Tochter mal ein rosa Rad gekauft hatte, weil sie grad in der Rosaphase war und sich weigerte, ein Rad mit einer anderen Farbe zu benutzen. Nach drei Wochen war die Rosaphase vorbei, das Rad musste ausgetauscht werden.

Es gab etliche Räder unter 100 Euro, die mit dem Zusatz „für Bastler“ oder „für Handwerker“ angeboten wurden. Das erinnerte mich an die verfallenen Häuser in Brandenburg, deren Bilder ich manchmal bei Immoscout betrachte. Der Kinderfahrradmarkt schien ähnlich überteuert. Wird das Angebot künstlich verknappt durch die Kinderfahrradmafia?

Ich war ein bisschen erschrocken, als ich bei Ebay ein schwarz-grünes Kinderrad entdeckte, 20 Zoll, ich musste erst das Bild großziehen, um zu erkennen, dass es sich nicht um das Rad meines Sohnes handelte. Es kostete 150 Euro und wurde von Karim in Kreuzberg angeboten. Karim wollte mir nicht seine Telefonnummer geben und schlug als Treffpunkt den U-Bahnhof Moritzplatz vor. Das klang aufregend, als wären Kinderräder heiße Ware. Jetzt hat mein Sohn ein altes neues Fahrrad, mit sieben Gängen. Ein Schloss muss ich noch kaufen.

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