Berlin - Ich werde oft nach der Zukunft gefragt, obwohl ich keine hellseherischen Fähigkeiten habe. Ich habe meistens Schwierigkeiten, die Gegenwart zu verstehen, und vieles, was ich erlebe, begreife ich erst im Rückblick. In meiner Kindheit war die Zukunft mal für kurze Zeit etwas Positives, auf das man sich freuen konnte; etwas, in dem Fortschritt passierte. Das ist aber vorbei. Inzwischen wird über die Zukunft als etwas geredet, vor dem man Angst haben sollte oder das ein schlimmes Ende nehmen könnte, wenn man nicht genug vorbereitet ist oder nicht jetzt die „Weichen für die Zukunft“ stellt.

Neulich wurde ich bei einer Veranstaltung gefragt, wann es endlich so weit sein werde, dass es keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West gebe, bei den Lebensverhältnissen, der Chancengleichheit. Die Frage ist so eine Art Evergreen, so alt wie die Ost-West-Debatte selbst. Ja, wie lange dauert es noch?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Ich dachte an die Professoren, kluge Leute, die Anfang der 90er-Jahre gesagt haben, dass diejenigen, die zum Mauerfall Jugendliche waren, so um die 15 Jahre alt, einmal die Einheit vollenden werden. Wenn sie erwachsen seien, würde Ost und West keine Rolle mehr spielen. Sie ahnten nicht, wie groß die Unterschiede bei Einkommen, Vermögen, politischer Stimmung 30 Jahre später noch sein würden.

Mich erinnert die Frage auch ein bisschen an die Frage meiner Kinder, wenn wir mit dem Auto von Pankow zu ihren Freunden nach Groß Kreutz hinter Potsdam fahren wollen und sie schon auf der Bösebrücke quengeln: „Wann sind wir endlich da?“ Wäre die Strecke Pankow–Groß Kreutz die Strecke, die Deutschland auf dem Weg zur Einheit zurücklegen müsste, wo würden wir uns dann befinden? Wahrscheinlich Seestraße, im Stau, ausgelöst durch einen Geisterfahrer namens Wanderwitz, Marco, der in die falsche Richtung rast.

Arm, wirtschaftsschwach und mit Mauer

Ich saß am Abendbrottisch und versuchte, meinem Mann die Analogie zwischen der Strecke Pankow–Groß Kreutz und der deutschen Einheit zu vermitteln, aber er verstand kein Wort. Wie lange wird es noch dauern, bis  Ost und West keine völlig verschiedenen Teilgesellschaften sind? „Das wird nie enden“, sagt mein Mann. Das sei wie mit England und Schottland.

Schottland sei arm, wirtschaftsschwach, und eine Mauer gab es auch mal, den Hadrian’s Wall, errichtet von den Römern. Jahrhundertelang hatten die Engländer ihre Könige nach Schottland geschickt, so wie die Westdeutschen die Chefs in den Osten, sagt mein Mann, Sohn eines Schotten und einer Engländerin. Der Konflikt gehe schon seit Jahrhunderten und spalte das Land bis heute. Keine Versöhnung in Sicht, eher eine Trennung.

Ich erinnere mich, dass ich vor kurzem das neu erschienene Buch „Frühling“ von Ali Smith gelesen habe, einer dieser tollen schottischen Autorinnen. Eine ihrer Protagonistinnen redet in dem Roman, der in der Gegenwart spielt, über die Schlacht von Culloden, die letzte große Schlacht zwischen Engländern und Schotten beziehungsweise Hannoveranern und Jakobiten. „Die Leute simplifizieren gerne. Geschehnisse sehen mit der Zeit simpler aus“, sagt die Protagonistin.

Es klingt ein Schmerz durch, als wäre die Schlacht gestern gewesen. Sie fand aber 1746 statt, vor 275 Jahren.

Ob man in 275 Jahren, also 2296, noch über „Ost“ und „West“ redet? In zwei Wochen schließt die Stasi-Unterlagenbehörde. In drei Monaten tritt Angela Merkel ab, die Kanzlerin, die aus dem Osten kam, was nicht heißt, dass sie eine Kanzlerin der Ostdeutschen war. Sie war diktatursozialisiert, ohne dass Zweifel an ihrer demokratischen Eignung aufkamen. Drei Monate, weiter kann ich nicht denken.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.