Berlin - Zum Abschied ruft der Vater noch mal an. Das macht er häufig, auch, weil ich oft etwas vergesse, wenn ich meine Eltern besuche. Mein Wohnungsschlüssel liegt noch auf dem Abendbrottisch. Dafür habe ich aber heimlich ein Buch mitgenommen.

Heute ruft er an, weil wir uns zum Mittagessen an meinem Arbeitsplatz verabreden wollen. „Wie komme ich noch mal zu dir?“, will er von mir wissen. Ich kann ihn mir dabei sehr gut vorstellen. Die Finger an die Nasenwurzel gelegt, die Augen geschlossen, die Stimme angestrengt, dann massiert er die Wurzel, bis er die Lösung findet.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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„Muss ich die Dimitroff hoch?“, fragt er mich. Ich muss lachen. „Ja“, sage ich. „Du musst die Danziger hochlaufen und dann am Volkspark links.“ Zum ersten Mal höre ich ihn den alten Namen der Danziger sagen. Dieser breiten, lauten Straße, die Friedrichshain mit dem Prenzlauer Berg verbindet und niemals aufhört. Vorbei an den Ruinen der DDR-Sportertüchtigung, dem SEZ, vorbei an jenen, die sich in der Senke im Volkspark die Fingernägel bei Fitnessübungen schmutzig machen. Diese Straße meint er.

Ich kenne das nur von meiner Oma, die sich in unverständlichen Straßen- und Ortsnamen durch diese Stadt bewegt hat. Mit Bezeichnungen für Straßen und Bahnhöfe, die es nicht mehr gibt. Der Schlesische Bahnhof, die Stalinallee oder die Fruchtstraße. Ostbahnhof, Karl-Marx-Allee und Straße der Pariser Kommune sind gemeint. Als Kind habe ich mich darüber lustig gemacht und hielt dies immer für eine urbane Version des Namenvertauschens, eine Art städtische Vergesslichkeit. So wie meine Eltern, die mich manchmal mit allen Namen ansprechen, nur nicht mit Thilo.

Ich komme aus einer Ur-Berliner Familie.

Thilo Mischke

„Hast du gerade ‚Dimitroff‘ gesagt?“, will ich von ihm wissen. Er übergeht die Frage. Mein Vater ist eigentlich zu jung, um diese Bezeichnung zu verwenden. Fast die Hälfte seines Lebens hat er nach dem Fall der Mauer in Berlin verbracht. Und dennoch weiß ich: Das bedeutet nichts. Eltern rechnen auch noch in D-Mark um. Bestimmte Dinge im Leben scheinen zu bleiben, auch wenn sie keinen Nutzen haben.

Ich komme aus einer Ur-Berliner Familie, für mich existiert die Stadt auf eine sehr besondere Art. Sie existiert in den Geschichten, die mir meine Omas erzählt haben, von fiktiven Kakadu-Bars, in denen Oma Uschi in den Dreißigern in Nylonstrümpfen Biere getrunken hat. Oder der Opa, der im ZK (heute Soho House) als Tontechniker gearbeitet und als Filmvorführer „Panzerkreuzer Potemkin“ vorgeführt hat. Oder die Eltern, die in der „Möwe“ geraucht haben, bis sie husten mussten, die sich im „guten Buch“ am Alexanderplatz kennengelernt haben.

Erinnerungen an die Geschichte dieser Stadt

Diese Stadt ist in den Geschichten meiner Familie ein Ort, der immer wieder verschwindet. Erinnerungen an Berlin sind so schwer greifbar wie Erinnerungen an schmerzhafte Verletzungen. Und viele dieser Geschichten sind schmerzhaft, sind traurig. Weil diese Orte, die Namen nicht mehr existieren.

Als mein Vater Tage später mit mir am Bürotisch sitzt und wir sudanesisches Essen essen, beobachte ich ihn. Wie er mit spitzen Fingern und ebenso spitzem Gesicht im Halloumi herumsticht. „Bist du gelaufen oder hast du die 20 genommen?“, frage ich ihn. Er blickt erstaunt hoch, zeigt mit der Gabel auf mich. „Siehst du, du machst das auch!“

Er meint damit die Bezeichnung „20“, die ich für die heutige M10 verwende, die Straßenbahn, die von ganz unten an der Oberbaumbrücke bis hoch zur Eberswalder fährt. Sie hieß schon immer 20. Und schon immer war es die Bahn, die uns nachts ins Icon gebracht hat, in den Magnet in der Greifswalder, wo wir rauchten, bis wir wie unsere Eltern husteten, bis in den Knaack-Club, der nur durch unzählige Biere erträglich wurde.

„Es hat wohl nichts mit dem Altwerden zu tun“, stelle ich fest. Diese Stadt ist am prägendsten in jener Zeit, in der man sie entdeckt. Meine Oma in der Fruchtstraße, mein Vater in der Dimitroff und ich eben in der 20, wenn wir besoffen Zigaretten im hinteren Wagen geraucht haben. Die Erinnerungen an die Geschichte dieser Stadt machen diese Stadt lebendig, und jeder, der hier geboren ist, der hat diese Kindheit, diese Jugend, das Entdecken außerhalb der Bezirksgrenzen kennengelernt. Und viele von uns sind Wege gegangen, die es nicht mehr gibt. Was aber nicht bedeutet, dass sie vergessen werden. Berlin, so wird mir klar, ist die Summe der Erzählungen aller Menschen, die hier groß geworden sind. Und die hinzukommen, um hier groß zu werden.

Dies ist der zweite Teil der neuen Kolumnenreihe „Herzberg & Mischke“, die in der Berliner Zeitung am Wochenende erscheint. Die Autorin Ruth Herzberg und der Journalist Thilo Mischke blicken im Wechsel auf das urbane Leben in (und jenseits von) Berlin mit einem persönlichen, humorvollen Zugang. Thilo Mischke, der Autor der zweiten Kolumne, wurde 1981 in Ost-Berlin geboren. Heute arbeitet er als Journalist und Fernsehmoderator. Er berichtet vor allem aus dem Ausland und moderiert den Podcast „Uncovered“.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.