Berlin - Twitter ist nicht nur der Ort, wo Was-mit-Politik-Menschen und Was-mit-Medien-Leute um das Meinungsmonopol zanken, und nicht nur der Ort, wo sich Hass und Irrsinn Gute Nacht sagen. Twitter ist manchmal immer noch lustig. Aus aktuellem Anlass drei Beispiele: „Wollte grad Altglas in Container hauen schreit mich von innen raus ein Mann an das wäre jetzt ein Testzentrum.“ Und: „Mein Lieferando-Bote darf den Fahrstuhl bei uns im Haus nicht benutzen – da habe ich ein Testzentrum drin eingerichtet.“ Und: „Hilfe, ich war drei Stunden nicht zuhause und jetzt hat da ein Corona-Testzentrum aufgemacht und ich muss einen QR-Code scannen, um zum Kühlschrank zu kommen.“ Mehr unter #TestGate.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Die Pandemie hat uns vieles abverlangt. Wir mussten uns bis auf Weiteres von Gewohnheiten und Gewissheiten verabschieden, für immer von Freunden oder Familienangehörigen. Wir haben versucht, im Chaos der Zahlen und Maßnahmen die Ordnung zu sehen, aber gelungen ist uns das immer seltener mit der Zeit. Was wir dann immer häufiger sahen, waren Politiker, die selbst überfordert schienen. Vor allem unser Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dem man zuletzt auch noch sehr deutlich die Anstrengung anmerkte. Denn es muss tatsächlich anstrengend sein, ständig neue Schuldige zu finden für all die Dinge, die in seinem Verantwortungsbereich schiefgelaufen sind. Als Stichworte reichen vielleicht nur: Corona-Warn-App (vermasselt), Impfkampagne (verschlafen), Maskenbeschaffung (verpatzt) – und jetzt eben die neueste Witznummer.

Imago
Negativ werden, positiv bleiben: Testzentrum am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg.

Vor ein paar Tagen kam heraus, dass Schnelltestzentren – nicht in Altglascontainern, aber in Kirchen oder Sportsbars, noch nicht in Fahrstühlen, aber in ehemaligen Bordellen oder am Straßenrand abgestellten Lieferwagen – theoretisch der Gesundheitsvorsorge dienen sollen, in der Praxis aber auch der Bereicherung dienen. Und so leicht geht es in Berlin: online bewerben, eine meist nur einstündige Schulung des Senats besuchen, ein schriftliches Konzept mit Hygieneregeln vorlegen, die Existenz der Testräume mit Skizzen und Fotos nachweisen, auf das Ergebnis der Prüfung warten. Wichtig: Ein medizinsicher Berufshintergrund ist nicht nötig.

In Berlin gibt es bereits um die 1500 Testzentren, Tendenz steigend

Und dann kann es schon losgehen: Stäbchen rein in die Nase, links, rechts, ein paarmal drehen und später für jede Durchführung durchschnittlich 18 Euro von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) kassieren. Der Gewinn liegt bei etwa zehn Euro pro Test. Oder, falls das Zentrum richtig gut organisiert ist, bei 100.000 Euro pro Monat, wie Experten schätzen. Der Markt regelt eben alles. Auch eine Pandemie. Wenn es so weitergeht, wird man im Herbst sagen, dass Pilze wie Testzentren aus dem Boden schießen und nicht umgekehrt. In Berlin gibt es bereits um die 1500. Tendenz steigend.

Daran ist erst mal nichts auszusetzen. Einerseits, weil das Testen auch mit steigender Impfquote noch eine Weile wichtig sein wird. Andererseits, weil es nicht verwerflich ist, wenn finanziell angeschlagene Nagelstudiobetreiber oder Barbesitzer eine neue Geldquelle anzapfen wollen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Zahl der angegebenen Tests auch mit der Zahl der Getesteten übereinstimmt.

Doch da gehen die Rechenkünste der Testcenter-Betreiber weit auseinander. Sehr weit sogar, wie die Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung ergaben. Da wurden aus 550 Bürgertests schon mal 1743. Und hinterher weiß niemand, wer wie wo eigentlich nachrechnen kann. Aber alle hoffen auf ein aus dem Kampf gegen Rechtsextremismus bewährtes Prinzip: dass es sich um Einzeltäter handelt und nicht um ein Netzwerk.

Jedenfalls fühlt sich keine Behörde so richtig zuständig für die Abrechnungskünste der Schnelltestzentren. Der Berliner Senat etwa zeigt auf die KV, die KV auf den Bund, der Bund auf die KV. Und irgendwo in der Schuldzuweisungskette steht ein Gesundheitsminister, dessen Finger in alle Richtungen weist. Im Rennen um den problembärigsten Bundesminister rückt Spahn, der kleinlaut Nachbesserungen bei der Testverordnung verspricht, immer näher an Andreas Scheuer (CSU). Ja, der Verkehrsminister ist tatsächlich noch im Amt.

Was bei den Schnelltests passiert, erinnert an die Corona-Soforthilfen

Immerhin tut sich jetzt nun doch was: Erste Testzentren mussten schließen, das LKA Berlin hat Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlichen Betrugs eingeleitet. In einem Fall soll ein negatives Ergebnis kurz nach dem Test verschickt worden sein, obwohl die Wartezeit nach dem Abstrich eine Viertelstunde beträgt. In einem anderen Fall soll es noch schneller gegangen sein: negativ, und zwar ganz ohne Abstrich. Für betrügerische Abrechnungen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Und nur so nebenbei: Wer in Berlin ein Testzentrum betritt, das auf der URL „negativer-schnelltest.de“ zu erreichen ist, sollte zur Sicherheit nachfragen, ob es auch eine andere Ergebnisoption gibt.

Letztlich ist es schon erstaunlich, wie überrascht man auf Verantwortungsebene tun kann, dass eine kaum kontrollierte Freigabe zu Betrug führt. Denn was jetzt bei den Schnelltests passiert, erinnert doch arg an die Zeit, als es Corona-Soforthilfen regnete. Damals wurde die Politik gefeiert für ihr schnelles und so unbürokratisches Handeln. Man hatte wenig Zeit, man musste das Beste daraus machen. Diesmal gab es keine Zeitnot. Sondern einen Mangel an Konzepten. Ja, Herr Spahn, dieser Finger zeigt auf Sie.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.