Berlin - Nun heißt es also: Verbrenner ade. Nach dem Willen der Berliner Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) sollen Diesel- und Benzinfahrzeuge bis 2030 aus dem S-Bahn-Ring verbannt werden – danach aus ganz Berlin. Stattdessen sollen nur noch Elektroautos auf den Straßen erlaubt sein. Ein Vorschlag, der für Unmut sorgt, insbesondere unter den Autofahrern.

Zuallererst: Das Vorhaben, Berlins Innenstadt zu einer „Zero Emission Zone“ zu machen, ist längst überfällig. Denn die Fakten liegen auf dem Tisch: Der Klimawandel schreitet voran. Und dass diese Entwicklung nicht positiv ist, sollte mittlerweile so gut wie jedem klar sein. Allein der Verkehr ist für ein Viertel der EU-Treibhausgasemissionen verantwortlich.

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Außerdem: Straßenlärm und Luftverschmutzung betreffen überwiegend ärmere Bevölkerungsschichten, die dann auch mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen zu kämpfen haben, heißt es in einem aktuellen Thesenpapier der Linksfraktion im Bundestag. Die Verkehrswende ist also nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Frage. Verbrenner zu verbieten und auf E-Mobilität zu setzen, ist daher ein guter erster Schritt in die richtige Richtung.

Im Vergleich zu anderen europäischen Städten hängt Berlin sogar zurück. Norwegen will schon ab 2025 keine Verbrenner mehr als Neuwagen zulassen. Schon heute sind in dem Land 60 Prozent der Neuwagen Elektroautos. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 2020 nur 13,5 Prozent.

Doch in Deutschland, so scheint es, fehlt vielen Menschen noch das Verständnis für solche Maßnahmen. E-Mobilität, autofreie Zonen, der Verzicht auf den geliebten Diesel – all das scheint unbequem, unattraktiv und vor allem eines: teuer. Und zu einem gewissen Teil stimmt das auch – zumindest heute. E-Autos sind nicht gerade erschwinglich. Und ja, ein E-Auto zu fahren ist derzeit noch unattraktiv – Ladesäulen sucht man oft vergeblich. Solange der Strom für das E-Auto nicht aus erneuerbaren Energien stammt, ist das Fahrzeug auch nicht wirklich nachhaltig.

Dennoch darf die E-Mobilität nicht verteufelt werden. Denn das Verbrenner-Verbot soll erst innerhalb der nächsten neun Jahre in Kraft treten – das ist eine lange Zeit. Laut einer Bloomberg-Studie könnten elektrische Autos und Transporter europäischer Firmen bereits ab 2026 günstiger als Verbrenner sein. Grund sind unter anderem die sinkenden Kosten der Antriebsbatterien. Außerdem: Technologien entwickeln sich. Das gilt auch für E-Autos. Die Batterien werden mit der Zeit immer effizienter.

Auch der viel kritisierte Lithiumabbau in Ländern wie Chile und China, der oft Mensch und Umwelt schadet, könnte bald Vergangenheit sein. Denn die EU plant, selbst Lithium abzubauen. Allein in Deutschland gibt es genug Lithiumvorkommen für Millionen E-Autos. Laut einer Studie des Öko-Instituts könnten 2050 außerdem schon 40 Prozent des Lithium- und Kobaltbedarfs aus Recycling kommen.

In Sachen E-Mobilität wird sich also in den kommenden Jahren noch einiges verbessern. Voraussetzung dafür ist allerdings die Politik, die etwa dafür sorgen muss, dass erneuerbare Energien ausgebaut und eine Ladesäuleninfrastruktur geschaffen wird.

Sicher ist: E-Autos allein sind keine Heilsbringer in der Klimakrise. Verbrenner einfach nur durch E-Autos zu ersetzen, ist keine endgültige Lösung. Dazu braucht es mehr: Der öffentliche Nahverkehr muss dringend ausgebaut und günstiger gemacht werden. Außerdem werden mehr Sharing-Angebote benötigt, die man leider außerhalb des Rings oft noch vergeblich sucht. Autofreie Zonen und Ausbau der Fahrradwege sind ebenso wichtig, um die Menschen zu motivieren, auf das Auto zu verzichten.

E-Fahrzeuge sollten letztlich ein umweltschonendes Angebot für diejenigen sein, die auf das Auto angewiesen sind, für Menschen mit Behinderungen, Senioren, für Pendler oder Großfamilien. Und warum sollte man das kritisieren?

Wir müssen endlich weg von dieser ewigen Schwarzmalerei. Warum sprechen wir von einem Verbrenner-Verbot und nicht von einer Förderung der E-Mobilität? Warum reden wir von autofreien Zonen und nicht von innovativen Alternativen? Wenn wir die Debatten über Zukunft und Klimaschutz endlich lösungsorientierter führten, könnten wir die Menschen auch für größere Veränderungen gewinnen. Denn die wird es geben müssen – und das heißt eben auch: Verbrenner ade!

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.