Corona: Für echte Freiheit braucht Deutschland mehr Geduld als England

Ist das noch Wahlkampf? Einzelne Politiker wollen den „Freedom Day“ ausrufen. Aber das britische Beispiel zeigt, warum mehr Augenmaß angebracht wäre.

136.000 Britinnen und Briten sind schon am Coronavirus gestorben – und zwei Monate nach dem sogenannten „Freedom Day“ steigt die Todesrate immer weiter. Das darf kein Beispiel für Deutschland werden.
136.000 Britinnen und Briten sind schon am Coronavirus gestorben – und zwei Monate nach dem sogenannten „Freedom Day“ steigt die Todesrate immer weiter. Das darf kein Beispiel für Deutschland werden.Imago

Berlin-„Wenn eine Impfpflicht nicht gewollt ist – und ich will sie auch nicht –, dann gibt es politisch nur eine Alternative: Die Aufhebung aller staatlich veranlassten Restriktionen“, sagte der stellvertretende Vorstandschef des Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Stephan Hofmeister, am Freitag in Berlin. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, forderte wiederum ein Ende der Corona-Maßnahmen zu Ende Oktober. Nötig sei „eine klare Ansage der Politik: In sechs Wochen ist auch bei uns ‚Freedom Day‘“, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung mit Verweis auf das entsprechende Vorgehen in Großbritannien im Juli. Beide Äußerungen haben zu kontroversen Reaktionen geführt. Auch bei unseren Leserinnen und Lesern. Die Redaktion der Berliner Zeitung am Wochenende ist ähnlich gespalten wie die deutsche Gesellschaft insgesamt. Unser Team nimmt die Debatte daher zum Anlass, über die Zukunft der deutschen Corona-Politik offen und ohne Denkverbote zu diskutieren. Lesen Sie hier den Meinungsbeitrag von Elizabeth Rushton. Lesen Sie das Gegenargument von Milosz Matuschek unter folgendem Link.

Eine bessere PR-Kampagne kann es kaum geben: Als Großbritannien am 19. Juli dieses Jahres alle Corona-Beschränkungen aufhob, nannten die Schlagzeilen und Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt diesen Tag den „Freedom Day“. Das Ziel von Premierminister Boris Johnson war erreicht. Er wollte das Land aus dem Lockdown herausführen, und zwar „unumkehrbar“, wie er immer wieder sagte. Jetzt denkt Deutschland darüber nach, das Gleiche zu tun. Als Britin beunruhigt mich das sehr, genauso wie es das getan hat, als ich die Situation in meinem Heimatland im Juli beobachtete.

So schön es auch klingen mag, das britische Projekt „Freedom Day“ war von Anfang an nicht mehr als ein Marketing-Slogan. Niemand, nicht einmal Johnson, hat eine Kristallkugel und kann vorhersagen, welche weiteren Herausforderungen in der Pandemie noch auftauchen könnten. Es ist kompletter Wahnsinn, auch politisch, solch endgültige Zusagen zu machen, wenn derzeit immer neue Virusvarianten in der Welt auftauchen. Deutschland sollte diesen Weg meiden.

Welches Konzept der „Freiheit“ meint Boris Johnson überhaupt? Oder besser: Freiheit für wen? Denn die Aufhebung aller Corona-Maßnahmen bedeutet für einige Briten das genaue Gegenteil. Wer nämlich unter einer chronischen Krankheit, unter Atemwegserkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem leidet, der ist nun alles andere als frei. Er wurde in sein Haus zurückgedrängt, muss sich jetzt noch mehr schützen, während sich das Virus frei in der Gesellschaft verbreiten kann. Für diese Menschen war es nie „nur eine Grippe“. Großbritannien verhält sich deshalb jetzt zutiefst unsolidarisch, und das sollte keine Schule machen.

Aber Lebensgefahr besteht nicht nur für diese besonders gefährdeten Gruppen, sondern auch für die Allgemeinbevölkerung. An diesem Dienstag wurden die jüngsten verfügbaren Daten veröffentlicht, an diesem Tag starben in Großbritannien 166 Menschen an dem Coronavirus. In Deutschland waren es 115. Nach Anpassungen nach Bevölkerungsgröße der beiden Länder stellen diese Zahlen eine Sterberate da, die in Großbritannien doppelt so hoch ist wie in Deutschland – und auch jeden Tag steigt.

Dabei ist die britische Bevölkerung durch Impfungen besser vor Corona geschützt ist als die deutsche: 87 Prozent der Briten über 18 sind vollständig geimpft, verglichen mit 74,4 Prozent der Deutschen. In beiden Ländern sind die Todes- und Infektionsraten deutlich höher als vor einem Jahr. Aber in Großbritannien ist es seit der Öffnung noch schwieriger geworden, die Ausbreitung des Virus und das Ausmaß der Neuinfektionen zu verfolgen. Nichtgeimpfte müssen kein negatives Testergebnis vorweisen, um ihr Leben weiterzuführen. Doch so gefährden sie sich und andere – sowie die bisher erzielten Fortschritte gleich mit.

Wir sind noch mitten in der Pandemie, nur weil es Großbritannien nicht anerkennt, heißt das nicht, dass wir sämtliche Beschränkungen ähnlich schnell streichen sollten, nur für einen PR-Gewinn mitten im Wahlkampf. Zumal in Deutschland die Beschränkungen – Masken, Abstand und 2G-Regel – keine großen Anforderungen stellen. Die derzeit niedrigere Sterberate in Deutschland zeigt, dass diese Maßnahmen immer noch eine wichtige Rolle spielen.

Im Herbst und Winter ist etwas mehr Geduld gefragt – und auch etwas mehr Anstrengung vonseiten der Politik, zumal Michael Müller offenbar noch immer schleierhaft ist, warum sich jemand nicht impfen lassen möchte. Die Politik muss den Kampf aufnehmen gegen Online-Desinformation und Verschwörungstheorien und den Menschen den wahren Nutzen von Impfungen für den Einzelnen und die Gesellschaft erklären. Nur mit mehr Impfungen können wir einen Punkt erreichen, an dem jeder wirklich mit diesem Virus als Teil des neuen Alltaglebens leben kann. Bis dahin gibt es keine wirkliche Freiheit vom Coronavirus.

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