Berlin - Das ging wirklich schnell: Wenn man auf die Webseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend klickt, findet sich kein Bild mehr von der erst vor wenigen Tagen zurückgetretenen SPD-Politikerin Franziska Giffey. Ihre Nachfolgerin Christine Lambrecht (SPD) hat dort bereits den größten Platz eingenommen. Es ist vermutlich keine böse Absicht, sondern liegt schlicht daran, dass in der vergangenen Woche ein paar Termine aufgelaufen sind, die die Neue wahrgenommen hat.

Ganz oben auf der Webseite steht ein Video von Lambrecht, in dem sie im Parlament den Gesetzentwurf der GroKo für den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern erläutert. In ihrer Rede findet sie warme Worte für die Amtsvorgängerin, die wegen der Querelen um ihre Doktorarbeit zurücktrat. Sie werde das Amt der Familienministerin keineswegs nur nebenbei und in Teilzeit ausfüllen, versichert Lambrecht außerdem. Das allerdings überrascht. Denn Lambrecht ist gleichzeitig auch Justizministerin. Das Familienministerium hat sie von Giffey übernommen, weil sich eine ganz neue Ministerin in den fünf Monaten bis zur Bundestagswahl offenbar nicht mehr gelohnt hätte.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
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Wenn Lambrecht jetzt aber Vollzeit Familienministerin ist, wer kümmert sich dann um die Justiz? Das macht sie natürlich ebenfalls mit voller Hingabe. Also entweder hat Frau Lambrecht da kürzlich im Parlament sehr dick aufgetragen – oder eines der beiden Ministerien braucht zumindest in den nächsten fünf Monaten keine Vollzeitministerin.

Es wurde in den vergangenen Tagen viel geharmt, dass das ja mal wieder typisch ist: Ausgerechnet bei den Themen Familie, Senioren, Frauen und Jugend kann man das Ministerium mal eben mitverwalten lassen, ist halt doch nur Gedöns. Natürlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Das Ressort Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist das erste, in dem es auffällt, wenn die Chefin weg bzw. nicht ganz da ist.

Es gab in dieser Legislaturperiode gleich mehrere Ministerin, die offiziell zwar besetzt waren, von denen man aber wusste, dass der Mann an der Spitze – rein zufällig war es immer ein Mann – entweder häufig abwesend war oder doch zumindest so wirkte. Wenn Ihnen jetzt Horst Seehofer einfällt, ist das natürlich kein Zufall.

Seehofer ist Minister für Inneres, Bauen und Heimat. In Pressekonferenzen erzählt er aber gerne davon, wie es war, als er das Gesundheitsressort inne hatte. Auch bei Außenminister Heiko Maas, der wiederum früher Justizminister war, fragten sich manche, was er eigentlich gerade beruflich macht. Schlimmer ist es allerdings, wenn einer wirklich tätig wird, Andreas Scheuer heißt und Verkehrsminister wird. Das wird dann auch schon mal teuer für den Steuerzahler. Die gute Nachricht: Auch das ist in fünf Monaten vorbei.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.