Berlin -  Sachsen-Anhalt hat sich selbst verraten. Lange Jahre feierte es sich als „Land der Frühaufsteher“. Das war der Willkommensspruch auf den Autobahnschildern an den Grenzen dieses Bundeslandes. Nun steht dort: „#modern denken“.

Mit diesem Allerweltsslogan ist das schöne Land des Harzes und der romanischen Burgen endgültig in die Beliebigkeit abgerutscht. Dabei war schon die Sache mit den Frühaufstehern ein Notbehelf. Die Regierung fand einfach keinen Spruch, der für das Land steht, in dem sich das nördlichste traditionelle Weingebiet der Welt befindet und das meist nur als Heimat der Halloren-Kugeln und des Baumkuchens bekannt ist. Also ließ die Regierung die Statistiken wälzen und fand heraus, dass die Bewohner neun Minuten zeitiger aufstehen als andere Bundesbürger. Immerhin fast eine Art Alleinstellungsmerkmal.

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Die Wochenendausgabe

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Denn daran fehlt es dem Land: an einer klaren Identität wie Thüringen, an Selbstbewusstsein wie Bayern oder einer Bekanntheit wie Berlin. Für die meinungsführende Mehrheit im Westen ist Sachsen-Anhalt noch immer das unbekannteste der fünf oft rätselhaften Länder im Osten. Für viele ist es einfach nur ein Durchfahrland zwischen dem Westen und Berlin.

Sebastian Wells
Für viele ist Sachsen-Anhalt nur ein Durchfahrtsland vom Westen nach Berlin - die Autobahn A2 ist eine der wichtigsten Transit-Routen.

Das wird nun zur Landtagswahl am Sonntag klar, der großen Generalprobe vor dem Ende der Ära Merkel am 26. September. Wieder geht überall die Angst um vor einem weiteren Rechtsruck, davor, dass erstmals die AfD stärkste Partei wird. Die Angst vor unklaren politischen Verhältnissen. Und wieder wird die Frage laut: Wie tickt der Osten?

Die Frage führt ein wenig in die Irre, denn dieses Land ist nicht so typisch für den Osten. Es ist sowieso ein Dilemma, dass der Osten oft für homogen gehalten wird. Dabei ist nicht mal das Land Sachsen-Anhalt halbwegs homogen.

Es ist ein Land zwischen den Stühlen, ein sich selbst oft fremdes Land, ein Kunstgebilde mit wenig eigener Tradition als Land, zusammengestückelt nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Treibsand des nach Hitlers Ende ganz bewusst zerschlagenen Landes Preußen.

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Sachsen-Anhalt ist auch das Land Martin Luthers: Das Denkmal des Reformators mit der von ihm ins Deutsche übersetzten Bibel in der Hand auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg.

Grob verkürzt ist das heutige Sachsen-Anhalt von drei Strömungen geprägt: Nördlich der heutigen Hauptstadt Magdeburg ist die Altmark, die Heimat Otto von Bismarcks. Von dort aus christianisierten die anhaltinischen Askanier einst Brandenburg. Klassisches Preußen also. Die Sprache klingt dort so, als würden Sachsen versuchen zu berlinern. Als Zweites gibt es die südöstlich Regionen um Halle, die eher sächsisch geprägt sind. Und es gibt die stolze Dessauer Region, die Heimat des namensgebenden Adelsgeschlechts der Anhaltiner.

Sachsen-Anhalt ist also alles mögliche, nur nichts Einheitliches. Es ist das Land der legendären Himmelsscheibe von Nebra, einem Zeugnis dafür, dass die Region eine frühe Wiege der hiesigen Zivilisation ist. Das Land Martin Luthers, der legendären Uta von Naumburg und des Bauhauses in Dessau.

Ein noch immer gespaltenes Land. Zu DDR-Zeiten waren sich die beiden Bezirke Halle und Magdeburg nicht nur wohlgesonnen. Die Spaltung zeigt sich symbolisch in der Feindschaft der beiden Fußballclubs HFC und FCM. Doch die Konkurrenz zwischen Halle und Magdeburg ist sehr viel älter: Magdeburg, die 1000 Jahre alte Residenzstadt mit Dom, gegen die aufstrebende Uni-Stadt Halle mit ihrer Nähe zu Leipzig.

Die Gegensätze sind noch immer prägend und fördern nicht den Regionalstolz wie in anderen östlichen Bundesländern wie Sachsen, die sich schon immer als solche gefühlt haben, egal, ob die staatlichen Gebilde Bezirke oder Länder hießen.

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Berüchtigte Chemiewerke in Leuna: Ein Großteil der Arbeitsplätze im „Chemie-Dreieck“ wurden abgewickelt.

Neben seiner Spaltung ist Sachsen-Anhalt auch ein Land der besonders Enttäuschten und wurde so nach dem Ende der DDR zum politischen Seismographen und Experimentierbaukasten. Auch das hat mit seiner Lage zwischen den Stühle zu tun. Wie alle Ostländer ging nach 1990 eine beispiellose Deindustrialiserung übers Land: Es gab das Chemie-Dreieck mit riesigen Werken in Leuna, Buna und Bitterfeld, es gab den Kupferbergbau im „Roten Mansfeld“, die Maschinenwerke in Magdeburg – oft die größten Betriebe ihrer Art in der DDR. Es gab eine starke proletarische Tradition und mehr Arbeit als Material. Aber nach 1990 wurde ein Großteil der Arbeitsplätze abgewickelt.

Und so kam es in Sachsen-Anhalt zu einem bundesweiten Novum: Auch wegen der neuen Arbeitslosigkeit war die damalige PDS überall im Osten stark, doch in Sachsen-Anhalt waren die anderen so schwach, dass sich 1994 erstmals eine Landesregierung von der PDS tolerieren ließ. Politisch wurde Sachsen-Anhalt früh ein Land der Wechselwähler. Es gab keine klaren politischen Prägungen wie in den CDU-Ländern Sachsen und Thüringen oder in dem noch immer von der SPD-regierten Brandenburg.

Die Massenarbeitslosigkeit sorgte im Osten für unterschiedliche Strategien: Viele Sachsen erzählen, dass sie nicht in den Westen zogen, weil sie wegen ihres Dialekts sofort erkannt und belächelt wurden. Doch in Sachsen-Anhalt mit seiner Grenze zum Westen war die Aufbruchstimmung groß, ganze Männer-Jahrgänge zogen voller Hoffnung gen Westen. Viele kehrten nach Jahren zurück: meist ernüchtert, oft auch frustriert, wie bei einer enttäuschten Liebe.

afp/Ronny Hartmann
Die Hauptkonkurrenten bei der Wahl am Sonntag sind CDU und AfD. 

Um die „Wessis“ zu ärgern, wählten einige weiterhin linksaußen, anderen rückten nach rechtsaußen. Bei der Landtagswahl 1998 kam die DVU auf fast 13 Prozent – der bis dahin höchste Wert für eine rechtsradikale Partei. Ein Schock zwar, aber einer ohne Folgen. Da das Land in der bundesweiten Wahrnehmung keine Rolle spielte, wurde dieses Ergebnis nicht zum Weckruf für die anderen. Dafür wären wohl 30 Prozent nötig gewesen.

Einen Wert, den die AfD am Sonntag fast erreichen kann. Sie ist im Osten der Taktgeber für die Koalitionen der anderen. Und so kam es 2016 wieder in Sachsen-Anhalt zu einer Premiere: der ersten Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen.

Auch am Sonntag könnte ein Novum anstehen und die AfD erstmals stärkste Partei werden. Eine Koalition aus CDU und AfD ist eher unwahrscheinlich, da die Partei im Osten einfach zu radikal ist, wird es eine solche Koalition wohl eher im Westen geben. In Sachsen-Anhalt könnte es auf eine Vier-Parteien-Regierung gegen die AfD hinauslaufen. Auch das ein Novum.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.