Berlin - Brandenburgs Schulen sollen bei niedrigen Inzidenzen noch vor den Sommerferien öffnen, teilte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) vergangene Woche mit. In Berlin sieht ihre Parteifreundin Sandra Scheeres, die zuständige Senatorin, das anders. Ein Wechsel ins Präsenzmodell – wie von den Grünen gefordert – so kurz vor den Ferien mache keinen Sinn, sagte sie in der Senatssitzung vergangenen Dienstag. Anders gesagt: Lohnt eh nicht mehr, sich was Neues auszudenken.

Das klang so defätistisch, als hätte die Politik in ihrem Komplettversagen beim Thema Schule aufgegeben. Es sind vor allem die Kinder und Jugendlichen gewesen, deren Bedürfnisse in dieser Pandemie zurückgestellt worden sind, die Rücksicht genommen haben, für die Älteren. Die Schulschließungen wurden ursprünglich nicht angeordnet, weil die Infektionen so hoch waren, sondern um das Infektionsgeschehen insgesamt einzudämmen.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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Kindern und ihren Familien wurden so viele Einschränkungen abverlangt, während der Wirtschaft viele Maßnahmen nur empfohlen wurden. Und es ist verständlich, dass jetzt jeder kämpft, um Impfstoff oder auch darum, im Biergarten zu sitzen, ein Hotel zu buchen. Ein bisschen Vergnügen, Zerstreuung, das ist wichtig.

Und offenbar ist das alles wichtiger als Bildung, die soziale Entwicklung und die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Dass ihre Interessen erneut zurückgestellt werden, damit widerspricht sich die Politik selbst. Wie hieß es noch? „Oberste Priorität haben für mich Schulen und Kitas“, sagte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Kanzlerin Angela Merkel sagte auf Nachfrage in einer Pressekonferenz: „Was ich dazu sagen kann, dass das Erste, was wir wieder öffnen, Schulen und Kitas sind.“ CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet: „Uns ist allen klar, Schule, Bildung muss absolute Priorität sein.“

Man kann schon jetzt sagen, wenn jemand von absoluter Priorität spricht, dann sollte man hellhörig werden. Dann ist das Thema nämlich eins nicht: Priorität. Wann haben Kinder wieder normalen Unterricht? Nach dem Handel, der Außengastronomie, den Clubs.

Und klar, man kann einwenden, dass sich Kinder in der Schule immer noch anstecken können, aber diese Gefahr besteht auch bei Buchhandlungen, Großraumbüros und bei Veranstaltungen in Innenräumen, die demnächst wieder erlaubt sind. Man hat inzwischen sehr viel dazugelernt, viele Lehrer sind geimpft, die Schüler werden getestet, selbst die Kleinsten tragen Masken.

Und selbst wenn man sagt, wir wollen nicht, dass so viele Kinder drinnen sind – könnte man sich dann nicht wenigstens vielleicht für die letzten Wochen noch etwas einfallen lassen, dass alle noch mal zusammenkommen können, Lerngruppen auf Biergartenterrassen, Projekte mit Sport, alles, was für ein wenig Gemeinschaft sorgt?

Wie nötig das ist, zeigt eine bedrückende Meldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte von gestern, die sagen, dass es psychiatrische Erkrankungen bei Jugendlichen in einem Maße wie nie zuvor gibt. Wenn das mit der Stimmung vieler Jugendlicher so weitergeht, dann sollte man wahrscheinlich das viele Geld, das in dem Aufholprogramm der Bundesregierung beschlossen wurde, nicht mehr für Sommerschulen oder Nachhilfe ausgeben, sondern eher für Therapieplätze.

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