Berlin - Privatanleger sind anscheinend nicht die Einzigen, die seit dem Corona-Crash im März 2020 ihre Liebe zu Aktien entdeckt haben. Mit Aktien oder einem staatlichen Investmentfonds als Ergänzung zur umlagefinanzierten Rente machen Politiker jetzt auch ganz offen Wahlkampf. Vier von sechs der aktuell im Bundestag vertretenen Fraktionen sprechen sich in ihren Wahlprogrammen für eine kapitalgedeckte Rente aus.

Nur AfD und Linke setzen weiter auf das umlagefinanzierte staatliche Rentensystem. Die „nicht zufriedenstellende Riester-Rente“ wollen SPD und Grüne durch einen öffentlichen Bürgerfonds ersetzen. Dieser Fonds soll von einer öffentlichen Institution verwaltet werden und kapitalgedeckt arbeiten. Ob das Geld ganz oder teilweise in Aktien investiert wird, ist noch unklar, allerdings vermute ich, dass dies der Plan ist, wenn von Profiten „am Wertzuwachs der Wirtschaft“ die Rede ist. Ähnlich unkonkret ist das Konzept der Union, die prüfen möchte, wie man einen staatlichen Pensionsfonds ausgestalten kann. Konkreter wird die FDP in ihrem Vorschlag, zusätzlich zur umlagefinanzierten Rente zwei Prozent des Bruttoeinkommens (jeweils hälftig Arbeitgeber und -nehmer) in einen unabhängig verwalteten Aktienfonds zu investieren. Die von Olaf Scholz gefürchteten „Aktienlobbyisten“ dürfen sich über all diese Vorstöße freuen.

Eine sinnvolle Strategie ist das Investment in ETFs

Ich halte eine Finanzierung der Rente durch eigens angespartes und in Aktien investiertes Kapital auch für sinnvoll. Denn für viele dürfte es sich lohnen, wenn jeder im Laufe seines Berufslebens seinen eigenen Rententopf bespart und dann noch den Kapitalmarkt für sich arbeiten lässt, statt die gesamten Beiträge direkt an die aktuellen Rentner weiterzureichen. Ich bin allerdings noch skeptisch, ob die konkrete Umsetzung des Konzepts funktionieren kann. Denn auch die Riester-Rente hätte eine tolle Sache werden können, wäre da nicht die Kapitalgarantie, die gleichzeitig auch eine Renditebremse ist, und die horrenden Abschlusskosten, die eher unsere Versicherungsvertriebe bereichern als die zukünftigen Rentner.

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Welche Voraussetzungen müsste eine Aktienrente also erfüllen? Ein Blick auf den schwedischen Staatsfonds zur Altersvorsorge AP7 oder auch den staatlichen norwegischen „Ölfonds“ lohnt sich. Sie sind maximal diversifiziert in Tausende Aktien (teilweise auch Anleihen und Immobilien) und bestechen durch extrem niedrige Verwaltungskosten (AP7 bei 0,1 Prozent pro Jahr). Beides ist, da ist man sich bereits seit Jahrzehnten in der Forschung einig, Voraussetzung für langfristigen Anlageerfolg.

Darüber hinaus sollte der Fonds, analog zu einem Indexfonds, regelbasiert und vollständig unabhängig von der Politik arbeiten, um große Umschwünge in der Anlagestrategie und politische Einflussnahme zu verhindern. Ob Politiker sich auf diesen Deal einlassen werden, ist fraglich. Außerdem könnte es sinnvoll sein, den staatlich verwalteten Fonds durch einige weitere zum Rentensparen zugelassene Fonds aus der Privatwirtschaft zu ergänzen. Das würde den Bürgern eine Wahlfreiheit lassen – beispielsweise wie risikoreich sie anlegen möchten – und gesunde Konkurrenz und Innovation unter den Fonds fördern.

Wer übrigens nicht auf die staatliche Aktienrente warten möchte und gerne sein eigenes Portfolio aufbauen möchte, der sollte heute schon anfangen, mithilfe von ETFs sein eigenes kostengünstiges, weltweit gestreutes Aktienportfolio aufzubauen.

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