Stell dir vor, jemand entführt deine Liebsten, droht mit ihrem Tode und fordert ein Lösegeld. Was wirst du tun?

Wenn du dich wie die meisten Menschen verhältst, passiert vermutlich folgendes: Du besorgst irgendwie das Lösegeld und bezahlst, denn du möchtest das Leben deiner Liebsten auf keinen Fall gefährden. Den Einwand, dass du mit dieser Bereitschaft ein Verbrechen belohnst und vielleicht weitere Entführer motivierst, wirst du nicht gelten lassen – jedenfalls wird es dein Handeln kaum beeinflussen. Du fühlst dich verantwortlich für das Leben deiner Liebsten. Deren Unversehrtheit ist dir unendlich wertvoller als alle gesinnungsethischen Überlegungen.

In einem Kriegsfall ist die Bedrohung deiner Liebsten durch unmittelbare Gewalt, aber auch durch Hunger und unzureichende medizinische Versorgung ebenfalls sehr konkret. Real eintretende Schäden sind hier aber viel wahrscheinlicher als bei einer Entführung, die Dimensionen dieser Schäden vielfältiger und größer.

Die Analogie zur Lösegeldzahlung im Krieg ist die Kapitulation. Sie würde das unendliche, sich immer weiter steigernde Leid von Millionen Menschen sofort stoppen. Was nicht heißt, dass die Situation damit für alle Beteiligten bereinigt wäre. Es könnten politisch motivierte Morde folgen, um die Köpfe einer Opposition auszuschalten. Es könnten Jahre des Partisanenkampfes, der Terroranschläge folgen.

Hinzu kommt: Wenn der Aggressor ein Psychopath ist, hilft Gegengewalt niemals, denn ein Psychopath stellt keine rationalen Überlegungen an, sondern wird Gewalt mit mehr Gewalt beantworten – und dies gerade dann, wenn die Gegenwehr operativ erfolgreich ist und er sich in die Enge getrieben fühlt. So entsteht eine immer schwerer zu stoppende Gewaltspirale, die so vielleicht keine der Parteien wollte.

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Rachegefühle sind kontraproduktiv

Auch wir sind versucht, uns über erfolgreiche Maßnahmen gegen einen Psychopathen zu freuen. Menschlich ist das verständlich, von der Empfindung „Rache ist süß“ sind wir wohl alle nicht ganz frei. Aber von Rachegefühlen sollten wir uns niemals leiten lassen. Sie sind von Emotionen gesteuert und gefährlich. Ein Beispiel für die Gefährlichkeit von Rachegefühlen ist die Blutrache. Früher ein interkulturelles Phänomen, ist sie heute nur noch in wenigen Ländern beheimatet. Ihre Folge ist dort die Auslöschung ganzer Großfamilien unter immerwährender Angst der Hinterbliebenen. In diesen Tagen aber droht die Auslöschung ganzer Staaten.

Wir alle lieben Helden. Wer hat nicht schon als Kind begeistert Heldengeschichten gelesen oder gesehen. Ob Herr der Ringe, Harry Potter oder im Western − überall geht es um den epischen Kampf von Gut und Böse. In den Geschichten siegt nach großen Opfern am Ende fast immer das Gute. Die Realität hält sich aber nicht an Drehbücher, und sogar in der Fiktion enden die Helden manchmal tragisch.

Ein Psychopath wird bei zunehmendem Druck mit immer höherem Gegendruck antworten, niemals mit Aufgabe. Ein psychopathischer Herrscher wird meistens durch einen epischen Endkampf besiegt, mit Verlusten für alle Beteiligten. Bei aller Perversität der aktuellen Situation: Reale politische Aggressoren verhalten sich dann doch nicht wie die Orks bei Tolkien.

Ein Aggressor aus einem Land mit einem ähnlichen sozioökonomischen System hat rein machtpolitische Ziele, die auf das reale Leben der meisten Menschen wenig Einfluss haben. Konkret: Welcher Nationenname als „Eigentümer“ einer Region auf der Landkarte klebt, ist für den Alltag ziemlich belanglos. Insbesondere Kindern, um deren Schutz es angeblich hauptsächlich geht, ist das ziemlich egal. Wie das System Putin ausschaut, wissen wir aus Russland und Belarus ziemlich genau. Dieses System ist, was etwa gesellschaftliche Freiheiten und die Unterdrückung Andersdenkender angeht, furchtbar repressiv.

Doch wir sollten nicht mit Arroganz und Hybris der Mehrheit der Russen den Wert ihrer Lebensart aberkennen. In ihrem Bewusstsein führen sie ein erfülltes Leben, welches sie genießen – und viele identifizieren sich mit ihrem Land und dessen Wertesystem. Das ist für uns Westeuropäer schwer zu akzeptieren, weil wir primär die Minderheiten, die Kritiker und Unterdrückten des Systems wahrnehmen, und viel weniger das Alltagsleben der Menschen.

Es geht um eine Schlecht-Schlecht-Abwägung

Wir, die Autoren dieses Textes, sind überzeugt davon, dass sich unfreie Systeme wandeln müssen und wandeln werden. Die Frage ist, ob das organisch oder mit Gewalt passiert. Sofort oder nachhaltig. Wie, wann und mit wieviel Leid?

Bei einer verantwortungsethischen Betrachtungsweise kommen wir nicht umhin, die Folgen für die ganze Welt ins Verhältnis zu setzen. Das ist extrem schwierig. Denn es geht hier um eine Schlecht-Schlecht-Abwägung. Frei nach Jesus von Nazareth: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …“ (Matthäus 22,21). Jesus kämpfte nicht gegen die römische Besatzungsmacht.

Die Forderungen des russischen Zaren sollten erfüllt werden. Ein fast 70-Jähriger hat nicht mehr sehr lange zu leben, und die nächste russische Regierung kommt in jedem Fall. Die Folgen von Tod und Verwundung, Traumata und Kriegszerstörung wären dagegen weder revidierbar noch in einem Jahrzehnt behoben oder vergessen.

Wer zum Widerstand aufruft, mag sich in moralischer Übereinstimmung mit fast allen anderen Menschen wähnen. Objektiv nehmen jedoch alle Befürworter des Widerstandes für das Beharren auf Prinzipien, Ehre und nationalem Stolz dramatische Folgen in Kauf: den qualvollen Tod Tausender, Angst und Traumata bei Millionen von Betroffenen, eine Gewaltspirale, die sich immer weiterdreht und immer weniger zu kontrollieren ist. Und: die potentielle Gefahr eines Atomkrieges und damit die kollektive Auslöschung der Menschheit.

In jedem Fall drohen auch politische Instabilität in anderen Weltregionen durch Sekundär- und Tertiärfolgen. Beispielsweise importiert Ägypten einen Großteil seines Weizens aus der Ukraine. Wenn diese Lieferungen, und sei es nur für eine Erntesaison, ausfallen, steigen die Brotpreise dort dramatisch. Hohe Brotpreise waren nicht nur in Ägypten oftmals Auslöser für politische Unruhen und Umstürze. Nicht zuletzt drohen enorme Umweltschäden und ökologische Langzeitfolgen sowie die Komplettaufgabe der globalen Klimaschutzziele.

Eine Form kollektiven Wahns

Die Zukunft der Menschheit soll erneut abstrakten Werten geopfert werden. Wir betrachten dies als eine Form kollektiven Wahns. Wir fragen uns: Wieso sind wir bereit, einen Weltkrieg zur Rettung der politischen Selbstbestimmung der Ukraine zu riskieren, während wir in anderen Fällen extremen Unrechts kaum Handlungsbedarf sehen.

Einige Beispiele: Schwulen Menschen droht in Saudi-Arabien die Todesstrafe, Ehebrecherinnen sogar in der brutalen und archaischen Form der Steinigung. Wieso importieren wir noch Öl aus und exportieren Waffen nach Saudi-Arabien?

Im Sudan und anderen Ländern Afrikas haben sowohl China als auch Unternehmen mit Rückendeckung westlicher Regierungen lokale Genozide initiiert, um besonders rohstoffrelevante Regionen teilweise zu entvölkern und den Rohstoffnachschub zu sichern.

In Indien ist das Kastensystem zwar formell verboten, aber weite Teile der Eliten und der Mittelschicht leben immer noch nach den rassistischen Regeln dieses Systems und zwingen Millionen Menschen katastrophale Lebensumstände auf − aus unserer Sicht kaum zu vergleichen mit der Lebensqualität in Russland oder Belarus. Wieso unterhalten wir mit Anhängern solcher Systeme und den dortigen Unternehmen intensive Geschäftsbeziehungen?

In Brasilien gibt es faktische Genozide an der indigenen Bevölkerung durch Entzug ihrer Lebensgrundlagen, in Einzelfällen auch direkten Mord. Politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den hier involvierten politischen Entscheidungsträgern und Unternehmen (auch deutschen) unterhalten und nutzen wir.

In vielen Gebieten des westlichen und nordöstlichen Afrikas gibt es millionenfache weibliche Genitalverstümmelung. Sie hat auf die Lebensqualität von Millionen von Frauen tiefergreifende Wirkungen als Meinungsunfreiheit oder fehlende Möglichkeiten politischer Partizipation. Dennoch machen wir Urlaub in Ägypten.

Unrecht ist offenbar sehr relativ – oder einfach nur von der Entfernung abhängig? Betroffenheit scheint eine Frage des massenmedialen Fokus zu sein, und nicht der Schwere des jeweiligen Unrechts.

Die halbe Welt gibt derzeit den Zuschauer

Die Konflikteskalation der Ukraine und die Bereitschaft, hier alle Mittel des Widerstandes zu heiligen, ist das Ergebnis einer historisch einmaligen Konzentration multimedialer Kanäle auf ein einziges Thema, eine einzige Region und fast nur einen Hauptdarsteller: Wolodymyr Selenskyj ist ein ehemaliger Schauspieler und Regisseur. Er spielte in einer ukrainischen Soap-Serie den Präsidenten, wenig später wurde aus der Fiktion Wirklichkeit. Zweifellos ist Selenskyj ein Meister der strategischen Kommunikation − mit einem echten Anliegen, vermutlich besten Motiven, aber mit im Ergebnis katastrophalen Auswirkungen. Denn diese extreme Fokussierung führt zu einem Tunneleffekt in Wahrnehmung und Denken. Die halbe Welt gibt derzeit den Zuschauer und ist gleichzeitig Teilnehmer eines realen Heldenepos. Öffentliche Meinung und praktische Politik folgen dem Drehbuch dieses Epos.

Greifen wir zum Abschluss ins Bücherregal und ziehen den Briefwechsel „Warum Krieg“ zwischen Siegmund Freud und Albert Einstein heraus. Letzterer benannte das „Machtbedürfnis der jeweils herrschenden Schicht eines Staates“ als den eigentlichen Grund für Kriege. Er fragte sich, wie es den Herrschenden aller Seiten immer wieder gelänge, „die Masse des Volkes ihren Gelüsten dienstbar zu machen, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu verlieren hat?“ Beide Denker befürchteten, dass sich die gesamte Menschheit irgendwann selbst vernichte, wenn sie keinen gemeinsamen Feind außerhalb des Planeten habe. Hoffentlich irrten sie.

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Holger Panhußen, 47, setzte als einer der ersten deutschen Desktop Publisher seine Vision für eine vollständig digitale Medienproduktion um. Heute leitet er mehrere Betriebe in der Medienbranche.

Robert Roisch, 57, studierte Philosophie, Geschichte und Psychologie (M.A.). Nach Tätigkeiten in der politischen Erwachsenenbildung ist er aktuell im IT- und Mediensektor tätig.

Die beiden verbindet eine jahrzehntelange Beschäftigung mit Friedensforschung und -politik.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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