Berlin - „Israel wird nie wieder sein wie zuvor.“ Diesen Satz sagte mir Shimon am Mittwochabend übers Telefon. Shimon lebt in einem Vorort von Tel Aviv, er ist der Schwiegervater eines meiner besten Freunde. Manchmal, wenn dieser Freund und ich telefonieren (inzwischen täglich), reicht er das Telefon herüber und dann reden Shimon und ich auf Hebräisch. Er mit seinem dick-französischen, ich mit deutschem Akzent. Er habe Angst, sagt er. Dieser Mann, der in seinem Leben schon zu viel erlebt hat, als dass man ihm Angst noch überhaupt zutrauen würde: Shimon wurde 1932 in Paris geboren, überlebte den Holocaust, verbrachte Monate in einem Displaced persons camp, bevor er mit 16 nach Israel emigrierte. 

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Diese Woche im Blatt: 
Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

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1948, 1967, 1973. Die für Israels Geschichte prägenden Jahreszahlen – das Jahr der Staatsgründung, das des Sechs-Tage-Kriegs, mit Israels sukzessiver Besatzung des Westjordanlands, das des Yom-Kippur-Kriegs –, Shimon hat all das miterlebt. Sein Leben widmete er furchtlos der Malerei. Und doch hat er jetzt Angst. Shimon ist nicht der Einzige. Selbst ich hatte Angst diese Woche, um Freunde in Tel Aviv, um die Dynamik der Eskalation, die fast einem vorgegebenen Skript folgt, wenn man sich die jüngsten Kriegskonflikte in Israel/Palästina anschaut.

2014 habe ich das selbst miterlebt. Damals interviewte ich den Schriftsteller Etgar Keret in einem Tel Aviver Café. Viele der Fragen und Antworten aus diesem Gespräch könnte man eins zu eins auf die Situation heute übertragen. Auf meine Frage, wie Keret zu Netanjahus Rechtfertigung der Luftangriffe auf Gaza stehe – Netanjahu sagte, dass Hamas die Bürger Gazas ja als Geiseln nehme –, sagte Keret: „Stellen Sie sich zum Vergleich eine Bande Kidnapper vor, die Geiseln genommen haben. Ist die Lösung da etwa, durch die Geiseln hindurch zu schießen?“

Mitten in dem Gespräch wurde unweit des Cafés eine Missile vom Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ abgefangen. Die Glasscheibe rüttelte durch die Druckwelle der Explosion, so hart, dass sie beinahe zersprang. Metallteile der zerfetzten Rakete fielen auf die Straße. Wir rannten in die hintere Ecke des Cafés, eine Frau brach in Tränen aus. Was von vielen derzeit wieder „israelische Normalität“ genannt wird, ist nicht normal. Es hinterlässt Spuren. Gleichzeitig muss man sich nichts vormachen: Wir haben es hier nicht mit einem Kampf gleichwertiger Gegner zu tun. 2014 starben UNHCR-Angaben zufolge in Gaza circa 1460 Zivilisten, in Israel waren es sechs. Auch wenn Zahlenvergleiche wenig über die Komplexität und die emotionale Temperatur des Kriegs aussagen, geben sie uns doch eine Vorstellung von Israels waffen- und sicherheitstechnologischer Überlegenheit.

Heute beobachte ich den Konflikt von Berlin aus. Dabei sehe ich Dinge, die zwar nur mittelbar mit Krieg zu tun haben, bei denen sich mir aber dennoch der Magen umdreht: antisemitische Demonstrationen vor Synagogen. Üble Nachrichten, von denen deutsch-jüdische Freunde berichten, die Forderungen beinhalten, sich zum Konflikt zu positionieren. Eine Schockwelle an Social-Media-Aktivismus, die oft eher zur Entlastung der Absender beitragen als zu mehr Bewusstsein oder Verständnis. Posts, Stories, Tweets, zu 99 Prozent von Leuten, die die realen Konsequenzen dieses Kriegs nicht fürchten müssen. Ja, sogar die Mahnung, wer jetzt nichts sage (poste), betreibe „Silencing“, übe sich also in einer Art repressiver Toleranz durch Schweigen. 

Gleichzeitig bin ich fassungslos über Heiko Maas’ Worte: „Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung.“ Deutschland hat eine historische Verantwortung an Israels Existenz – ja. Aber geht damit nicht auch eine Verantwortung einher, die Rede der „Selbstverteidigung“ als Zynismus zu entlarven? Die deutsche „Positionierung“ zu Israel wirkt unehrlich, schablonenhaft, ja, geradezu absurd. Wenn es uns tatsächlich darum ginge, Israels Zukunft zu sichern, müsste Deutschland sich viel deutlicher gegen kriegstreiberische Racherhetorik Netanjahus und die Hetze seiner rechtsextremen Verbündeten aussprechen.

Zudem wäre es angebracht, in Kontext der Eskalation der letzten Woche nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln. Was diese aktuellste Krise ausgelöst hat, sind die Versuche israelischer Siedler, palästinensische Familien in Sheikh Jarrah aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Die vier Familien, um die es geht, leben dort seit 1957 als Flüchtlinge. Es ist auch das darauffolgende, gewaltsame Vordringen der israelischen Polizei in die Al-Aqusa-Moschee – an Ramadan, einem der höchsten muslimischen Feiertage. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: All das rechtfertigt keine Raketenangriffe. Aber es ist eine Form allgegenwärtiger Diskriminierung, die von Netanyahu mindestens toleriert wird. 

Eins ist sicher: Niemand wird in diesem Krieg wirklich gewinnen – kein Israeli, kein Palästinenser. Während ich diesen Text schreibe, herrschen in Israel bürgerkriegsähnliche Zustände, israelische Bodentruppen beschießen Gaza, die Todeszahlen häufen sich, auf beiden Seiten. Wir sollten Shimons Angst ernst nehmen, auch mit Blick auf Israels Zukunft.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.