Berlin - Funny oder Fucky? Kerstin Geffert weiß es nicht mehr so genau. In ihr Bücherregal, dezent eingelassen in eine Wand des Arbeitszimmers, hat es nur eine Hälfte des Strickfiguren-Pärchens der Künstlerin Evelin Höhne geschafft. Das pinkfarbene Wollmonster aber hat es auch alleine drauf: „Eines der Objekte, die mich zurückführen in die frühen 90er-Jahre“, beschreibt Geffert. „Damals war ‚Cheap Art‘ in Berlin das große Ding“, Jim Avignon, Norbert Bayer, 4000, all die Künstlerinnen und Künstler der Galerie Berlintokyo, „Kunst war überall“.

1992 kam Geffert aus Ostwestfalen nach Berlin, heute führt sie mit ihrer Geschäftspartnerin Silke Bolms die PR-Agentur Silk Relations. Im Loft auf der Greifswalder Straße lebt sie mit ihrem Mann Wolf Hohl, den sie schicksalhaft gleich am ersten Tag in der neuen Stadt kennenlernte, mit Sohn Kilian und Hund Bobby. Auch Letzterer macht sich im Interior bemerkbar, auf dem milchig-hellen Holzfußboden verteilt wirken die Hundespielzeuge, Tennisbälle und Quietscheschweinchen beinahe selbst wie Dekor. Passt, denn Gefferts Stil ist ohnehin humorvoll.

Im Wohnraum steht die unverschämt überproportionierte Stehleuchte „Mirror Ball“ von Tom Dixon, bei Marsano hat Geffert eine leuchtend gelbe Schale aus dreidimensionalen Keramik-Zitronen gekauft, im Schlafzimmer hängt ein Bild aus der „Illegal Party“-Serie von Stefan Marx. Statt Gemälde im Raum zu verteilen, konzentriert Geffert die Werke an einer großzügigen Galeriewand. Witzig, auch geistreich sind viele der Details, mit denen die Agenturchefin das überbordende Weiß der hohen Räume zu brechen sucht. Gestaltet hat sie Stefan Flachsbarth vom Berliner Büro bsf design, Architekt und Familienfreund.

Foto: Clara Renner
Tom Dixons Stehleuchte „Mirror Ball“ samt dekorativem Kabelsalat.

„Stefan hat für uns den Grundriss komplett geändert, eigentlich waren das mal zwei Wohnungen“, erzählt Geffert. Seinem Credo „die Wohnung ist der Rahmen“ folgend, entwickelte der Architekt Einbauschränke und Sideboards, die, in derselben Farbe wie die Wand, beinahe verschwinden. Ein „cleaner, funktionaler Leitgedanke“, so Geffert, der nicht nur viel Raum zum Gestalten lässt, sondern vor allem Ordnung schafft. Was niemand sehen soll, verschwindet – was bleibt, ist Kunst, auch Kitsch.

Im Wandregal des Arbeitszimmers etwa gesellen sich drei Porzellandelfine zu Höhnes Strickfigur, mittig stehen eine Vase von Henry Dean und ein kleines Gemälde von Wilhelm Beestermöller, weiter oben ein altes Spielzeugauto ihres Mannes. Ihre Flohmarktfunde, seine Erinnerungsstücke, Jacobsens Egg Chair für sie, Eames’ Lounge Chair für ihn: „Was die Einrichtung angeht, gibt es bei uns nie Kämpfe, aber durchaus Kompromisse.“

Foto: Clara Renner
Die Modeillustration von Jessica Rose Bird zeigt einen Prada-Entwurf von Raf Simons.

Wenn sie alleine lebte, gäbe es im Loft allerdings „weniger Fernbedienungen“ – dafür mehr Modeillustrationen. Wie jene von Jessica Rose Bird, ersteigert bei der Fashion Illustration Gallery in London. Auf einem der fast unsichtbaren Sideboards steht sie nebst Keramiken vom Antiquitätenmarkt, hochaktuell zeigt die Zeichnung einen Prada-Entwurf von Raf Simons. Von einer aufgehängten Zeichnung der Illustratorin Rosie McGuinness wiederum blickt eine Frauenfigur stoisch in den Raum. Gar nicht schlecht, so übersieht zumindest sie die rosafarbenen Blumen darunter, denen sich die Gäste nur noch vorsichtig nähern dürfen.

Im begehbaren Kleiderschrank gibt es Kompromisse, aber keine Kämpfe

„Denen fallen schon vom Angucken die Blüten aus“, sagt Geffert und lacht, „bis eben habe ich mit einem potenziellen Kunden in Hongkong telefoniert, da hat es für den Blumenkauf nicht mehr gereicht.“ Eh viel wichtiger: Fürs Nachschneiden des Ponys sei Zeit geblieben und für die Auswahl der passenden Garderobe sowieso. Das Sakko von Lutz Huelle, das T-Shirt von 032c, die Tasche von Celine – Geffert hat sie aus ihrem „Fundus“ gefischt. So nennt sie ihren begehbaren Kleiderschrank, der für manche Social-Media-Fans kein Unbekannter ist.

Foto: Clara Renner
Margielas legendärer Tabi Boot als Vase von Idea Generale.

Beinahe täglich veröffentlicht Geffert Fotos und Videos aus dem länglichen weißen Raum, selbst vorproduziert wird mancher Mode-Content. „Als wir vor sechs Jahren hier eingezogen sind, war der Ankleideraum als Erstes fertig“, sagt sie – und beschreibt eine Adelung, die simple weiße Schränke aus Schweden anderswo wohl kaum erfahren. „Unser Architekt hat den Raum quasi um die Schränke drumherum gebaut, er ist auf Basis ihrer Maße entstanden.“ Auch die Beleuchtung – den täglichen Instagram-Produktionen entsprechend gleißend – konzipierte Stefan Flachsbarth.

Und damit es auch unter den fünf Leuchtstoffröhren nur Kompromisse, aber keine Kämpfe gibt, haben Kerstin Geffert und ihr Mann die Schränke nicht nur gerecht untereinander aufgeteilt, sondern zudem auf eine naheliegende Rechts-links-Verteilung verzichtet. „Immer abwechselnd gehört ein Schrank ihm und ein Schrank mir“, sagt sie. „So kommen wir uns morgens nicht Rücken-an-Rücken in die Quere.“

Foto: Clara Renner
Im Egg Chair strickt die Hausherrin, mit Aussicht auf die grelle Zitronen-Schale von Marsano.

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