Berlin - An einem Frühlingstag besuche ich ihn in seiner Werkstatt. In einer ehemaligen Maschinenbaufabrik am Rand von Berlin, zwischen Schrebergärten und blühenden Kirschbäumen. Hans Scheib wartet mit Kaffee und Kuchen in diesem herrlichen Raum, der bevölkert ist mit wunderlichen Figuren – seinen Werken.

Holzskulpturen, Plastiken. Überall stehen sie, in Gruppen, lebensgroß, liegen in Regalen herum, hängen von der Decke. Eigensinnige, irrsinnig lebendige Gestalten. Sie sind farbig bemalt, stark geschminkt, theatermäßig. Ich sehe Clowns, Kinder und Kriegerinnen, Varietétänzerinnen und Verführerinnen, und Huren natürlich. Und die Tiere! Löwen, Pferde, Ziegen, Raben, Möwen und Äffchen sind da. Sie sind in ihrer bezaubernd erzählerischen Anmut überaus treffend in der ihnen eigenen Tierart dargestellt. So treffend, dass ich sagen würde, nur die Löwinnen von Scheib sind eigentlich Löwinnen. So, wie er sie gemacht hat, sind sie viel richtiger als alle anderen Darstellungen von ihnen. Scheib zeigt das Löwinnenhafte, das Löwin-Sein, sodass man nach dem Anblick dieser Skulpturen überhaupt die Löwin erst sieht und versteht.

Nur Tiere und Menschen macht Scheib, nichts anderes. „Mich interessiert, was quiekt, wenn man's pikt!“, schnarrt er charmant. Zwischen diesen eigenartigen, poetischen Figuren aus Holz sehe ich plötzlich eine kleine Bronze, ein Pferd, ohne jeden Hauch von Parodie, in altmeisterlichem Realismus. Das kann er also auch. Selbstverständlich kann er das. Warum die Entscheidung für diesen ironischen Bruch? Der auch leicht als bloß witzig missverstanden werden könnte? Das Antiheldische? Die Narretei?

Im Holz liegt Magie, es war mal etwas Lebendes

Und im Keller ist sogar noch mehr von dem Zeug, sie stehen dicht gedrängt und schauen einen an. Manchmal gibt es von einer Figur auch zwei, drei. Zwillinge, Drillinge. Scheib ist sehr produktiv, er hat Glück: Das Problem des teuren, aufwendigen Verfahrens bis zum Bronzeguss besteht für ihn nicht, sein Material ist billig und verfügbar: Kiefernholz. Scheib bearbeitet die Holzblöcke mit der Kettensäge und malt sie an. Die Figuren, die er schafft, haben etwas Archaisches: Götzen und Gotik. Im Holz liegt Magie, es war mal etwas Lebendes.

Warum macht ein Künstler die Kunst, die er macht – obwohl er auch eine andere machen könnte? „Ich glaube, dass ich gar keine Kunst mache“, sagt Scheib. „Der Begriff der Kunst ist von Sozialarbeitern und Politologen okkupiert.“ Früher, da habe es tolle Künste gegeben: Liebeskunst, Kriegskunst und so weiter. Die Bildhauerei gehörte noch nicht mal dazu, das war ein Handwerk. Dann aber kam der unsägliche Begriff der „schönen Künste“. Und schließlich der erweiterte Kunstbegriff von Beuys: Jeder ist ein Künstler. „Das“, sagt Scheib, „ist Eulenspiegels Werk! Werft mir eure Schuhe her, und seht dann selbst, wie ihr mit dem Chaos zurechtkommt.“

„Du musst aufpassen bei Scheib. Er macht immer Understatements.“ Das sagt mir einer seiner ältesten Freunde, Florian Havemann, der auch für diese Zeitung schreibt. Ich habe ihn als Scheib-Dolmetscher mitgenommen. Auch deshalb, weil es für Scheib so einfacher ist: der Kehlkopfkrebs hat ihm die Stimme geraubt, er spricht mithilfe einer Sprachprothese. Seine Stimme klingt blechern, monoton schnarrend, eine Maschine-Mensch-Stimme. Das mühsame Sprechen zwingt ihn zu kurzen, pointierten Statements, die sehr gewitzt sind, aber oft kryptisch wirken. Es ist gut, wenn jemand dabei ist, der weiß, was Scheib sagen will, und an seiner Stelle weiter ausholen kann.

Uwe Hauth
Überall stehen Scheibs Figuren, in Gruppen, lebensgroß, liegen in Regalen herum, hängen von der Decke.

Alte Freunde sind sie. Sie waren vier, damals in den 60er-Jahren in Ostberlin: Hans Scheib, Reinhard Stangl, Manfred Strehlau, und der kleine, deutlich jüngere Flori Havemann. Alle vier angehende Künstler, die sich rebellisch gegen die Kulturpolitik ihres Staates verorteten. Den heroischen Kitsch des Sozialistischen Realismus lehnten sie ab. „Willi Sitte und Walter Womacka existierten für uns nicht.“ Auf die Frage, wer ihn künstlerisch beeinflusst hat, nennt Scheib Namen, die nicht zum Kanon gehören: Hermann Glöckner. Willy Wolff. Albert Ebert. Charlotte E. Pauly. Egmont Schaefer. Peter Herrmann. Peter Graf. Kurt Wanski.

In Dresden studierte Scheib Bildhauerei. Das hatte zwei Vorteile: Erstens, fand er heraus, dass diese Erziehungsanstalt verfault und verschult war, zweitens fand er Kommilitonen, die das genauso sahen. Und so entstand ein Künstlerleben unter Künstlern: Scheib und seine Gleichgesinnten saßen in ihren Ateliers im Prenzlauer Berg der frühen 80er-Jahre, verkauften kleinere Arbeiten an Liebhaber auf Weihnachtsmärkten, machten ihr Ding. Sie waren eine Provokation in der DDR. Seit den ersten privaten Ausstellungen zog Scheib sich die persönliche Feindschaft des Kulturstadtrates zu. Überdies führte diese wilde Idee von Künstlern, private Ausstellungen auf eigene Initiative zu veranstalten – in einer Diktatur –, verständlicherweise zu einem angelegentlichen Interesse der Staatssicherheit.

„Frag Scheib doch mal, wie er zu seinem Material kam!“, sagt Flori. Scheib kam darauf, weil es in der DDR für ihn keine Bronze gab, die war reserviert für Marx- und Leninbüsten. Was es aber gab, waren die Deckenbalken von alten Berliner Abrisshäusern. Und das ist Scheibs Genie, seine geniale Antwort auf die Frage: Kann man als Bildhauer überhaupt gegen die Herrschenden sein? Gegen die Auftraggeber also? Ohne die man weder an die kostbare Bronze kommt, noch an den Platz, an dem das Kunstwerk stehen darf.

Wenn die Throne gestürzt sind, bleiben die Narren

Bildhauerei war die Königsdisziplin der bildenden Kunst. Die Kunst, die die Macht abbildete. Den Machtanspruch äußerlich sichtbar formulierte, den öffentlichen Raum bestimmte, gültig, mit Ewigkeitsanspruch – und genauso öffentlich gestürzt werden konnte, als die Herrscherdenkmäler fielen. Heute hat die Plastik keine Funktion mehr im öffentlichen Raum. Sie ist entweder möglichst abstrakt und nichtsagend oder auf das Niveau von verkitschtem Blödsinn herabgesunken, wie zum Beispiel in Form der unvermeidlichen Berliner Bärchen, die unser Stadtbild verunstalten.

Aber Scheib hab es noch erlebt, die heroische Großplastik, die Herrscherdenkmäler. Das große Pathos der Sowjetmacht – man denke an das Thälmann-Denkmal, das Berlin wohl auf ewig erhalten bleibt. Das Heroische, Große ist obsolet geworden. Wenn die Throne gestürzt sind, bleiben die Narren.

Ein einziges Mal hat er es versucht, wollte sich einlassen auf den großen heiligen Ernst, aber auf seine Weise. 1982, im Treptower Park, bei der Ausstellung der Verbandes Bildender Künstler. Es geht um Krieg und Kriegsangst, Scheib erschafft eine Figurengruppe nackter Leichen, am Boden liegend, halb verschluckt von der Erde. Doch die Katastrophe trat ein: Statt, wie geplant, kritisiert oder totgeschwiegen zu werden, wurde die Ausstellung von der FDJ-Kulturkonferenz lobend erwähnt. Man war vereinnahmt worden. Scheib stellte für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag, der 1985 nach zähem Ringen bewilligt wurde. Im Westen dann die Ernüchterung: Dürfen darfst du alles, aber wie du überlebst, ist deine Sache. Er trifft wieder seine alten Freunde: Stangl und Flori.

Der Preis dafür nur das zu machen, was man will

Kam im Westen der große Erfolg? Die erste Ausstellung war 1986 im Haus am Waldsee. Es folgen deutschlandweite und internationale Projekte, Ausstellungen und Preise. Aber keine großen Bronzestandbilder auf den Plätzen der Stadt. Keine großen Sammler, die ihn hofierten. Scheib bleibt bei seinen Holzskulpturen, die er an Liebhaber verkauft.

„Ich bin noch nicht so mit Ruhm bekleckert worden“, knarzt Scheib. Vielleicht ist das der Preis dafür, dass man immer nur macht, was man will. 1989 schuf er eine nackte Figur, die auf einem Bein stehend die Deutschlandfahne hochhält, dafür hätte ihn fast einer angezeigt, wegen Beleidigung der Bundesrepublik Deutschland. Leider hat er Scheib diesen Gefallen nicht getan. Die Figur kann man heute im Deutschen Historischen Museum besuchen gehen.

PS: Am 11. Juni 2021 sind Werke von Scheib in der Galerie Helle Coppi in der Augustraße 83 zu sehen, www.coppi.de


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.