Berlin - Das Kurfürstentum Pfalz, kurz Kurpfalz, war das Herz des Heiligen Römischen Reichs. Die Kurfürsten wählten den Kaiser, und auch später zu republikanischen Zeiten versorgte die Kurpfalz das Land noch mit politischem Spitzenpersonal. Helmut Kohl, Kurt Beck und Rainer Brüderle – sie alle wagten ihre ersten Schritte auf dem Parkett der Politik in Rheinland-Pfalz, dem Kernland der historischen Kurpfalz. Allen dreien wird zudem ein enzyklopädisches Wissen über Wein nachgesagt, und damit wären wir auch schon beim eigentlichen Thema: den Kurpfalz Weinstuben in Charlottenburg-Wilmersdorf. 

Sie sind fast so alt wie die Kurpfalz selbst, also nur fast. Aber immerhin soll schon Hans Albers zu den Gästen gehört haben. Auch wenn das Restaurant etwas versteckt in einem Innenhof liegt, ist es deshalb alles andere als ein Geheimtipp. Das ist auch ganz in Ordnung, denn so kann man das Charlottenburger Publikum in seinem natürlichen Habitat beobachten, ohne dass es von dauernervösen Food-Bloggern aufgescheucht wird. Auch joviale Junggesellenabschiede verirren sich eher selten hierher. Die Weinstuben machen ihrem Namen alle Ehre: Ein Glas Riesling-Sekt aus der Magnumflasche (J. Neus, 2016, 48 Monate Flaschengärung) ist ein guter Auftakt für den Abend. Wer Magnumflaschen bisher für eine Spielerei für zeigefreudige Yuppies hielt, wird hier sehr schnell eines Besseren belehrt: Der Wein kann sich in der großen Flasche wunderbar entfalten, er reift etwas langsamer und wirkt dadurch insgesamt harmonischer.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
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Die Küche ist kurpfälzisch geprägt und gerade die Vorspeisen sind empfehlenswert. Denn Weinbergschnecken im Kräutersud, „Handkäs mit Musik“ oder der Flammkuchen passen nicht nur ausgezeichnet zur hervorragend kuratierten Weinkarte: Sie sind einfach gut gemacht, und zudem sehr fair bepreist. Dies gilt prinzipiell auch für die Hauptgerichte, selbst wenn es dabei mitunter etwas weniger sein dürfte – braucht es wirklich Kochbananenchips zum Tatar vom Weiderind? Zudem sind die Beilagen, etwa die Kartoffel-Tomatennocken zum Lamm Wellington, bisweilen zu trocken geraten. Aber okay, das ist Jammern auf hohem Niveau. Die freundlichen Kellner wissen jedenfalls, was sie tun. So wird einem kurzerhand ein fruchtiger Madeira zur Reh-Consommé empfohlen – und siehe da: Die Süße des Madeira fängt die salzige Brühe wunderbar auf,  Madeira und Consommé bilden eine kongeniale Mischung.

Übrigens: Die Kurpfalz Weinstuben werden mittlerweile im Guide Michelin erwähnt. Und nun haben sie auch das wöchentliche Feinschmeckermagazin Ihres Vertrauens erobert, der Berliner Zeitung am Wochenende.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Kurpfalz Weinstuben, Wilmersdorfer Str. 93, 10629 Berlin, Dienstag bis Sonntag 17 bis 0 Uhr.

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