Berlin - Es ist nicht leicht, der Post-Postmoderne neue Facetten abzuringen. Dem Filmemacher Ulu Braun gelingt dies aber einmal mehr. „Das Glitzern im Barbieblut“ begleitet eine junge, offenbar obdachlose Mutter bei ihren urbanen Streifzügen. Dialoge mit ihrer Tochter legen sich über die Bilder, erklären aber nichts. Texte und Szenen schaffen Assoziationen, die nur auf den ersten Blick zufällig wirken. Es entfaltet sich ein von Chiffren und Codes durchzogenes Energiefeld, das voller Möglichkeiten steckt. Weggeworfene CDs, Banksy-Graffiti, Mercedes-Sterne und natürlich auch Barbiepuppen säumen einen Weg, der vom Nichts zum Nichts führt – aber enorm die Sinne schärft.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

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Dieses Blickeschärfen erweist sich als Tugend, die in vielen Beiträgen der Berlinale-Shorts spürbar wird. Die kurze filmische Form bewährt sich als Seismograf für soziale, politische und technische Tendenzen und ihrer ästhetischen Transformation. Dank der vergleichsweise geringen Kosten und des Zwangs zur Konzentration können die oft jungen Kreativen unmittelbarer reagieren als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Filmindustrie. Wer wissen möchte, wie das Kino in fünf Jahren aussehen könnte, muss sich die Kurzfilme von heute anschauen. In vier Programmblöcken mit fast 30 Einzelbeiträgen bieten sich dafür großartige Gelegenheiten.

Rätselhafte Bilder

Klare Trends kann es keine geben – dafür ist die Vielfalt zu groß. Buchstäblich den Rahmen sprengende Arbeiten stehen neben eher traditionellen Kurzspielfilmen. Am gelungensten scheinen Versuche, inhaltliche Relevanz nicht durch Thesen vorzubuchstabieren, sondern nach neuen Formen zu suchen. Mit „International Dawn Chorus Day“ weist John Greyson in einer Collage aus 36 simultan projizierten Einzelbildern auf Menschenrechtsverletzungen in Ägypten hin. Miranda Pennell nähert sich in „Strange Object“ dem vergessenen Aufstand des somalischen Sufi-Scheichs Mohammed Abdullah Hassan. Seine „Derwisch-Armee“ trotzte mehrere Jahre der britischen Kolonialmacht. 1920 wurden seine Widerstandsnester durch Bombenangriffe zerstört. Die zunächst rätselhaft wirkenden Bilder erweisen sich als Luftaufnahmen von Aufklärungsflugzeugen, die den Angriffen vorangingen.

Im Programm finden sich auch zahlreiche von purer Erzähl- und Bilderlust zeugende Beiträge. Die augenzwinkernde Kenneth-Anger-Hommage „Motorcyclist’s Happiness Won’t Fit Into His Suit“ aus Mexiko steht neben den bösen Abenteuern der an Beavis und Butthead erinnernden Teenager Jason und Kevin aus „Easter Eggs“. Diese bunte Animation aus den Niederlanden überrascht nicht nur durch ihre vertikalen Bilder. Schön auch, dass sich mehrere Filme auf das gute alte 4:3-Normalformat besinnen oder sogar auf analogem Material gedreht wurden. So entwirft der schwarz-weiße „One Hundred Steps“ einen exterritorialen, durch Architektur, Musik und Tanz hergestellten Utopieraum. Und „Zonder Meer“ aus Belgien schafft einen wundervoll flirrenden Kinder-Sommertraum, in dem doch bereits der Horror der Erwachsenenwelt lauert.

Die Kurzfilme der Berlinale laufen in den Freilichtkinos Hasenheide, Filmrauschpalast und Pompeji. Tickets gibt es über die Websites der Spielstätten.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.