Berlin - Vor einigen Tagen musste ich an die Fußball-Europameisterschaft 2004 denken. Ich war 14 Jahre alt und zählte die Tage bis zu den Sommerferien. Während draußen die Sonne brannte, fiepte ich drinnen im Chor mit dem 56k-Modem, wenn ich mich voller Vorfreude ins Internet einloggte, um bei einem eiskalten Glas Pfirsich-Eistee nach Informationen zur EM-Vorbereitung der schwedischen Nationalmannschaft zu suchen, der ich damals die Daumen drückte. Noch heute erinnere ich mich an den jungen, stürmischen Zlatan Ibrahimović, den aus der Nationalmannschafts-Rente zurückgekehrten Henrik Larsson, den so bärtigen wie raubeinigen Kapitän Olof Mellberg und meine Lieblingsspieler, den für einen Skandinavier außergewöhnlich dribbelstarken Christian Wilhelmsson und das Schlitzohr Freddie Ljungberg mit dem feuerrot gefärbten Haarschopf.

Doch nicht nur meine Schweden, für die nach dem Gruppensieg im Viertelfinale gegen die Niederlande Schluss war, schickten tolle Spieler zum Turnier. Die Tschechen präsentierten Europa den jungen Torwart Petr Čech und den aufsehenerregenden Stürmer Milan Baroš, für Gastgeber Portugal ging Cristiano Ronaldo gemeinsam mit Altstars wie Rui Costa, Nuno Gomes und Luís Figo ins Rennen und beim DFB-Team läuteten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski eine neue Ära ein. Da war es dann auch nicht schlimm, dass die von Rudi Völler trainierte Nationalmannschaft, wie auch Italien, Spanien und Kroatien, in der Vorrunde ausschied. Denn als ausgerechnet Griechenland unter dem Trainer Otto Rehhagel von Sieg zu Sieg eilte und die Europameisterschaft schließlich sogar gewann, schien im Sommer 2004 wirklich alles möglich zu sein. Es war ein tolles Turnier und Nelly Furtados EM-Song „Força“ klingt mir jetzt noch in den Ohren, wenn ich daran denke.

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EM 2021? Ich fühle nur Unverständnis!

Wenn ich hingegen an die am Freitag startende Europameisterschaft 2021 denke, fühle ich gar nichts. Außer vielleicht: Unverständnis. Unverständnis dafür, dass dieses Turnier ein Jahr nach seiner ursprünglichen Terminierung tatsächlich noch stattfindet. Unverständnis dafür, dass der Fußball in den vergangenen Monaten nicht ent-, sondern beschleunigt wurde und diese Tatsache nun in einer Kontinentalmeisterschaft kulminiert, die eigentlich keiner so richtig will. Lasst mich in Ruhe mit dieser EM!

Dabei ist die gerade erst wieder etwas abgeflaute Corona-Pandemie nicht einmal der größte Faktor für das Unverständnis, auch wenn sie – natürlich! – eine Rolle spielt. Die Inzidenzwerte der elf Austragungsorte sind zwar niedrig, doch ist die ursprüngliche Idee dieser paneuropäischen EM, Fans in ganz Europa zum Reisen zu animieren und sie den Kontinent in all seinen Facetten erkunden zu lassen, nach 15 Monaten im gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ausnahmezustand komplett fehlgeschlagen. Da hilft es auch nicht, dass sich die Uefa von den Austragungsorten schon im April verbindlich zusichern ließ, bei jedem Spiel fünfstellige Zuschauerzahlen zu gewährleisten. Die Inzidenz in München, dem einzigen deutschen Austragungsort, lag zu diesem Zeitpunkt bei 163. SPD-Dauerwarner Karl Lauterbach nannte die Austragung damals „unverantwortlich“, Bundestrainer Joachim Löw haderte: „Die Regierungen überall in Europa untersagen wenn möglich, Reisen zu machen. Und wir reisen dann – alle Mannschaften – quer durch Europa.“ Dem europäischen Verband war das schnuppe, die Austragungsorte Bilbao oder Dublin, die keine hohen Zuschauerzahlen gewährleisten wollten, wurden einfach durch Sevilla und Sankt Petersburg ersetzt. Alles für bunte Fernsehbilder eines rauschenden Fußballfestes.

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Wout Weghorst muss für die Niederlande bei der EM ran. Der Arme.

Doch genau dieses avisierte Fest trifft überhaupt nicht den europäischen Zeitgeist dieser Tage. Die Europäer, ob nun in Deutschland, den Niederlanden, Italien oder Frankreich, sehnen sich nach ersten Massenimpfungen und sinkenden Inzidenzen nach einer, ich nenne es mal, „Basis-Normalität“. Sie wollen Verwandte und Freunde besuchen und in den Arm nehmen, im Biergarten sitzen und lachen, selbst endlich wieder miteinander Fußball im Park spielen, statt ihn vor der Glotze zu gucken, und ans Meer fahren, um die – pardon! – Scheiße, die in den letzten Monaten so passiert ist, einfach mal sacken zu lassen.

Die ganz normalen Sachen eben. Rausgehen, etwas machen und feiern zu dürfen ist Anlass genug, um rauszugehen, etwas zu machen und zu feiern. Dafür brauchen sie kein um ein Jahr verschobenes Fußballturnier, das ihnen die gute Laune quasi per Volleyschuss ins Gesicht knallt. 

Erst recht nicht, wenn das, was sie da dann geboten bekommen, in den vergangenen, von harten und weichen Lockdowns geprägten Monaten noch dauerpräsenter gemacht wurde als es zuvor schon war. Dank On-demand-Optionen bei Streaminganbietern und YouTube sind der Fußball und seine Protagonisten 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang immer und überall sicht- und verfügbar. War ich im Jahr 2004 noch überrascht, welche Wucht ein erst 18 Jahre alter Wayne Rooney erzeugen konnte und wie flink sich der 20 Jahre alte Arjen Robben über die Flügel bewegte, sind talentierte Kicker wie etwa Phil Foden, Orkun Kökçü oder Pedro Gonçalves heute längst bekannt und keine Geheimtipps mehr. Das einstige Prinzip „den Spieler kennen nur Insider“ ist komplett außer Gefecht gesetzt, weil es aufgrund der fußballerischen Dauerbeschallung in Europa mittlerweile Millionen „Insider“ gibt, die selbst, wenn sie nicht jedes Spiel selbst schauen, auf Instagram und Tiktok mit allen erdenklichen Highlights gefüttert werden, sodass auch bitte kein Teenie-Star vom Radar verschwindet.

Jeder Dorfkick ist spannender als Spitzenfußball

In der Konsequenz wird der Fußball so immer weiter entzaubert. Es macht keinen entscheidenden Unterschied, ob ich ein Champions-League-Spiel zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Barcelona oder ein Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien sehe. Die Spieler sind oft die gleichen, das Spiel sowieso. Systeme und taktische Standards haben sich auf höchstem Niveau angeglichen, es geht nur noch um Nuancen, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Jeder Dorfkick einer Kreisligamannschaft ist, so er denn stattfindet, derzeit viel spannender als Spitzenfußball.

Dass dabei sogar die Spieler selbst teilweise keine überbordende Vorfreude auf das Turnier zeigen, ist ebenso verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass die vergangene Saison europaweit arg gestaucht wurde. Nachdem Mitte 2020 wochenlang nicht mal echtes Training stattfinden konnte, zwängten die Verbände die Saison 2020/21 mit all ihren nationalen und internationalen Wettbewerben größtenteils pausenlos in wenige Monate. Die Folge waren zahlreiche Verletzungen, wie beim damaligen englischen Meister FC Liverpool, der mit Virgil van Dijk, Joël Matip und Joe Gomez gleich drei Innenverteidiger, die für gewöhnlich zum Stammpersonal gehören, über Monate verlor. Der Niederländer van Dijk war es schließlich auch, der einige Wochen vor der EM bekannt gab, auf das Turnier zu verzichten, um für seinen Klub wieder richtig fit zu werden. „So wie es momentan ist, denke ich, es ist die richtige Entscheidung, nicht zur EM zu fahren und vor der Saison in meine letzte Reha-Phase zu gehen“, erklärte er und fügte pflichtbewusst noch an: „Es ist schwer [nicht bei der EM dabei zu sein, d. Red.], aber ich habe meinen Frieden damit gemacht.“

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Lorenzo Insigne müsste als Neapolitaner nicht mal verreisen, um den Sommer genießen zu können. Er darf aber nicht zu Hause bleiben.

Konkreter wurde DFB-Nationalspieler Marco Reus bei seiner Absage: „Nach einem sehr intensiven Jahr für mich persönlich und dem Erreichen der Ziele beim BVB bin ich zum Entschluss gekommen, meinem Körper Zeit zu geben, um sich zu erholen!“

Das Finale der EM steigt am 11. Juli, keinen Monat später beginnt die Saison für die Bundesligisten bereits mit der ersten Runde des DFB-Pokals. Zwar bekommen Turnierspieler für gewöhnlich etwas Sonderurlaub, doch fehlen ihnen dann Teile der Vorbereitung. Nicht wenige spielten schon in der Vergangenheit nach Welt- und Europameisterschaften eine miserable Saison. Und Ende 2022 wartet dann schon die Weltmeisterschaft in Katar, über die man bereits jetzt einen noch ausführlicheren „Keine Lust!“-Text schreiben könnte.

Kurzum: Das alles ist der pure Wahnsinn. Und hat nichts mit den Fußballfesten zu tun, wie ich und wir alle sie früher erlebt haben. Ich habe nach Liga eins bis drei, Pokal, Champions League, Europa League, bald Conference League und Klub-WM (und dem ganzen Hickhack um die Super League, die ja doch irgendwann kommen wird) keine Lust auf noch mehr Fußball. Keine Lust auf das hundertste Aufeinandertreffen zwischen Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappé („Generationenduell! Machtwechsel! Götterdämmerung!“). Keine Lust auf erregte ARD-Kommentatoren, die mir die Europameisterschaft als Highlight dieses Sommers verkaufen wollen. Ich will auch nicht zurück ins Jahr 2004, zu Zlatan und Henke und Olof und Wilhelmsson und Freddie.

Alles, was ich will, ist ein normaler Sommer im Grünen, im Biergarten und am Meer, ein bisschen kicken am Strand oder eben im Park in Berlin. Und dann eine normale Saison 2021/22 mit Fans und Bier und Bratwurst und Emotionen im vollen Stadion. Mehr braucht es nach all dem Chaos der letzten Monate nicht. Schon gar nicht diese erzwungene Europameisterschaft.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.