Berlin - Kann oder sollte man über die Julia-Stoschek-Collection noch schreiben? Den Aufmerksamkeitszyklus füttern? Spätestens, seit der Berliner Künstler Leon Kahane 2020 auf die Verflechtungen der Firma Brose mit der NS-Rüstungsindustrie aufmerksam machte – eine Verflechtung, die Julia Stoschek qua Familie zur Milliardärin machte –, fragt sich die Kunstszene: Wie mit ihr umgehen? Gerade, weil die vielleicht bekannteste deutsche Kunstsammlerin zu den revisionistischen Bemühungen ihrer Familie in Coburg schweigt. Oder, weil sie, wie Kahane sagt, sich nicht dafür einsetzt, dass die Nachkommen der Zwangsarbeiter, die einst für Brose schufteten, angemessen entschädigt würden.  

Die Frage in einem kurzen Text zu beantworten, wäre vermessen. Nur so viel: In vergleichbaren Debatten um Thema wie Pink-, Green- oder Whitewashing wird oft auf den instrumentellen Charakter des „Reinwaschens“ zum Zweck der Schuldabwehr verwiesen. Dass den Themen, die dafür benutzt werden, dabei oft wichtige Aufmerksamkeit zukommt, wird indes vernachlässigt. Hätte Nike, der Konzern, der Schuhe in Sweatshops zusammenflicken lässt, den antirassistischen Kniefall des NFL-Stars Colin Kaepernick 2018 etwa nicht zu Werbezwecken nutzen dürfen? Wurde Colins Botschaft missbraucht oder verstärkt? Derartige Fragen drängen sich in diesem Zusammenhang geradezu auf.

Die Ausstellung, die jetzt in der Stoschek-Collection gezeigt wird – co-kuratiert von Lisa Long – gehört jedenfalls zu den aufregendsten, die man in Berlin derzeit sehen kann. Von David Wojnarowicz‘ titelgebendem Film „A Fire in My Belly“; Aufnahmen voll geballter Wut und queerem Erfindungsgeist des New Yorker Multitalents der 80er-Jahre. Über Anne Imhofs Film „Untitled (Wave)“, der ihre androgyne Partnerin zeigt, wie sie das Meer auspeitscht, in einer meditationhaften Bewegung, die extrem gut in den Pandemie-Zeitgeist passt. Bis hin zu Arthur Jafas antirassistischem Gänsehaut-Manifest „Love is the Message, The Message is Death“. Was immer man also von Stoscheks Umgang mit Geschichte halten mag: Diese Ausstellung sollte man sehen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.