Berlin - Mitten in der ersten Covid-Welle beginnt auch die erste Welle dieser Liebe, ganz sanft, wie eine Brandung. Es passiert ausgerechnet auf Twitter, wo es wahrscheinlicher ist, in schwere See zu geraten, als romantisch in Sonnenuntergänge zu schippern. Eigentlich bestimmt Streit auf dieser Plattform die Gespräche. Zunächst folgen wir einander nur, kennen uns darüber hinaus nicht. Ins Gespräch kommen wir eines Nachts, kurz vor Ostern, vor ziemlich genau einem Jahr. Der erste Lockdown steht bevor. Öffentliches Gefrotzel wird schnell zu privaten Nachnachrichten, Brieffreundschaft 3.0. 

Wir schreiben einander nicht täglich, aber die Abstände werden kürzer, die vermeintliche Nähe wächst exponentiell. Manchmal liege ich bäuchlings auf meinem Bett, während wir schreiben, und es fühlt sich an, als läge er neben mir: den Blick an die Decke gerichtet, die Arme vor der Brust verschränkt, so wie es beste Freunde tun. Schreiben wir einander wirklich erst seit wenigen Tagen? Der Lockdown ist da, wir reden über unser Leben vor Corona, wie sich hier in Berlin plötzlich jeder Tag wie ein Sonntag anfühlt, auch bei ihm, 500 Kilometer entfernt. Wie es wohl sein wird, wenn wir uns zum ersten Mal sehen? Dass wir uns sehen, steht außer Frage.

Einen Termin für ein Treffen brauchen wir nicht – es gibt ja die Reiseauflagen der Bundesregierung.

Aus einer Laune heraus malen wir uns eines Abends aus, wie es wäre, wenn wir beim ersten Treffen nicht miteinander reden dürften, und kommen schnell auf eine andere Art der Kommunikation, ohne bis zum Äußersten zu gehen. Wir beschreiben unsere Körpersprache. Ich spüre dabei jedes geschriebene Wort von ihm in meinem Körper und frage mich, ob er eine Gebrauchsanweisung für mich hat. Einen Termin brauchen wir vorerst nicht, denn es ist verboten. Es gibt ja die Reiseauflagen der Bundesregierung.

Wir staunen über uns selbst, genießen den Zauber

Die zweite Welle gleicht einer Springflut. Sie reißt mich mit, spült meine Abwehrmauern wie Sandburgen weg. Wir schreiben einander inzwischen über WhatsApp, und nachdem, wie er es nennt, ohnehin „alle Barrikaden gefallen sind“, überspringen wir wissentlich zwei bis drei Schritte. Bisher hatte ich um Onlinedating oder gar Sexting immer einen weiten Bogen gemacht. Es fühlte sich nie richtig an, schon gar nicht mit einem Fremden. Aber das ist es ja: Wir sind einander nicht fremd. Es ist, als würden wir den anderen ewig kennen. Nur deshalb fühlt sich alles an wie mit 20 Jahren: leicht, verspielt, lustvoll und: so natürlich. Dabei sind wir beide um die 40, sitzen nicht in Studenten-WGs, sondern in unseren schönen Stadtwohnungen. Er mit Blick auf einen Garten, ich schaue herab auf das Gewusel auf dem Helmholtzplatz.

Wir können nicht genug voneinander bekommen, reden oder schreiben aber weiter auch über andere Dinge: über die Arbeit, Freunde, mein Leben in England, aber gelegentlich auch über die Trennung von seiner Ex-Frau und die gemeinsamen Kinder. Als mein Vater überraschend stirbt, ist er für mich da. Seine Lebensumstände sind kompliziert, doch er bedient nicht das Klischee eines Mannes, der Ablenkung sucht. Das ist übrigens eine unserer Regeln: keine Klischees und keine Lügen. Oft schreibt er, was ich gerade denke, noch während ich es denke. Wir staunen über uns selbst, genießen den Zauber und vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der all das passiert. Denn: Noch immer haben wir uns nicht einmal gesehen. Die 500 Kilometer, die uns trennen, fühlen sich an wie 5000. Sie sind unüberwindbar, vor allem solange wir uns an die Corona-Regeln halten.

Ich spüre Glück und Ratlosigkeit

In einem Video-Call im Mai sehen wir uns das erste Mal „live“. Ich bin sprachlos, zum Glück nur kurz, dann muss ich lächeln. Er auch. Eine Weile sitzen wir so einander gegenüber. Wir vereinbaren, uns „möglichst bald“ auf halber Strecke zu treffen, „zumindest für einen Spaziergang“. Er will einen Termin finden. Nach diesem Live-Date fühlt sich alles deutlich wirklicher an als zuvor, als hätten wir einen großen Schritt aus einer digitalen Fantasie auf Bildschirmen in Richtung Realität getan. Zieht er sich deshalb in den folgenden Wochen so unvermittelt zurück? Über das Warten auf den Terminvorschlag kommen mir die Tränen, ein „hilfreicher“ Freund meint, das sei immerhin gut für die Haut. Dann kommen die Träume. Nacht für Nacht entstehen Bilder von dem, was sein könnte, übrigens bis heute.

Einen Monat später treffen wir uns tatsächlich, und die dritte Welle beginnt, für die es keine Kategorie gibt. Ich gebe zu, ich habe den Termin provoziert, hatte „zufällig“ beruflich in seiner Nähe zu tun. Wir verabreden uns in einem Hotel. Klischees? Wir doch nicht. Bei der Begrüßung atme ich ihn ein, mag ihn riechen. Sogar sehr. Er ergreift die Initiative, lässt eine unserer frühen Fantasien Wirklichkeit werden. Als Textversion haben wir es im Grunde schon durchlebt, unsere Körper wissen, was sie tun müssen. Danach ist klar: Wir müssen reden. Er nennt es eine „spontane Eruption“; ich finde, dass sie sich zunächst setzen muss.

Die Heimfahrt verbringe ich in einer Mischung aus Glück und Ratlosigkeit, denn obwohl ich jetzt weiß, dass ich mir all das nicht eingebildet habe, ist nichts einfacher geworden, im Gegenteil. Online zu wissen, dass man einander mag, ist unkompliziert. Aber wenn man sich auch körperlich näherkommt, muss klar sein, wie es weitergeht. Oder will nur ich es wissen? Er taucht wieder ab. Das klärende persönliche Gespräch gab es den Sommer über nicht, es steht bis heute aus.

Wurde ich reingelegt?

Dafür steigen im Herbst die Inzidenzwerte. Er meldet sich sporadisch aus dem Marianengraben, bevor er wieder verschwindet. Ich bespreche während eines Spaziergangs über die winterliche Pfaueninsel mit schwulen Freunden die Frage, ob alle Männer doch Schweine sind. Was war das? Ein Spiel? Eine Masche? Bin ich eine von vielen? Sind wir ein Klischee? Er ringt mit sich, will „es“ oder „uns“ nicht beenden. Er habe nie gelogen und aus Ratlosigkeit geschwiegen – dabei wäre geteilte Ratlosigkeit womöglich halbe Ratlosigkeit gewesen. Zumindest in dieser Hinsicht ist er typisch Mann.

Der große Soziologe Zygmunt Baumann nennt unsere Zeit eine der „flüssigen Liebe“, die „wie Wasser“ unseren Händen entweicht. Wir können sie weder verfestigen noch greifen. Meine Online-Liebe plätschert nur noch dahin, brandet für Momente zurück in mein Leben, wie das plötzliche Geräusch einer ankommenden SMS. Aber sie verebbt nie ganz.

Inzwischen reden wir über alles, außer über uns, viel über Politik, auch Corona-Maßnahmen, wie sehr uns das alles ermüdet. Noch immer vollenden wir die Gedanken und Sätze des anderen. Ich kann das Band zwischen uns beinahe sehen. Baumann sagt, dass neben der Liebe auch die Selbstliebe „flüssig“, also flüchtig, geworden sei. An der scheint es derzeit bei ihm zu fehlen, aber ohne sie geht es nicht. Nicht umsonst endet jede Folge der Sendung „RuPaul’s Drag Race“ mit dem Satz: „Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, wie zum Teufel willst du jemand anderen lieben?!“ Diese Netflix-Show war meine Glitzertherapie.

An guten Tagen belustigt mich diese offenbar unendliche Geschichte, an schlechten Tagen lese ich Baumann und frage mich, ob ich nicht doch reingelegt wurde. Ob wir tatsächlich eine vierte, womöglich letzte Welle erleben, ist ungewiss. Wir wollen uns treffen, noch im April. Diesmal auf seine Initiative, schließlich habe er mir das versprochen. So weit waren wir noch nie.

Haben Sie sich auch verliebt? Möchten Sie darüber schreiben? Senden Sie uns eine E-Mail: liebe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.