Wiebke, 28: Lieber Herr Lenné, an Silvester werde ich immer sehr melancholisch und ziehe Beziehungsbilanz. Mein Freund und ich, wir sind seit drei Jahren zusammen. Ich habe den Eindruck, dass er mich nicht richtig liebt. Sollte ich ihn im neuen Jahr mit meiner Sorge konfrontieren oder lieber in mich hineinhören als reden? Ich habe Angst vor diesem Gespräch.

Liebe Wiebke, gute Frage. Wir Menschen sind evolutionär dreimal mehr von Angst als von Neugier geleitet. US-amerikanische Forscher haben es gezählt. Jetzt scheinst Du vor mehreren Dingen gleichzeitig Angst zu haben. Davor, dass er Dich nicht richtig liebt und davor, mit ihm darüber zu sprechen.

Vielleicht auch davor, dass er Dich auf seine Art doch richtig liebt, nur Du unter „richtig lieben“ etwas anders verstehst. In sich hineinhören ist sicher eine gute Idee. Wie willst Du dieses innere Hören gestalten? Wirst Du alles glauben, was Du dort fühlst und denkst? Oder irrt sich unser Inneres auch manchmal?

Erst reflektieren, dann sprechen

Manche Stimmen scheinen da sehr überzeugend zu sein. Aber haben sie bei genauem Hinsehen auch recht oder sind sie nur, wieder mal, die schnellsten und lautesten? Oft, wenn wir ein wenig warten, melden sich noch andere Gefühle und Ideen. Noch etwas später vielleicht finden wir in unterschiedlichen Ecken unserer Innenwelt genau gegensätzliche Bedürfnisse zum selben Problem. Wie finden wir raus, was wir wirklich möchten und versuchen wollen?

Du wirst in deinem Inneren deinen eigenen Idealbildern begegnen. Deiner Idee von richtiger Liebe. So, wie du mit ihm dastehen solltest. So, wie ihr zueinanderstehen solltet. Wie viel Zeit ihr miteinander verbringen sollt, wie viel tiefe intime Gespräche und Momente stattfinden sollen und natürlich wie viel und welchen Sex ihr haben sollt. Ich habe es hier alles mit „sollen“ beschrieben. So fühlt es sich oft erst einmal an, wenn es noch nicht sortiert ist und das muntere innere Sprudeln als „irgendwie“ eigene Wahrheit akzeptiert bleibt.

Ich möchte Dir Mut machen, zuerst mit dem nötigen inneren Abstand, gesunder Neugier und ebenso gesunder Skepsis Deine persönliche „richtige Liebe“ zu erforschen. Vielleicht schreibst Du Dir eine paar Sachen auf oder forschst gemeinsam mit einer Freundin? Weiterhin möchte ich Dir Mut machen, mit Deinen Bedürfnissen und Deinen No-Gos auf Deinen Freund zuzugehen und gemeinsam mit ihm über die richtige Liebe zu sprechen. Vielleicht liebt er Dich wirklich nicht genug, vielleicht findet ihr aber auch einen Weg zu eurer gemeinsamen richtigen Liebe.

Haben Sie eine Frage an den Paartherapeuten? Schreiben Sie uns! liebe@berliner-zeitung.de


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.