Berlin - Natürlich hätte sich Lilian von Trapp auch ein abgeschlossenes Zimmer schnappen können. Vier Wände und eine Tür, ein richtiges Büro, ganz hinten, ganz privat. Stattdessen sitzt die Designerin zwischen Ladenlokal, Werkstatt und administrativem Bereich in einer Art Durchgangsraum im Zentrum ihres kleinen Unternehmens. Das passt – ihren Schreibtisch hat Lilian von Trapp in das Herz der Firma gepflanzt, die ihren Namen trägt.

Seit 2016 führt die studierte Juristin ihr eigenes Schmucklabel, vor wenigen Tagen eröffnete sie neue Geschäftsräume in der Kurfürstenstraße. Dass sie nun selbst in der pulsierenden Mitte hockt, hat aber nicht nur Symbolcharakter. „Tatsächlich ist das sehr praktisch“, sagt von Trapp und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. „Hier kann ich mit meinen Mitarbeiterinnen hinten im Büro ganz direkt kommunizieren und genauso vorne Wiebke etwas zurufen.“

Die Goldschmiedin sitzt in Rufweite zur Chefin

Wiebke Schieber – das ist die Goldschmiedin. Auch während des Interviewtermins sitzt sie an ihrem Platz, weit über die Werkbank gebeugt, emsig arbeitend, ein Schmuckstück in ihren Händen. Nur kurz schaut sie auf, als sie ihren Namen hört, „ja“, sagt Schieber und lächelt, das mit der direkten Kommunikation sei wichtig, „so muss das sein.“ Bevor es die neuen Räume mit eigener Werkstatt gab, arbeitete Schieber als freie Goldschmiedin auf Projektbasis für Lilian von Trapp. Nun ist sie fester Bestandteil des Teams.

„Egal, was du bei uns kaufst, es hat auf jeden Fall Wiebkes Hände durchlaufen“, sagt die Chefin. Alle reinen Goldschmuckstücke werden komplett von Schieber gefertigt, auch kleinere Diamanten fasst sie ein. Komplexere Arbeiten mit Edelsteinen erledigt indes ein kleines Familienunternehmen in Pforzheim, der Hochburg deutscher Schmuckherstellung. Dass aus Lilian von Trapps Designs ein paar Meter von ihrem Schreibtisch entfernt echte Preziosen werden, ist nicht nur für sie ein Gewinn. Auch ihre Kundinnen und Kunden haben etwas davon.

Piet Goethals
Ihren Schreibtisch hat von Trapp ins Herz ihrer Firma gepflanzt.

Die Tür zur Werkstatt steht meist offen, Gäste können sehen, zuschauen, was Wiebke Schieber da gerade so macht, wie sie poliert und feilt, fertige Schmuckstücke graviert. „Oder sie können ein bisschen dabei zusehen, wie Wiebke alte Schmuckstücke einschmelzt, die sie mitgebracht haben, um daraus neue Teile entstehen zu lassen“, sagt die Designerin. „Aber der ganze Prozess dauert teilweise tagelang, so lange wollen die Leute hier vielleicht nicht unbedingt sitzen.“ Wenn Lilian von Trapp sich da mal nicht täuscht.

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Die Geschäftsräume sind so geschmackvoll wie der Schmuck

Ihre neuen Geschäftsräume sind nicht nur ebenso geschmackvoll gestaltet wie ihre Schmuckkollektionen, minimalistisch und modern, auf das Wesentliche reduziert – Ladenlokal, Wertstatt und Büros wirken auch sympathisch und einladend, geradezu gemütlich. Das mag am Farbkonzept aus warmen Braun- und Graunuancen liegen, an den verputzten Wänden in einem cremigen Kaffeeton. Und an den extra angefertigten schönen Regalen und Tischmodulen, auf denen von Trapp ihre Schmuckstücke präsentiert.

Eng hat sie für den Ausbau ihres Ladens mit dem Berliner Innenarchitekten Domenic Degner zusammengearbeitet, der zum Beispiel auch für den Vintage-Showroom von Liset’s in Wilmersdorf verantwortlich zeichnete. Zusammen mit seinem Partner Falko Landenberger entwarf Degner die schwarzen Holzelemente und die Module aus Brandenburger Naturstein, als Tischler wurde wiederum Johannes Leo Berger aktiv. Alles natürliche Materialien aus dem Berliner Umland, alles lokal gefertigt, sämtliche weitere Möbel vintage – das passt zum Label, genau wie die transparente Arbeitsweise, Wiebke Schiebers Werkeln vor den Augen der Kundinnen und Kunden.

Piet Goethals
In gedeckten Tönen gehalten, wirkt das Ladenlokal elegant und einladend.

Von Anfang an führte Lilian von Trapp ihr Unternehmen mit einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit. Sie verwendet ausschließlich recyceltes Gold, das sie zukauft oder sich zur Weiterverarbeitung gleich von ihren Kundinnen und Kunden mitbringen lässt – neues Gold, das unter umweltschädigenden und menschenunwürdigen Bedingungen aus dem Boden geholt wird, kommt nicht zum Einsatz. Auch sämtliche Diamanten sind vintage oder werden durch einen neuartigen nachhaltigen Prozess gewonnen.

Die Diamanten entstehen auf neuartige, nachhaltige Weise

„Wir sind Partner der Diamond Foundry, die in San Francisco und Los Angeles sitzt“, erklärt von Trapp; in Laboren lässt das amerikanische Unternehmen chemisch wie physikalisch echte Diamanten entstehen. Eine ganz zarte Schicht eines natürlichen Diamanten lässt die Firma in einem Reaktor durch Solarenergie extrem erhitzen – unter immensem Druck wächst Atom für Atom ein neuer Rohdiamant heran. „Das ist die Zukunft“, sagt Lilian von Trapp programmatisch, „wenn man bedenkt, dass Gold und Diamanten endliche Ressourcen sind und wie sie auf konventionelle Weise gewonnen werden.“

Schon der Kleinbergbau von Hand hat verheerende Folgen für die Natur. Rund 15 Prozent der weltweiten Goldproduktion macht er aus, 20 bis 25 Millionen Menschen verdienen damit ihr Geld. Beim sogenannten Small-Scale-Mining wird 400 Meter tief in die Erde gebohrt, beim Surface-Mining bloß eine obere Erdschicht abgetragen, dafür aber über viele Hektar hinweg. Gibt es in der Erde nichts mehr zu holen, bleiben riesige Krater zurück, weite Flächen toter Erde, auf denen nichts mehr wächst. Die Menschen hantieren oft ohne jeden Schutz mit giftigen Stoffen wie Quecksilber oder Cyanid, um die kleinen Goldpartikel von den Steinen zu lösen – die Salze und Laugen zerstören ihre Gesundheit, ihr Land, jede Grundlage, um dem gefährlichen Geschäft mit dem Gold zu entkommen.

Piet Goethals
Die Module aus Brandenburger Naturstein hat Domenic Degner entworfen.

Lilian von Trapp weiß um die Missstände der Branche. Nicht nur, weil sie es selbst besser, weil sie es anders macht – kontinuierlich unterstützt sie auch verschiedene Projekte, die sich um Alternativen für die Minenarbeiterinnen und -arbeiter bemühen. „Ich arbeite seit 2018 mit der Earthbeat Foundation zusammen und bin Vorstandsmitglied des Projekts“, erzählt sie. In Uganda sucht die Foundation mit den Menschen der Region nach neuen Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Was entsteht, sind zum Beispiel Permakultur-Projekte, Wege zurück in die Landwirtschaft, andere Dörfer züchten Bienen und verkaufen den Honig.

Oft reist von Trapp in die betroffenen Gebiete, erstellt auch spezielle Kollektionen, deren Erlöse sie komplett an die Earthbeat Foundation weitergibt. „Die einzelnen Projekte sind kleine Teile eines großen Ganzen“, sagt sie. „Wir versuchen, für die Familien vor Ort peu à peu Alternativen zum Goldabbau zu finden.“ Für das kommende Jahr plane sie ein Projekt mit ihrer Freundin, dem internationalen Model Arizona Muse, die sich mit ihrer gemeinnützigen Organisation Dirt ebenso um den Umweltschutz bemüht.

Und aktiv werden, das kann ja nun jede und jeder. „Wir ermutigen unsere Kundinnen und Kunden immer, uns alte Schmuckstücke vorbeizubringen, um sie weiterzuverarbeiten“, sagt Lilian von Trapp. Von den beinahe 170.000 Tonnen Gold, die auf der Welt aktuell im Umlauf sind, schlummert schließlich ein nicht unbeträchtlicher Teil in Form von altem Schmuck und ungetragenen Erbstücken in Safes und Kästchen vor sich hin. Wer einen Beitrag leisten will im Kampf gegen die Goldminen, könnte seine alten Edelmetalle in den Recycling-Kreislauf geben – und beim nächsten Schmuckshopping lieber in einen kleinen, unabhängigen Laden als zum großen Juwelier auf dem Kudamm gehen. In der Kurfürstenstraße zum Beispiel wäre ja jetzt so ein Geschäft.

Lilian von Trapp, Kurfürstenstraße 17, 10785 Berlin. Montags bis Samstags, 12–18 Uhr, oder nach Terminvereinbarung. Telefon: +49 (030) 26934519, info@lilianvontrapp.com, www.lilianvontrapp.com


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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