Berlin - „Zufälle sind unvorhergesehene Ereignisse, die einen Sinn haben“, schrieb Diogenes von Sinope etwa 400 vor Christus. An Ähnliches musste ich denken, als ich in einer kalten Winternacht in New York etwas angeschwipst um 3 Uhr morgens an der 110. Straße auf den Umstieg vom „2-" in den „1-Train“ im Subway-Tunnel wartete.

Von weiter Ferne hörte ich eine Blues-Gitarre. Die Klänge schwirrten wie ein Aphrodisiakum in mein Ohr. Ich lief zum Musiker rüber und sah einen alten Mann, der sich optisch von einem Obdachlosen kaum unterscheiden ließ und sich weltentrückt in höhere Stufen des Jazzolymps spielte. Ein paar Dollarnoten lagen in seinem Gitarrenkoffer. Ich hörte gedankenverloren zu und verpasste dabei mehrere Subway-Züge. Während meines vierjährigen Aufenthalts in New York ist mir kein Livekonzert derart in Erinnerung geblieben.

Ich vergaß, wie die Sonne unterging

Vergangene Woche dann ein ähnliches Erlebnis. Nach einer langen Arbeitswoche lief ich an einem Sonntagnachmittag – es muss circa 15 Uhr gewesen sein – vom Viktoriapark zum Tempelhofer Feld. Wolken bedeckten den Himmel, der Wind blies so scharf wie sonst nur an der Nordsee. Ich lief vom Norden bis zum äußersten Ostrand des Parks und wurde am Neuköllner Eingang an der Oderstraße von den Klängen einer E-Gitarre aus meinen Gedanken gerissen. Ich blieb stehen und hörte einem Mann zu, wie er sich mitten im Parkgeschehen in den Himmel der Gitarrenmusik improvisierte, ähnlich weltentrückt wie der Musiker in New York.

Grafik: zVg
An dieser Stelle am Tempelhofer Feld sind die Livemusiker am Wochenende zu finden.

Es war vielleicht eins der magischsten Erlebnisse meiner Pandemiezeit. Staunend stand ich da. Ich traute mich nicht, den Gitarristen zu stören, ihn anzusprechen, etwas über seine Identität zu erfahren. Also blieb mir nur das Träumen. Ob er ohne Pandemie auf einer großen Bühne vor Tausenden Menschen stünde und sich berauschen ließe vom tobenden Applaus? Ich hörte ihm zu, malte mir die Zukunft aus und bemerkte nicht, wie die Sonne langsam unterging.

Jedes Wochenende treffen sich an der Ecke zum Parkeingang an der Oderstraße am Tempelhofer Feld Musikerinnen und Musiker und machen großartige Livemusik.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.