Berlin - Im Laden von Florian Remmler, 44, muss die Berliner Wegwerfgesellschaft draußen bleiben. Wer hier eintritt, tritt in eine völlig andere Welt des Konsums. Die Kundschaft bringt eigene Verpackungen mit und füllt sich die Ware selbst ab. Müsli rieselt in Einweggläser, Spülmittel wird gezapft, Zahnpasta in Pulverform löffelweise abgefüllt. Auf rund 80 Quadratmetern bietet Remmler rund 500 Produkte an. Der Einkauf kostet neben Geld vor allem auch Zeit, spart dafür aber Müll. „Ich will Menschen die Möglichkeit geben, verpackungs- und plastikfrei einzukaufen“, sagt der Inhaber. Sein Geschäft in Wilmersdorf ist einer von insgesamt fünf „unverpackt“-Läden in ganz Berlin. Es sind gallische Dörfer im täglichen Kampf gegen den Müll.

In Berlin leben 3,7 Millionen Menschen, die alle Abfall produzieren. Manche weniger, die meisten immer mehr. Zusammen häufen sie im Jahr rund 1,3 Millionen Tonnen an – so viel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Berlins Regierung hat sich im Koalitionsvertrag von 2016 zwar dem Leitbild von „Zero Waste“ („Kein Abfall“) verschrieben. Unter anderem sollte das Restmüllaufkommen in den grauen Tonnen „drastisch“ reduziert werden. Heute ist man von diesem Ziel aber noch immer weit entfernt. Zunächst waren die Mengen zwar leicht rückläufig, doch 2020 – im ersten Jahr der Corona-Pandemie – sind sie wieder angestiegen. Die grauen Tonnen sind so voll wie eh und je. Ohne die Müllwerker der Berliner Stadtreinigung (BSR) würden sie überquellen.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

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Die BSR schickt täglich 325 Müllfahrzeuge auf die Straßen, um die Hauptstädter von ihrem Unrat zu befreien. Rund 950 Frauen und Männer sind im Einsatz. Menschen, deren Arbeit in der Pandemie als systemrelevant gilt, die aber kaum jemand kennt. Der Schauspieler Uwe Ochsenknecht leiht ihnen in dem Fernseh-Mehrteiler „Die drei Männer von der Müllabfuhr“ sein Gesicht. Als Müllwerker Werner Träsch, „Käpt’n Träsch“, wie ihn seine Kollegen Ralle und Tarik nennen, bekommt er es mit Ratten, Miethaien und anderen alltäglichen Hauptstadt-Phänomen zu tun. Vor zwei Wochen (14.5.) lief in der ARD bereits die sechste Folge. Mit durchschnittlich rund 4,5 Millionen Zuschauern erreicht die Serie vermutlich mehr Menschen als die BSR mit ihren Aufklärungs- und Imagekampagnen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: muellparadies.de

Die Stadtreinigung wirbt seit Jahrzehnten für mehr Wertschätzung („We kehr for you“), mehr Mülltrennung, mehr Abfallvermeidung („Trenn Dich von der Wegwerfgesellschaft“). Mit viel Charme, aber ohne den großen Durchbruch. Der Müll nimmt überall einfach nur zu, auf den Straßen, in den Bio- und Wertstoff- genauso wie in den Restmülltonnen. Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sich das Trennen nicht lohne, da „am Ende“ ohnehin wieder „alles“ zusammengeworfen und verbrannt werde. Misstrauen in die Recyclingversprechen der Entsorgungsbranche schüren auch immer wieder diverse Müllskandale, wie etwa illegale Deponien in Malaysia, auf denen Plastikmüll aus Deutschland vor sich hin rottet. Müll aus Berlin ist auch schon in dunklen Löchern in Brandenburg verschwunden und jetzt auch in der Türkei gestrandet.

Berlin versucht dem Plastikproblem mit der Wertstofftonne Herr zu werden. Diese orangefarbene Tonne ist so etwas wie der Stolz der Berliner Abfallwirtschaft. In vielen anderen deutschen Städten gibt es stattdessen Gelbe Tonnen und Gelbe Säcke. Die dürfen aber nur mit Verpackungsmüll befüllt werden. Die Wertstofftonne der Hauptstadt darf neben Tuben, Tüten, Flaschen, Bechern und Dosen auch andere Gegenstände aus Metall und Plastik schlucken. Jahr für Jahr wird auch diese Menge in Berlin immer mehr. Rund 87.000 Tonnen Material waren es allein 2018.

Bundesweit fallen jedes Jahr rund sechs Millionen Tonnen Plastikmüll an. Verpackungsmüll aus Haushalten macht davon nur ein Sechstel aus. Der größte Batzen kommt aus der Industrie. Gemessen am gesamten deutschen Abfallaufkommen von mehr als 400 Millionen Tonnen ist die Menge gering. Doch Plastik ist eines der großen Reizthemen unserer Zeit. Das Material hat viele nützliche Eigenschaften, aber landet es als Müll in der Natur, wird es zum Problem. Ist es längst geworden, verschmutzt Lebensräume von Menschen und Tieren. Zur Lösung soll ein Verbot von Trinkhalmen und anderen Einwegprodukten aus Plastik beitragen, das im Juli 2021 in Kraft tritt.

Ganz ohne Verpackungsmüll geht es aber selbst bei Ladenbesitzer Remmler in Wilmersdorf nicht, wie sich an einem Mittwochvormittag im Mai zeigt. An diesem Tag sammelt die BSR das Altpapier in seiner Straße ein. Remmler erspäht das orangene Müllauto durchs Schaufenster, eilt mit einem Haufen Pappe in seinen Armen nach draußen und wirft sie in das Fahrzeug. Die Ware, die er in seinem Laden anbietet, wird in Großverpackungen geliefert. Remmler muss auspacken, bevor er verpackungsfrei verkaufen kann. Als er einen Karton öffnet, kommt eine Plastiktüte zum Vorschein. Getrocknete Mangostreifen sind darin luftdicht eingeschlossen, insgesamt zwei Kilogramm. Ohne die sichere Hülle gingen die Aromen verloren, wie Remmler erklärt. „Das will niemand“, sagt er und nimmt deshalb ein bisschen Verpackungsmüll in Kauf. „Ich produziere mit meinem Geschäft weniger Abfall als ein Haushalt“, fügt der 44-Jährige noch hinzu und holt unter der Ladentheke einen Beutel hervor, in dem er seinen Plastikmüll sammelt. Der Müllbeutel ist kaum gefüllt.

Caroline Heinecke
Florian Remmler in seinem Laden

Die Wege des Berliner Mülls sind verschlungen. Wer seiner Spur folgt, steht in diesen Zeiten häufig vor verschlossenen Toren. Sie öffnen sich zwar für die Abfalltransporte, aber die Öffentlichkeit muss draußen bleiben. Wegen der Pandemie, wie es heißt. „Unsere Mitarbeiter*innen auf den Touren und in den Anlagen sind schon genug gefordert“, lehnt etwa ALBA unsere Bitte ab, die Sortieranlage des Entsorgungskonzerns in Marzahn, Ortsteil Mahlsdorf, zu besuchen. In dieser Anlage wird tatsächlich zusammengeworfen: der gesamte Müll aus den Wertstofftonnen Berlins mit Verpackungsabfällen von Haushalten aus dem Umland. Insgesamt sind es bis zu 140.000 Tonnen Material im Jahr, die ALBA durch diese Anlage schleust und verarbeitet. Das heißt: Der Abfall wird gewogen, analysiert, sortiert und zu Ballen gepresst. Danach entscheidet sich, wie die Reise weiter geht. Im Groben gibt es für dieses Material zwei Richtungen: Recycling und Verbrennung.

Öfen, die nach Müll lechzen, gibt es in und um Berlin aber viele. Und man glaubt es kaum, aber selbst Verbrenner nehmen nicht jeden Dreck. Das Müllheizkraftwerk Ruhleben schnappt sich rund 60 Prozent vom Restmüll. Die anderen 40 Prozent aus den grauen Tonnen drehen vor ihrer Verfeuerung noch eine Extra-Runde in den Sortieranlagen der BSR in Pankow oder in Reinickendorf. Diese Anlagen bestehen aus einem Labyrinth aus Förderbändern, Rohren und Maschinen. Es sind Resteverwerter, die fast alles zu Brennstoffen für Kraftwerke verarbeiten. Was nicht gut brennt, etwa Steine und Keramik, picken sie für die Deponie heraus. In Reinickendorf kommt es außerdem auch wieder zu einem Zusammenwerfen: mit Müll aus Mahlsdorf, den ALBA nicht gebrauchen kann. Auch in diesen sogenannten Sortierresten steckt mitunter noch Brennbares.

Zu den Abnehmern der aufpolierten Reste gehört das Zementwerk Rüdersdorf. Hier, rund eine LKW-Stunde östlich von Berlin, brummt das Müllgeschäft. Ein Geschäft, das sich für den Betreiber des Werkes, den mexikanischen Baustoffkonzern Cemex, gleich doppelt lohnt: Bei Cemex löst der Müll Kohle als Brennstoff ab. Der Konzern spart die Ausgaben für den fossilen Energieträger und erzielt durch die Abfallverwertung zusätzliche Einnahmen.

Rüdersdorf ist nur ein Beispiel von vielen. Auch andere Zementwerke in Deutschland verfeuern zur Energiegewinnung immer mehr Müll. Am beliebtesten sind Kunststoffabfälle, die wegen ihres hohen Heizwertes Kohle eins zu eins ersetzen. Mehr als 800.000 Tonnen Plastik hat die deutsche Zementindustrie allein im Jahr 2019 verbrannt – so viel wie nie zuvor. Laut dem Verband der Deutschen Zementindustrie profitiert auch die Umwelt von der Müllverbrennung: Rohstoffe werden geschont und weniger klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt.

Zurück nach Mahlsdorf, zur Sortieranlage von ALBA. Elektromagneten, Wirbelstromabscheider, Infrarot-Scanner und andere Maschinen trennen hier die Abfälle auseinander. So gewinnt der Konzern tatsächlich Stoffe fürs Recycling zurück: Metalle, die sich wieder verhütten lassen. Altes Papier, dem Papierfabriken neues Leben einhauchen. Beim Plastikmüll separiert ALBA fünf Sorten: Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), PET, Polystyrol und Folien. Abfälle, die aus diesen Kunststoffen bestehen, lassen sich in neue Produkte verwandeln.

Es gibt noch eine sechste Plastikfraktion, die ALBA aber aussortiert: sogenannte Mischkunststoffe. Beispiele dafür finden sich zuhauf im Supermarkt, ALBA-Sprecher Krumrey nennt Verpackungen für Wurst und Käse. „Die Deckfolien bestehen aus hauchdünnen Schichten unterschiedlicher Kunststoffe“, erklärt er. Es handele sich um Verbundmaterialien, die sich nicht trennen und daher auch nicht recyceln ließen. Bliebe die energetische Verwertung, etwa wieder in einem Zementwerk. Krumrey dazu: „Wir freuen uns, wenn diese Menge weniger wird. Denn unser Geschäft besteht im Recycling, nicht in der Abfallverbrennung.“

Dennoch kann es auch einen recycelbaren Joghurtbecher erwischen. Sein Schicksal hängt am Aludeckel. Wenn die Berliner den Deckel nicht vom Becher trennen, bevor sie beides in die Wertstofftonne werfen, landet auch dieser Abfall als Materialgemisch in der Verbrennung. Und dann gibt es offenbar noch ein Problem: Die nächste Recyclingfabrik ist manchmal einfach zu weit weg. Für den Kunststoff Polystyrol etwa fehlen laut ALBA in manchen Regionen Kapazitäten.

ALBA selbst betreibt in Eisenhüttenstadt ein Recyclingwerk für PE und PP. Auch dort wird zunächst zusammengeworfen: die sortierten Fraktionen aus Mahlsdorf mit denen aus anderen Sortieranlagen. Die Mischung kommt erneut aufs Förderband, der Müll wird ein letztes Mal von fremden Stoffen befreit. Danach beginnt die Verwandlung zu Kunststoffgranulaten. Die Einsatzmöglichkeiten dieser Granulate sind laut ALBA vielfältig. Sie eigneten sich zur Herstellung von Eimern, Gießkannen, Gartenmöbeln und Büroartikeln.

Wie aber ist nun das Verhältnis zwischen recycelten und verbrannten Wertstoffen in Berlin? Wer in die aktuellste Abfallbilanz des Umweltsenats aus dem Jahr 2018 blickt, wird in die Irre geführt. Die Recyclingquote lag demnach bei 30 Prozent. Nur. Doch das ist falsch, wie ALBA auf Nachfrage erklärt. Auch andere Angaben stimmen offenbar nicht. Der Grund: Anders als man es bei den konkreten Zahlen zu Müllmengen und der ausgefeilten schematischen Darstellung zu den Verwertungswegen vermuten würde, handelt es sich bei dieser offiziellen Bilanz des Senats nicht um eine exakte Berechnung, sondern lediglich um Annahmen. Hinzu kommt: Diese Annahmen beruhen auf veralteten Daten – aus einer Zeit, in der es in Berlin keine Wertstofftonne gab.

An der fragwürdigen Bilanzierung hat sich bislang offenbar niemand gestört. Erst als wir ALBA mit Zahlen daraus konfrontieren, wird auch der Konzern hellhörig. „Ein Großteil der Zahlen deckt sich nicht mit den Betriebsdaten unser Anlage im Jahr 2018“, teilt ALBA-Sprecher Henning Krumrey mit. Die Recyclingquote beziffert er auf 46 Prozent, also deutlich über den offiziellen Wert.

Das Forschungsinstitut, das die Abfallbilanz im Auftrag des Berliner Umweltsenats erstellt hat, räumt inzwischen Fehler ein. In einer E-Mail vom 11. Mai an ALBA, die uns auszugsweise vorliegt, heißt es: „Die Angaben sind nicht mehr zeitgemäß.“

Fürs Recycling ist ALBA kein Weg zu weit. Berliner Plastikmüll reist auch über Grenzen hinweg. Dabei ist jetzt eingetreten, was auf keinen Fall hätte passieren dürfen: 108 Schiffscontainer mit Ware aus Sortieranlagen von ALBA stecken seit Monaten in türkischen Häfen fest. Das Recyclingwerk im Norden der Türkei, das den Müll recyceln sollte, ist verschwunden. Es war mal da, in Düzce, 200 Kilometer von Istanbul entfernt. Aber nun existiert es nicht mehr, es wurde wohl abgebaut.

Auch sortiertes Plastik aus Mahlsdorf ist betroffen, sieben Schiffscontainer voll. Sie sind wie die meisten Container mit PET gefüllt. Was mit dem Material passiert, ist fraglich. Womöglich muss ALBA die Fracht zurück nach Deutschland holen.

Caroline Heinecke
Einfacher geht's nicht: Eigene Verpackungen mitbringen, Ware selbst abfüllen, fertig.

Zwischen dem Spediteur und der türkischen Recyclingfirma sei es zu einem Streit über offene Rechnungen gekommen, berichtet Krumrey über die Hintergründe dieses Falls. Der Spediteur habe daraufhin die Auslieferung aus den Häfen gestoppt. „ALBA hatte und hat darauf keinen Einfluss“, beteuert der Konzernsprecher.

Durchschnittlich rund 1,3 Millionen Tonnen Plastikmüll exportiert Deutschland jedes Jahr ins Ausland. 2020 ist die Gesamtmenge zwar zurückgegangen, Exporte in die Türkei aber haben sich im selben Zeitraum fast verdoppelt. Mit 136.000 Tonnen Plastik aus Industrie und Haushalten gehörte das Land am Bosporus neben den Niederlanden, Malaysia und Polen zu den Hauptzielländern.

Umweltschützer in der Türkei beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Lizensierte Recyclingfirmen importierten den Müll, verteilten ihn dann aber an andere Firmen weiter, berichtete Nihan Temiz Ataş von Greenpeace schon vor knapp einem Jahr unserer Zeitung. „Es ist nicht klar, wo der Plastikmüll am Ende landet, tatsächlich im Recycling oder irgendwo in der Landschaft“, so die Aktivistin. In den Regionen Izmir im Westen und Adana im Süden des Landes häufen sich mittlerweile die illegalen Abfallberge.

Alarmiert ist auch die internationale Polizei-Organisation Interpol, die im vergangenen Jahr einen Bericht über „kriminelle Trends auf dem globalen Markt für Plastikmüll“ veröffentlichte. Die Türkei wird darin als eines von sieben Ländern genannt, in denen Abfälle illegal verbrannt werden.

Bei ALBA sah man aber offenbar keine Veranlassung, die Exporte in die Türkei zu unterlassen. Die türkische Recyclinganlage, für die die Lieferungen bestimmt waren,  habe über eine anerkannte Zertifizierung verfügt, betont ALBA-Sprecher Krumrey auf Nachfrage unserer Redaktion. „Zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses und der Übergabe des Materials lagen alle erforderlichen Papiere vor“, führt der Konzernsprecher weiter aus.

Es war auch nicht das erste Mal, dass ALBA in die Türkei exportiert. Bereits 2019 gab es Lieferungen - und ebenfalls Ungereimtheiten. Damals existierte zwar die Recyclinganlage im Norden des Landes noch. Doch ist aus heutiger Sicht fraglich, ob sie auch tatsächlich das Plastik von ALBA recycelt hat. Die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) als zuständige Kontrollbehörde in Deutschland stellte bei einer nachträglichen Überprüfung Mängel fest und lehnte es ab, die dorthin exportierten Mengen als verwertet einzustufen. Laut Krumrey hat ALBA erst im Februar dieses Jahres über die ZSVR von den Problemen mit dem Werk erfahren. Die ZSVR kritisiert: „Offensichtliche Mängel hätten bei der eigenen Prüfung auffallen müssen und zwar vor der Verbringung.“

Nicht nur ferne Länder haben Probleme mit illegalen Abfallbergen. Auch in Deutschland türmt sich der Dreck, etwa gleich hinter der Ostgrenze Berlins, noch vor dem Zementwerk Rüdersdorf. Ziemlich direkt an der B1, in dem Ort Fredersdorf-Vogelsdorf, warten mehr als 80.000 Tonnen Müll schon seit rund 20 Jahren auf eine fachgerechte Entsorgung. Vielerorts in Brandenburg sieht es ähnlich aus. Müllhändler haben seit der Wende massiven Schaden angerichtet. Insgesamt fast 130 illegale Deponien und Abfalllager überziehen das Bundesland, jedes Jahr kommen neue hinzu. Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel spricht von teils „bandenartigen Strukturen“. In einer bislang einmaligen bundesweiten Auswertung von 2012 verglich das Bundeskriminalamt die Gewinne der Müllbarone mit den Profiten der Organisierten Drogenkriminalität – und stellte fest: Dealen mit Müll ist lukrativer.

Ladenbesitzer Florian Remmler und seine „unverpackt“-Kundschaft vermeiden demzufolge nicht einfach nur Abfall. Sie entziehen den Mülldealern auch den Stoff, den die für ihre schmutzigen Geschäfte brauchen. Noch sind es nur kleine Inseln des Widerstands gegen eine Übermacht an Müllproduzenten. Doch sie erreichen offenbar immer mehr Sympathisanten. Die Geschäftsfrau Milena Glimbovski, die 2014 mit „Original unverpackt“ den ersten Laden dieser Art in Berlin eröffnet hat, betreibt seit Kurzem auch einen Lieferservice. Ihre Ware kommt in Kisten, Jutebeuteln und Pfandgläsern, transportiert auf Lastenrädern.

So langsam kommt das Thema Vermeidung auch bei den großen Lebensmittelketten an. Der Handelsriese Rewe etwa wirbt damit, dass es die Bio-Gurke in seinen Filialen jetzt ohne Folie gibt. Eingeschweißtes Obst und Gemüse gehören jedoch nach wie vor in fast allen Supermärkten und Discountern zum festen Sortiment.

Die Früchte, die Remmler in seinem „unverpackt“-Laden in Wilmersdorf anbietet, sind nicht so schnell verderblich. Neben den Mangostreifen aus der luftdichten Großverpackung sind das zum Beispiel Pistazien und Macadamia-Nüsse, aber auch getrocknete Erdbeeren und Himbeeren, die wie Perlenschmuck in Glasbehältern lagern. Frisch hingegen ist die Creme aus der Nussmaschine, die etwas unscheinbar in einer Ecke steht, aber zu den speziellen Angeboten gehört. „Heute gibt es Haselnuss“, schwärmt Florian Remmler einer Kundin zu.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.