Berlin -  Das Leben wird endlich lockerer. Es ist wieder erlaubt, ins Museum zu gehen, ins Freibad, ins Freiluftkino, ins Lieblingscafé — wenn dieses Café Sitze im Freien hat. Bis zu 250 Menschen dürfen an einer Veranstaltung teilnehmen. Was zurzeit passiert, ist (hoffentlich) nur ein Vorgeschmack auf das, was uns im Sommer erwartet: Berlin darf wieder Berlin sein. Wir dokumentieren die ersten Tage dieser „Öffnungsorgien“ (Angela Merkel, April 2020).

Donnerstag, 18 Uhr, Holocaust-Mahnmal

Hayley Austin
Mal ganz lässig: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller am Holocaust-Mahnmal am Donnerstagabend. 

Die Sonne wirft einen Schatten, den sie weltweit nur an diesem Ort werfen kann. Wie kantige Wellen ragen die grauen Stelen in den Himmel, ohne die runden Schatten von Touristen, ohne überhaupt irgendwelche Menschen, die hindurchlaufen. Das Holocaust Mahnmal, es wirkt noch trostloser und… passender.

Mit großen Schritten kommen fünf Menschen über die Hannah-Arendt-Straße gelaufen. Es ist der Regierende Bürgermeister, seine Pressesprecherin, die früher für die Berliner Zeitung gearbeitet hat und zwei Personenschützer, die im Licht der Abendsonne freundlicher wirken, als sie dürfen. Die fünfte Person ist ein Passant, der den Bürgermeister erkannt hat und einige Fragen an ihn hat. Müller beantwortet geduldig alles.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glück lehren will

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Es geht um Israel, denn Müller ist auf dem Weg zu einer Veranstaltung am Brandenburger Tor, bei der er Solidarität mit Israelis bekunden will. Zu den Öffnungsorgien, die an diesem Wochenende stattfinden, will er sich nicht äußern. „Es ging auch heute im Abgeordnetenhaus wieder darum“, sagt er. „Wir haben viel gestritten und das wird auch noch weitergehen.“ Er selbst hat nichts vor, kein Café, kein Museum, kein Restaurant, auf das er sich „besonders“ freut. Typisch Müller. Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage an einen Bürgermeister zwischen Abgeordnetenhaus und Holocaust Mahnmal. Für das Foto wäre der Sprecherin ein anderer Ort lieber gewesen, aber Müller sagt: „Nein, dieses Mahnmal ist doch ein wichtiger Ort.“

18.30 Uhr, Potsdamer Platz

Hayley Austin
Alina Neumeyer mit ihrem Neffen Milan am Potsdamer Platz am Donnerstagabend. 

Alina Neumeyer hat ihren Neffen Milan vom Bahnhof abgeholt und läuft mit ihm durch die Innenstadt nach Neukölln, wo sie wohnt. „Das letzte Mal war ich sechs Jahre alt“, sagt Milan, „ich kann mich kaum an etwas erinnern.“ Auf die Frage, wo er wohnt, muss er kurz überlegen. „In Osnabrück oder Chile“, sagt er dann, „wie man‘s nimmt.“ Seine Eltern sind in die Hauptstadt des südamerikanischen Landes gezogen und überlegen gerade, zurück nach Deutschland zu kommen. „Der Lockdown dort war sehr hart“, sagt Milan, „wir durften nur an zwei Tagen in der Woche das Haus verlassen.“

Die beiden stehen am Potsdamer Platz, dem Ort, wo einst die erste Ampel erfunden wurde, und nichts erinnert im Augenblick daran, dass es die vielbefahrenste Kreuzung der ganzen Welt war. Sie schauen sich die Original Mauerstücke an und als er sagen soll, wie er bisher Berlin finde, nach drei Stunden, sagt er: „Nur: WOW!“ Neffe und Tante haben viel vor an diesem verlängerten Wochenende. Sie übertrumpfen einander mit Vorschlägen: „Minigolf!“ — „Freiluftkino“ — „Hasenheide!“ — „Mauerradweg!“ — „Tempelhofes Feld!“ — „Reichtstag!“ Dann Alina Neumeyer kurz still, überlegt und ruft: „Ankerklause! Die Bars haben ja auch wieder auf!“

19 Uhr, Gropiusbau: 

Hayley Austin
Das erste Gebäude, das je als Museum gebaut wurde weltweit, öffnet wieder seine Tore: Das Alte Museum.

Lydia H. hat am Dienstag die ganze Zeit auf „Refresh“ gedrückt. Das ist dieser Pfeil, der einen Kreis beschreibt und der eine Webseite aktualisiert. Die 30-Jährige wollte einfach gern am Donnerstag in den Martin-Gropius-Bau gehen und sich die Ausstellung anschauen. „Also habe ich im Homeoffice mittags um 12 Uhr solange Refresh gedrückt, bis ich das Ticket buchen konnte — und es hat geklappt.“ Innerhalb weniger Minuten waren die wenigen Zeitslots im Museum weg. „Das letzte Mal war ich vor ungefähr einem Jahr im Museum“, sagt sie. „Ich hätte auch jede andere Ausstellung gern gesehen.“

Im Gropius-Bau wird gerade die Japanerin Yayoi Kusama ausgestellt, deren Werke und Installationen weltweit berühmt sind. Im Sommer würde hier eine sehr lange Schlange die vielleicht bis zur Stresemannstraße führen. Aber am ersten Tag nach der Öffnung sitzen vor dem Eingang nur wenige Menschen. Drinnen sei es nicht voll, sagen die, die herauskommen. Besonders gegen Ende, sagen einige Gäste, die die Ausstellung verlassen, stauen sich die Besucher etwas. Aber mit etwas Geduld kann man in zwei Stunden alles sehen.

19:30 Uhr, Säulengang, Alte Nationalgalerie

Die kühle Gasse hinter dem Alten Museum ist fast menschenleer. Noch immer keine Touristen, die kommen frühestens am Wochenende. Dafür läuft der Rapper „Winkeladvokat“ die Straße entlang und rappt laut seine neue Single in eine Kamera. Sie drehen ein Video. Oben auf der Treppe vom Neuen Museum tanzen drei junge Männer für TikTok und singen laut: „I want you to want me.“ Bei „You“ strecken sie den Arm aus, bei „Me“ zeigen sie auf sich. Einer der Tänzer heißt auf Instagram „magic_koooko“. Normalerweise touren sie um diese Zeit mit ihrem Programm durch Spanien und Portugal. Jetzt tanzen sie eben auf der Treppe. Wie schlimm war Corona für sie? „Auf einer Skala von eins bis zehn?“, fragt magic_koooko und antwortet: „Eine fünf.“

Ein paar Meter weiter beendet Julia Gill gerade ihre fast drei Stunden dauernde Führung durch die Berliner Innenstadt. „Wir hatten heute eine Exkursion“, sagt sie. „Für die Fächer Bautechnik und Baugeschichte.“ Das Neue Museum sei eines der Anschauungsobjekte, über das ihre Schüler, allesamt Erwachsene, ein Referat ausarbeiten müssen. Die Sonne lässt alles orange erscheinen und die Schüler klatschen und bedanken sich für die ausführliche Führung.

Aus dem Säulengang am Wasser ertönt Salsa. Marlene R. aus Prenzlauer Berg tanzt schon seit Jahren mit ihrem Tanzpartner, nur wegen der Pandemie haben sie sich seit mehreren Monaten nicht sehen können. Sie ist Krankenschwester und sagt sofort, dass sie sich immer testen lassen, bevor sie mit ihrem Partner hier tanzt. „Ich habe eine halbe Astra“, sagt sie und meint nicht das Bier. Ihr Partner möchte seinen Namen nicht nennen und wird ganz kleinlaut. „Ich hatte einen schweren Verlauf“, sagt er, „und ich habe Menschen aus meiner Familie verloren.“ Mehr möchte er dazu nicht sagen.

Da ist sie wieder, die Pandemie, die Menschen tötet, trotz Sommerstimmung und Salsamusik, trotz Wörtern wie „Wegbier“ und „Latte mit Hafermilch“, die hier herum getragen werden. Trotz sehr langer Schatten auf der Friedrichsbrücke nebenan und der leisen Tangomusik, die herüberweht. Sören Kittel

21.30 Uhr, Freiluftkino Kreuzberg

Foto: Hayley Austin
Endlich wieder Popcorn und Bier, wenn auch mit Abstand.

Es ist alles wie immer. Und als wäre nichts passiert. Popcorntütenrascheln. Flaschenhalsklirren. Ein Kuscheln und Tuscheln. In der dritten oder vierten Reihe, zwei Frauen, die auch dann lauthals lachen, wenn sonst keiner lacht. Manchmal auch noch dieser Höllenlärm vom angrenzenden Engeldamm, wo ein Motorradfahrer toxisch am Gaszug spielt. Und über dem Freiluftkino Kreuzberg, gerahmt von schunkelnden Baumwipfeln, hängt ein halber Mond.

Außen: fünfzehn Grad. Innen: Vorfreude. Oder wie der Nico aus Friedrichshain, dreißig Jahre alt, Single, Werbeagenturjob, es nennt: „Voll Bock, Kino stand ganz oben auf meiner After-Lockdown-Liste.“

Der Film, den 250 Menschen, darunter ein paar Kinder, ein schlafendes Baby und ein verträumter Hund, an diesem Donnerstagabend sehen, heißt „Futur 3“ – und das ist, glaubt man dem Postillon, eine Zeitform, die ausschließlich dazu dienen soll, Gespräche über den Berliner Flughafen BER zu führen. „Ich werde nächstes Jahr im Sommer nach Mallorca in den Urlaub geflogen wären gewesen." Tatsächlich ist „Futur 3“ ein Zustand zwischen Ankunft und Abschiebung und irgendwann sagt die Protagonistin, dass sie das Gefühl habe, ihr Leben doppelt zu führen: „Als die, die ich hätte sein können und die, die ich heute bin.“ Kein Lachen. Nicht mal in Reihe drei oder vier.

Eine halbe Stunde vor dem Filmstart setzt sich Arne Höhne auf einen Plastikstuhl und glaubt, eine „Rieseneule“ gesehen zu haben, da oben, in diesem Loch. „Nee“, sagt der Betreiber des Freiluftkinos Kreuzberg, „war doch nur eine Täuschung.“ Und dann zurück zum Thema, dem „Riesenglück“, den ersten After-Lockdown-Film Berlins zeigen zu können: „Wir waren vorbereitet, weil wir es uns erhofft haben.“ Dahinter stecke ein „Riesenbemühen“.

Höhne, ein aufrechter Mann mit kurzen grauen Haaren, hatte eine Woche Zeit, um seine Mitarbeiter wieder einstellen, „den Spirit aufzubauen“, den Onlinevorverkauf zu regeln, die aktuellen Hygieneregeln zu besprechen, alle Stühle abwischen, die Wiese zu mähen. „Wir sind hier auch Gärtner“, sagt er. Learning: Diesmal mal haben sie die Linien, die zwischen den Sitzreihen verlaufen und den Fußverkehr möglichst kollisionsarm regeln sollen, nicht mit regenwasserlöslicher Kreide gezogen, sondern mit Stoffbahnen.

Es ist Viertel nach elf, nur noch zwölf Grad, der Film zu Ende. Der Nico aus Friedrichshain ist so freundlich, alles zurückzugeben am Ausgang: Bierflasche, Aschebecher, Sitzkissen, Decke. Was steht eigentlich noch auf seiner Liste? „Einfach das ganz normale Leben. Das war nur der Anfang.“ Pause. „Hoffentlich.“ Im Futur 3 müsste das in etwa so klingen: Berlin wird bald wieder wie früher gewesen wäre werden. Paul Linke

Freitag, 9.30 Uhr, Strandbad Wannsee

Imago
Nimm dein kleines Schwesterlein: Das Strandbad Wannsee öffnet wieder!

Petra ist 59 und hüpft herum wie ein junges Mädchen. Sie wirft ihre Schuhe in die Luft, sie landen neben dem Strandkorb im Sand. Endlich wieder Wannsee! Wen stört es da, dass der Wind die Wellen peitscht, bei nur 14 Grad Luft- und Wassertemperatur? Petra jedenfalls nicht. „Besser kann’s nicht sein“, sagt sie. Immerhin gibt’s Sonnenschein über der leeren Strandpromenade.

Es ist Freitag, der erste Tag, an dem in Berlin nach acht Monaten Bäder-Lockdown wieder angebadet werden darf. Elf Frei- und Strandbäder öffnen, 14 weitere sollen im Juni folgen.

Doch zum Auftakt verliert sich morgens um 10 Uhr nur ein halbes Dutzend Gäste an Berlins größtes Strandbad. Wer gekommen ist, versteckt sich im oder hinter einem Strandkorb vor dem Wind. Ins kalte Wasser wagt sich keiner. Aber darum geht es auch nicht. Es geht hier um Freiheit.

„Es ist ein Zeichen, für die Mitarbeiter und alle Berliner, die einfach mal wieder raus können“, sagt Petra, die mit ihrem besten Freund gekommen ist. Seit August 2020 waren die zwei nicht mehr hier, heute haben sie einen Picknickkorb gepackt, mit Bio-Heidelbeeren und frischer Milch zum Kaffee. „Wir setzen uns hin, gucken aufs Wasser, frühstücken, freuen uns des Tages und des schönen Bades.“

Einige sind noch überfordert mit der Bürokratie. Eine Frau war um 9 Uhr schon hier. Sie dachte, ein Nachweis als Corona-Genesene reiche, doch sie brauchte einen negativen Test. Zum Glück gab es nebenan ein Testzentrum am Ausflugslokal an der Spinnerbrücke. „Es ist ein starker, frischer Wind, aber ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt sie nun.

Eine Optimistin wie Petra gewinnt selbst dem Wetter Positives ab. „Es kann immer ein bisschen besser sein“, sagt die Reisekauffrau, „aber für das Bad passt das doch erst mal total. Stellen sie sich vor, es wären heute 30 Grad, dann wäre hier eine Riesen-Schlange.“ Auch so haben die Mitarbeiter am Einlass zu tun, die Tickets auf dem Handy zu scannen und auf die richtigen Abstände hinzuweisen.

Dass es nur Online-Tickets für bestimmte Zeitfenster gibt, findet Petra großartig. Auch, dass dennoch eine Kasse mit kleinem Karten-Kontingent offen hat für alte Leute, die kein Internet haben. Der Rest muss eben organisieren. „Wenn ich Frühschwimmerin bin in Wilmersdorf um 7 Uhr, muss ich eben am Abend vorher einen Test machen.“ Dass die Plätze begrenzt sind, findet sie nicht schlecht. „Letztes Jahr standen hier viele an und mussten wieder gehen, bald kommen wieder Touristen.“

Doch bis dahin kann man Tourist spielen in der eigenen Stadt, am Strandkorb stehen, Wind um die Nase wehen lassen. Wann wird es je wieder so leer sein, so frei im Freibad? Womöglich nie wieder. Dominik Bardow

10 Uhr, Café Krone, Prenzlauer Berg

Foto: Hayley Austin
Jenny Ewald im Café Krone in Prenzlauer Berg, sie arbeitet hier seit März 2020. 

Jenny Ewald hat in den letzten Tagen immer wieder auf ihre Wetterapp auf dem Handy geschaut. Erst stand Regen für Freitag drin, sagt sie, dann habe sie Wolken gesehen, „ich dachte, was wird das?“ Dann wichen die Wolken aus der App. Und jetzt, am Freitagmorgen, scheint die Sonne über den Tischen des Café Krone. Die Tische stehen auf der Oderberger Straße, unter freiem Himmel, also dort, wo man ab jetzt in Berlin wieder Gäste bewirten darf. Jenny Ewald nennt den Bereich „unsere Terrasse“, sie hat mit ihren Kollegen die Tische herausgestellt, eine Vase mit Lilien.

Es ist halb zehn. Tag eins der „neuen Normalität“. Jenny Ewald muss einen kleinen Moment überlegen, wie ihr Job hier eigentlich heißt. Servicemanagerin, sagt sie dann. Seit November gab es keinen Service im klassischen Sinn im Café Krone. Jenny Ewald hat im März 2020 im Café Krone angefangen, zwei Wochen vor dem ersten Lockdown. Von Juni bis Oktober war normaler Betrieb, was im Café Krone heißt: Am Wochenende stehen die Leute die halbe Straße hinunter in der Schlange, vor allem gegen Mittag, aber auch bis in den Nachmittag hinein. Das Café Krone ist ein Frühstückscafé, berühmt für seine pochierten Eier und Pancakes.

Die ersten Gäste am Freitag sind drei Freunde, die in der Nacht mit dem Bus nach Berlin gekommen sind. Das erzählen sie einem Kamerateam der ARD, das auch schon da ist und im Mittagsmagazin berichten will, wie es mit den Öffnungen in Berlin läuft. Die drei Freunde kommen aus der Nähe von München, haben aber keine aktuellen Testergebnisse dabei. Sie sind auch noch nicht doppelt geimpft oder kürzlich von Corona genesen. Aersolforscher sagen zwar, dass es im Freien kaum eine Ansteckungsgefahr gibt, aber die Regeln des Senats wurden nicht von Aerosolforschern geschrieben.

Ohne Negativbeweis gibt es vom Café Krone nur Kaffee zum Mitnehmen. Ein Kollege von Jenny Ewald schickt die Freunde zu einem Kiosk am Ende der Oderberger, vor dem Biomarkt, und hält ihnen den guten, großen Tisch frei. Aber am Testkiosk müsste man gerade eine dreiviertel Stunde warten, bis man drankommt. Die neue Normalität stellt neue Aufgaben. Die Freunde ziehen weiter.

Die Plätze vor dem Café Krone füllen sich mit Menschen, die besser vorbereitet sind. Die meisten seien sehr kooperativ und haben alles dabei, sagt Jenny Ewald. Es klingt gar nicht so richtig nach Berlin, aber man kann zusehen, wie überall Zettel oder Handys vorgezeigt werden. Man habe auch auf Instagram noch mal auf alles hingewiesen, sagt Jenny Ewald.

Es sei auch für sie „superkomisch“, wieder in den Normalmodus zu schalten. In den letzten Monaten hat Jenny Ewald vor allem Frühstücksboxen gepackt. Große, liebevoll dekorierte Kisten, mit zum Beispiel sieben veganen Speisen für zwei Personen, Chia-Pudding mit Apfel-Walnussragout, gerösteter Wurzelsalat, solchen Sachen. An einem Wochenende pressten Ewald und ihre Kollegen 65 Kilo Orangen aus, weil es zu vielen Paketen O-Saft in Halbliterflaschen gab. Es sei viel besser gelaufen, als sie erhofft hatten, aber sie seien glücklich, die Gäste jetzt wieder länger als für eine Abholung zu sehen. Die ersten Stammgäste hätten auch schon im Café angerufen und nach Tischen gefragt, als die Nachrichten noch vage von „Öffnungsperspektiven“ sprachen.

Vor dem Bestellen vor Ort steht eine weitere Aufgabe, man muss man einen QR-Code mit dem Handy einscannen, dann in einem Formular die Namen, Adressen und Telefonnummern aller Haushalte am Tisch eingeben. Die Speisekarte erscheint auch auf dem Handy.

Und dann, endlich, das Frühstück. Orangensaft in großen Kristallgläsern statt Plastikflaschen. Der oder das „Avocado Squash“, dunkles geröstetes Brot, Guacamole, darauf zwei pochierte Eier, mit Salat, in den Erdbeeren geschnitten sind. Ein Turm aus Pancakes, über den sich Vanille-Tonka-Sauce ergießt, in der Heidelbeeren schwimmen, aber nicht untergehen. Jeder Teller sieht besser aus, als man es in sieben Monaten zuhause je hinbekommen hat. Fotos für Instagram werden gemacht. Es ist immer noch sonnig und sogar so warm, dass man im T-Shirt sitzen kann. An einem Nachbartisch frühstückt, wenn man sich nicht täuscht, die Musikerin Peaches. Es ist fast elf, auf einem Tim oder Tom wird gewartet, der doch um zehn da sein wollte. Es ist noch nicht Wochenende, aber der halbe Kiez scheint frei zu haben. Es ist, mit anderen Worten, dann doch schnell wieder so, wie es immer war. Wiebke Hollersen

Neues Museum, 16.45 Uhr 

Wiebke Hollersen
Nofretete allein Zuhaus': Die weltberühmte Statue war selten so exklusiv zu beobachten.

Die Nofrete allein sehen. Einmal im Leben. An diesem Nachmittag geht es. Nur drei Musemswächter sind im Raum mit ihr. Zwei Frauen, die schnattern, ein stiller Mann. „Ist dieser Raum je so leer?“, fragt man sich und kann sein Glück kaum fassen. Der stille Wächter schüttelt den Kopf, lächelt. Nofretete lächelt auch. Man sieht sie lange an, die kleinen Fältchen unter den Augen, um den Mund. Wie sie wohl die Pandemie verbracht hat? Wiebke Hollersen

21 Uhr, Boxhagener Platz, Friedrichshain

Außengastronomie, das klingt nach einem Teilzeitstudiengang, in dem man es ohne Plagiatskünste zum Doktor bringen kann, in zwei Semestern. Andererseits ist Außengastronomie manchmal nicht mehr als ein Späti und vier Stühle davor. Einer ist gerade freigeworden.

„Klar, setz dich“, sagt Tino, der sich eine Zigarette dreht zum Bier und erst mal nur ein Wort findet, das beschreibt, was hier am Boxhagener Platz und in den angrenzenden Straßen so los ist. Das Wort, das Tino, 26, „Germanist im Werden“, kopfschüttelnd aus der trockenen Kehle presst: „Krass.“ Das ist eine Untertreibung. Allenfalls eine Annäherung an das  Glück, das sich hier entlädt.

Die Leute sitzen, stehen, gehen, sie essen, trinken, reden, lachen, entdecken ihre Stadt neu, sind neugierig, staunen, als hätten sie Außengastronomie immer nur online studiert. Tino vor dem Späti, der um die Ecke wohnt und kurz mal schauen wollte, was abgeht, sagt mit fertiger Kippe zwischen den Zähnen: „Krass, was wir alles verpasst haben, oder?“ Dann tippt er irgendwas.

Zum Schluss eine Kamerafahrt von links nach rechts: offene Restaurants, offene Bars, offene Herzen und Münder. Es ist Freitagabend. Der erste im neuen Leben. Vielleicht. Sieht aus, als wäre allein das schon ein Grund zum Feiern. Paul Linke

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.